«Braucht die Mutter aller Kommandoaktionen»: Die Jagd auf Irans waffenfähiges Uran beginnt
Nach zwei Wochen Krieg und tausenden Luftangriffen auf iranische Militärziele bleibt eine zentrale Frage unbeantwortet: Wo befinden sich die rund 440 Kilogramm hochangereichertes Uran, das Iran gemäss Expertenangaben besitzt?
Zwar wurden im Zwölf-Tage-Krieg vor einem Jahr die iranischen Atomanlagen schwer beschädigt; und auch die laufenden Bombardierungen dürften entsprechende Ziele getroffen haben. Am Donnerstag teilte die israelische Luftwaffe mit, den Taleghan-Komplex in Teherans Vorort Partschin zerstört zu haben, der mit der Nuklearforschung in Verbindung gebracht wird.
Doch die Behälter mit angereichertem Uran bleiben verschollen. Noch Ende Februar warnte die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA), dass das iranische Uran bei weiter funktionierenden Zentrifugen in Kürze waffenfähig gemacht werden könne.
Die Iran-Expertin Barbara Slavin sagt deshalb zur US-Armeezeitschrift «Stars & Stripes»: Es brauche nun «die Mutter aller Kommandoeinsätze, plus schweres Gerät», um die Nuklearbehälter sicherzustellen. Das Fachportal «The War Zone» weist zwar auf die grossen Risiken einer solchen Spezialoperation hin, «aber es dürfte der einzige Weg sein, das Material zu sichern».
US-Präsident zögert und stellt Bedingungen
Präsident Donald Trump schliesst ein solches Vorgehen nicht aus, stellt allerdings Bedingungen: «Wenn wir das jemals tun, müssen sie (die Iraner) so dezimiert sein, dass sie nicht mehr am Boden kämpfen können», so Trump in einem Interview an Bord der Air Force One. Für die Entsendung von US-Bodentruppen müsse es schon «sehr gute Gründe geben».
Reporter: Mr. President, don't you need ground troops to secure the enriched uranium at the nuclear sites?
— Acyn (@Acyn) March 7, 2026
Trump: We're going to find out about that. We haven't talked about it, but it was a total obliteration. They haven't been able to get to it. And at some point, maybe we… pic.twitter.com/f9LR6BzIdn
Trumps zögerliche Haltung wird von Analysten infrage gestellt, zeigt doch ein vertraulicher IAEA-Bericht vom 27. Februar, wie ernst die Lage ist. Nach IAEA-Angaben verfügt Iran über 440,9 Kilogramm Uran mit einem Reinheitsgrad von 60 Prozent – nur einen technischen Schritt entfernt von den 90 Prozent, die für Waffenqualität nötig sind. IAEA-Generaldirektor Rafael Grossi warnte, dieser Bestand könne theoretisch für «bis zu zehn Atombomben» reichen.
Das Internationale Institut für Strategische Studien (IISS) schreibt in einer aktuellen Analyse, der Aufenthaltsort des hochangereicherten Urans sei «unbekannt». Am wahrscheinlichsten befinde es sich in beschädigten Tunnelanlagen bei Isfahan oder in Natanz und Fordow. Gemäss jüngst veröffentlichten Satellitenbildern haben die Iraner in Isfahan Zugangsstollen ausgehoben, um an die verschütteten Atomanlagen wieder heranzukommen.
Recently released satellite imagery shows excavation efforts underway with a narrow path into the tunnel at the Iranian nuclear site in Isfahan indicating efforts are underway to access the site.
— TheIntelFrog (@TheIntelFrog) March 10, 2026
Source: @EricSchmittNYT https://t.co/S77myl6Hqj https://t.co/A1TwAX0PEM pic.twitter.com/ArVKpl0L7x
Fox News berichtete Mitte Woche unter Berufung auf US-Geheimdienstquellen, das Uran sei bombensicher in einen neuen Granitstollen in einem Berg nahe Natanz verlegt worden. Der Nachrichtensender sprach ebenfalls von einem zur Sicherstellung notwendigen Kommandounternehmen.
«Ausreichendes Zeitfenster» für Diebstahl und Missbrauch
Die IISS-Studie sagt voraus: Sollte das Mullah-Regime im laufenden Krieg die Kontrolle verlieren und ein Machtvakuum entstehen, werde «die Sicherheit von Nuklearmaterial, Technologie und Wissen ein zentrales Problem». Ohne den Einsatz von Bodentruppen sei es schwierig, die Proliferations- und Strahlenrisiken einzudämmen.
Die bisherigen Luftangriffe – so intensiv und präzise sie auch sein mögen – könnten zwar Anlagen zerstören und Programme verzögern. Doch sie garantieren weder die Sicherung des Materials, noch verhindern sie dessen mögliche Weitergabe an iranische Terror-Proxys wie Hisbollah, Hamas oder den «Islamischen Staat».
Noch eindringlicher wird ein aktueller Bericht des Washingtoner Stimson-Zentrums: Ein politischer Umbruch oder gar ein Regimewechsel könne ein «ausreichendes Zeitfenster für Diebstahl oder Verschwinden des Materials» schaffen.
Die Stimson-Autoren ziehen die Schlussfolgerung: «Um sowohl einen Regimewechsel herbeizuführen als auch das verwundbare, für Massenvernichtungswaffen relevante Material im Iran zu sichern, könnten die Vereinigten Staaten letztlich gezwungen sein, ‹Stiefel am Boden› einzusetzen.»
Der pensionierte US-Luftwaffengeneral David Deptula räumt gegenüber «Stars & Stripes» ein, die physische Sicherung von Nuklearmaterial habe eine andere Dimension als blosse Luftschläge gegen unterirdische Atomanlagen. Angesichts der Dringlichkeit liegen aber «mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit» entsprechende Planungsvarianten bereits vor, folgert Deptula.
Bestätigend schreibt das US-Rechercheportal Semafor in einem Exklusivbericht, dass das US-Zentralkommando die Option einer solchen Kommandoaktion bereits ausgearbeitet habe.
Ob die Planungen aber demnächst ausgeführt werden, ist eine ganz andere Frage. Denn die bisherigen zahlreichen Kriegseinsätze des «Friedenspräsidenten» Trump zeigen vor allem eins: Dem überschaubaren Risiko von telegenen Luftschlägen stimmt der US-Präsident schnell und gerne zu.
Wenn es aber um den verlustträchtigen und mit Negativschlagzeilen behafteten Einsatz von US-Truppen auf fremdem Boden geht, braucht es schon ein ausserordentliches Szenario. Sogar bei der «perfekt durchgeführten» Entführung von Venezuelas Ex-Machthaber Maduro waren einige glückliche Umstände im Spiel, damit die amerikanischen Special Forces nicht empfindliche Verluste erlitten. (aargauerzeitung.ch)

