JD Vance versucht sich als Orban-Retter – doch die Umfragen sind deutlich
Fünf Tage an der Macht bleiben Viktor Orban noch in Ungarn – davon muss man zumindest ausgehen, wenn man sich die Umfragen anschaut. Sie prophezeien übereinstimmend einen deutlichen Sieg der oppositionellen Sammelbewegung «Tisza» von Herausforderer Peter Magyar.
Doch Umfragen entscheiden keine Wahlen. Und Viktor Orban setzt alles daran, das Ruder auf der Ziellinie doch noch herumzureissen. Den entscheidenden Schub erhofft er sich von seinem mächtigsten Verbündeten: den USA.
Auch Vance wittert eine «EU-Verschwörung»
US-Vizepräsident JD Vance ist am Dienstag nach Budapest gereist, um Orban den Rücken zu stärken. Der Auftritt im ehemaligen Karmeliterkloster, heute Sitz der Regierung, ist sorgfältig inszeniert. Die Botschaft ist klar: Washington steht hinter Orban.
«Viktor Orban hat wunderbare Dinge vollbracht.» Er sei ein «weiser Anführer» und einer der wenigen in Europa, der noch für christliche Werte und die westliche Zivilisation einstehe, so der gläubige Katholik Vance.
Aber der Trump-Vize sagte auch, er sei nicht gekommen, um den Ungarinnen und Ungarn Anweisungen zu geben. Vielmehr wolle er eine Botschaft an die «EU-Bürokraten in Brüssel» senden. Diese hätten sich nämlich «schändlich» in den Wahlkampf eingemischt und versucht, die ungarische Wirtschaft kaputtzumachen. «Und das alles, weil sie diesen Typen [Orban] nicht ausstehen können», so Vance.
Belege blieb Vance schuldig. Doch seine Behauptung über die EU-Einmischung entspricht eins zu eins der Orban-Wahlkampferzählung. Sie dreht sich in vieler Hinsicht um ein vermeintliches Komplott der Opposition mit der EU und der Ukraine gegen Ungarn. Die zahlreichen Plakate, die eine solche Verschwörung suggerieren, dürften Vance bei seiner Fahrt durch die ungarische Hauptstadt jedenfalls nicht verborgen geblieben sein.
Fidesz Negativ-Kampagne verfängt nicht mehr
Wird die Rettungsmission erfolgreich sein? Andrea Vigar ist skeptisch. Sie ist Politik-Chefin beim unabhängigen Forschungsinstitut «Republikon» in Budapest. Ihr zufolge liegt Orbans Problem unter anderem darin, dass kaum ein Fidesz-Wähler eine Ahnung habe, wer JD Vance überhaupt ist. Wenn schon, würden sie dessen Boss US-Präsident Donald Trump kennen. Aber dieser hat im Moment mit dem Iran-Krieg gerade anderes zu tun.
Daneben führe der Herausforderer Peter Magyar einen klugen Wahlkampf. Während Orban seine Kampagne auf die «Bedrohung von Aussen» und Negativ-Themen wie die Kriegsangst zuspitze, biete Magyar den Ungarn einen Blick in die Zukunft, so Vigar. Er verspreche, die blockierten EU-Milliarden zurückzuholen, die grassierende Korruption zu bekämpfen und das Verhältnis mit den internationalen Partnern zu flicken.
«Peter der Ungar» ist kein linksgrüner Euro-Turbo
Die Einschätzungen der Politologin decken sich mit dem Bild, das sich CH Media bei einem Augenschein vor Ort vor ein paar Tagen selbst machen konnte. In Törtel, einem kleinen Dorf rund eineinhalb Stunden von Budapest entfernt, haben sich gut 500 Einwohnerinnen und Einwohner auf dem Platz vor der Alten Mühle versammelt. Sie wollen diesen Magyar, von dem alle reden, für einmal selbst sehen. Es gibt Softgetränke und selbst gebackene Kuchen. Ein Kleinlaster wird als Bühne herbeigefahren. Dorffest-Stimmung statt Machtdemonstration.
Um Punkt zwölf Uhr ist es so weit. Händeschüttelnd, zu ungarischer Musik und mit wehender Nationalflagge marschiert Magyar, dessen Name wörtlich übersetzt «Peter der Ungar» lautet, in die improvisierte Arena ein. Schnell wird klar: Hier handelt es sich kaum um den linksgrünen Euro-Turbo, als den ihn Orban darzustellen versucht.
Magyar verspricht, «ein funktionierendes und menschliches» Ungarn aufzubauen. Natürlich kündigt auch er Steuersenkungen und die Erhöhung der Familienzulagen an. Heisse Themen wie seine Haltung zur Ukraine umschifft er. Denn er weiss: Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj ist in der ungarischen Bevölkerung in etwa so unbeliebt wie der russische Machthaber Wladimir Putin.
Zum Schluss gibt es Selfies mit den Bewohnern, die offenbar zufrieden sind. «Laszlo Földi [der Fidesz-Bezirksvorsitzende] lässt sich jedenfalls nie hier blicken», sagt einer der Zuschauer.
Orban: «Wir werden alles verlieren, was wir uns erarbeitet haben»
130 Kilometer entfernt, in Esztergom, der ehemaligen Königsstadt am Donauknie an der slowakischen Grenze, hat ein paar Stunden später Viktor Orban seinen Auftritt. Hier, am Fusse der monumentalen Basilika, hat Orban seine ganze Wahlkampfmaschine aufgefahren.
Zu Tausenden und begleitet von TV-Kameras strömen Fidesz-Getreue aus den umliegenden Ortschaften in einem Bannerzug ein. Die ungarischen Flaggen und die Fackeln, welche gratis abgegeben werden, tauchen die Szenerie in ein patriotisches Fidesz-Festival. Eingeheizt wird dem Publikum vom Sänger der ungarischen Rock-Band Edda in gelber Lederjacke.
Orban verspricht, die Ungarinnen und Ungarn aus dem «slawischen Bruderkrieg» in der Ukraine herauszuhalten. Der Opposition unterstellt er Drogen zu konsumieren. Und er verkündet: Nur seine Regierung könne im aktuellen Umfeld für Stabilität und Frieden sorgen. Werdet ihr Tisza wählen, «werden wir alles verlieren, was wir die letzten 16 Jahre erarbeitet haben», appelliert Orban an seine Landsleute.
«Gewinnerbonus» könnte zum Bumerang werden
Peter Magyar oder Viktor Orban, wem die Ungarinnen und Ungarn mehr vertrauen, wird sich am Sonntag zeigen. Der Ausgang lässt sich trotz der eindeutigen Umfragen nur schwer vorhersehen. Das Wahlsystem ist kompliziert. Vereinfacht kann aber gesagt werden, dass der Sieger massiv begünstigt wird: Wer die wichtigen Direktmandate gewinnt, erhält zusätzliche Listenstimmen. Das erlaubte es Viktor Orban in den vergangenen Jahren jeweils trotz relativ geringerem Gesamtstimmenanteil mit einer Zweidrittelmehrheit zu regieren.
Schafft es Magyar, in genug Einzelwahlkreisen das Direktmandat zu holen, könnte dieses System nun aber auch für ihn spielen – und Orban zum Verhängnis werden. (aargauerzeitung.ch)
