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Ukraine

Flamingo: Russische Blogger toben nach ukrainischem Langstreckenangriff

Former U.S. Secretary of State Mike Pompeo, right, who has joined the advisory board of Ukraine's leading defense company Fire Point, inspects a Flamingo missile with Chief Technology Officer Iry ...
Der ehemalige US-Aussenminister Mike Pompeo, heute im Vorstand der grössten ukrainischen Waffenfirma, lässt sich eine Flamingo-Rakete zeigen.Bild: keystone

Flamingo-Rakete: Russische Blogger toben nach ukrainischem Langstreckenangriff

Die Ukraine meldet einen spektakulären Schlag tief im Inneren Russlands. Der Angriff gelang jedoch nicht etwa mit Waffen der westlichen Unterstützer.
23.02.2026, 05:3123.02.2026, 05:31
Christoph Cöln / t-online
Ein Artikel von
t-online

Seit nunmehr vier Jahren bittet die Ukraine ihre westlichen Partner um Unterstützung für ihren Abwehrkampf gegen den russischen Aggressor. Immer wieder reist Präsident Wolodymyr Selenskyj in die europäischen Hauptstädte, schmeichelt dem US-Präsidenten in Washington, D.C. oder hält flammende Appelle auf internationalen Konferenzen. Doch alle seine Initiativen, leistungsstärkere Angriffswaffen zu erhalten, scheiterten bislang.

Zuletzt musste Selenskyj die Verbündeten sogar anbetteln, wenigstens die nötigen Kontingente für die heimische Flugabwehr zu bekommen, um dem täglichen Luftterror des Putin-Regimes auf ukrainische Städte Einhalt gebieten zu können. Das Ergebnis: Der deutsche Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) sagte die Lieferung von fünf Patriot-Raketen zu.

Mit fünf Raketen kann die Ukraine nicht mal eine einzige grössere Stadt für eine Nacht schützen. Pistorius knüpfte sein Angebot zudem an die Voraussetzung, dass man die fünf Raketen nur dann liefere, wenn andere europäische Partner ihrerseits 30 Stück lieferten. Das war vor zehn Tagen. Was daraus wurde, ist nicht bekannt. Seitdem starben wieder etliche Menschen in der Ukraine im russischen Bombenterror.

Kriegswichtiger Rüstungsbetrieb des Putin-Regimes

Die Bestände an Luftabwehrraketen der ukrainischen Armee gehen zur Neige. Das Land steht an vielen Stellen bereits schutzlos dar. Doch nun sorgt eine Nachricht für Aufsehen. Laut der ukrainischen Nachrichtenagentur Ukrinform gelang der Armee Kiews am Samstag ein spektakulärer Luftangriff auf einen Rüstungsbetrieb tief im Inneren Russlands. Bei der Attacke auf die für ihre Rüstungsbetriebe bekannte Republik Udmurtien, westlich des Uralgebirges, wurden nach russischen Behördenangaben mindestens elf Menschen verletzt.

Videos in sozialen Netzwerken zeigen schwarze Rauchsäulen und erhebliche Schäden an Gebäuden in der Stadt Wotkinsk, wo der kriegswichtige Betrieb sich befindet.

Der ukrainische Generalstab teilte mit, es seien wichtige Objekte des militärisch-industriellen Komplexes und der Logistik des Feindes getroffen worden. Ziel des Angriffs waren offenbar Produktionsstätten für die Interkontinentalraketen Iskander-M, Oreschnik und Kinschal. Diese spielen im russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine eine Hauptrolle: Fast täglich lässt Wladimir Putin Marschflugkörper dieses Typs auf das Nachbarland regnen, um dessen Energieinfrastruktur völlig zu zerstören und die Bevölkerung zu brechen. Doch die gibt nicht auf.

Experte: «Ein echtes Problem für Putin»

Ganz im Gegenteil. Der Angriff auf den russischen Rüstungsbetrieb setzt ein starkes Signal an den Kriegsherrn im Kreml – und zugleich auch an die europäischen Verbündeten. Denn er gelang nicht etwa mit Raketen aus den Beständen der westlichen Partner. Für die Attacke rund 1400 Kilometer hinter der ukrainischen Landesgrenze setzte Kiews Armee den Marschflugkörper Flamingo ein. Ein Waffensystem aus ukrainischer Produktion. Wie schon so oft in diesem Krieg wartet Kiew also nicht darauf, dass sich die Verbündeten endlich aufraffen und handeln. Kiew handelt selbst.

«Der Flamingo könnte für Putin ein echtes Problem bedeuten», schrieb der deutsche Politikanalyst und Militärexperte Fabian Hoffmann in einer Analyse für das Center for European Policy Analysis (CEPA). Demnach verfügt die Waffe über die von der Ukraine so dringend benötigte Langstreckenkapazität. Diese ist wichtig, um die tief im Inneren Russlands versteckten Rüstungskomplexe des Putin-Regimes zu treffen und damit den Nachschub an Bomben für den Luftkrieg Moskaus auszutrocknen.

Anstatt vergeblich auf die Hilfe des Westens in Sachen Flugabwehr zu warten, geht die Ukraine in die Offensive: Sie attackiert die russischen Bomben, noch bevor sie überhaupt auf den Weg gebracht werden können. Mit dem Flamingo habe die Ukraine nun ein echtes «Schwergewicht in seinem Arsenal», stellt Hoffmann fest.

Der Vorteil der Waffe ist nicht nur ihre grosse Reichweite (laut dem Hersteller sollen sie bis zu 3000 Kilometer fliegen können). Es ist vor allem die Fähigkeit, einen grossen Sprengkopf von mehr als einer Tonne Gewicht tragen zu können. Das unterscheidet den Flamingo von den Langstrecken-Drohnen aus ukrainischer Produktion. Diese fliegen zwar weit, tragen aber wesentlich kleinere Sprengladungen. Auch sind sie leichter abzufangen als Marschflugkörper.

Selenskyj gibt Landsleuten Versprechen

Das Ausmass der Schäden an der Rüstungsfabrik im russischen Udmurtien werde noch geprüft, hiess es aus dem ukrainischen Verteidigungsministerium. Bislang liegen also noch keine Erkenntnisse vor, wie erfolgreich der Angriff wirklich war. Das russische Verteidigungsministerium teilte zwar mit, dass die Flugabwehr unter anderem fünf Flamingos und mehr als 170 Drohnen abgeschossen habe. Zu Schäden oder den genauen Orten machte das Ministerium aber – wie fast immer – keine Angaben.

Die Tatsache, dass die Ukraine den militärischen Komplex in Wotkinsk überhaupt angreifen konnte, werten Experten aber als einen weiteren Beweis dafür, dass Kiew inzwischen die Fähigkeiten habe, folgenreiche Gegenschläge tief im russischen Hinterland auszuführen. In russischen Telegram-Kanälen war die Aufregung über den Schlag entsprechend gross. Dort echauffierten sich kremltreue Kriegsblogger über die offensichtlich mangelhafte russische Luftabwehr.

«Jeder Angriff der ukrainischen Streitkräfte auf Udmurtien wirft Fragen zur Organisation der Luftverteidigung auf. Wie konnte etwas mehr als 1400 km über unser Land fliegen und dabei alle Luftverteidigungsstellungen umgehen?», hiess es da unter anderem. Putins Schergen zürnen ob der erstaunlichen militärischen Fähigkeiten der Ukraine. Unterdessen gab Präsident Selenskyj seinen geschundenen Landsleuten am Wochenende ein Versprechen:

«Wir werden den Krieg auf keinen Fall verlieren.»

Verwendete Quellen:

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86 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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winglet55
23.02.2026 05:50registriert März 2016
Der Westen inkl. die Schweiz agieren einfach nur noch beschämend auf den Krieg in der Ukraine. Es wäre wirklich an der Zeit endlich die UA mit Allem zu unterstützen, was an Kriegstechnologie zur Verfügung steht! Dami nomol.
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banda69
23.02.2026 06:00registriert Januar 2020
Anscheinend hat die Ukraine letzte Nacht die Ölindustrie in Almetjewsk, Tatarstan, getroffen – rund 1.500 km von der Grenze entfernt. Die Stadt ist das Herzstück des russischen Ölkonzerns Tatneft und Startpunkt der Druschba-Pipeline, die Osteuropa versorgt. Ein Treffer dort schadet Russlands Kriegsfinanzierung enorm, könnte den Ölfluss zu den Russenfreunden Ungarn (Orban, der SVP Freund) und in die Slowakei unterbrechen – und zeigt vor allem: Die Ukraine kann tief ins russische Kernland schlagen, in Regionen, die bislang als sicher galten.

🇺🇦🙏🏻
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Wolfgang Bumbuy
23.02.2026 06:32registriert November 2024
Was Patriot abfangraketen angeht, sind die Lager ziemlich leer, die Nachtproduktion bei den Amis läuft nur schleppend, die geplante Produktion bei Diehl von Patriots ist noch nicht abgelaufen. Eine Produktion des Flamingo soll übrigens in Dänmark stattfinden.
Das es jede Menge Joint Ventures gibt, zwischen ukrainischen und europäischen Rustungsherstellern ist bis zum Redakteur dieses Artikels noch nicht angekommen.
Wenn es die Schweiz nervt, wie unfähig doch die anderen alle sind, dann.... ja was dann!? Daumen noch tiefer, bei erhobenem Zeigefinger?
Wirkt lächerlich.
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