DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

«Die Sonne scheint» – Unschuldiger Todeskandidat kommt nach 30 Jahren frei

Bild: AP/FR170776 AP



Fast 30 Jahre sass der Afroamerikaner Anthony Ray Hinton wegen Mordes in einer US-Todeszelle – jetzt ist der 58-Jährige frei. Neue Untersuchungen hatten Zweifel daran bestätigt, dass ein bei ihm gefundener Revolver die Tatwaffe war. Hinton selbst hatte stets darauf beharrt, dass er unschuldig sei.

«Wir haben ein System, das einen Typen, der reich und schuldig ist, besser behandelt als wenn er arm und unschuldig ist.»

«Sie wollten mich für etwas hinrichten, was ich nicht getan habe», sagte er am Freitag nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis in Birmingham (Bundesstaat Alabama).

Nach Angaben des Todesstrafen-Informationszentrums war Hinton der 152. US-Häftling, der seit 1973 aus der Todeszelle freikam, weil er zu Unrecht verurteilt wurde.

Botschaft an die Verantwortlichen 

Hinton richtete seine Augen gen Himmel, als er das Gefängnis verliess. «Die Sonne scheint», sagte er und dankte Gott sowie seinen Anwälten für die gewonnene Freiheit. Zugleich äusserte er sich verbittert über das ihm widerfahrene Unrecht. «Sie hätten nur die Waffen testen müssen», sagte er dem Sender CNN und anderen Medien zufolge. 

abspielen

Die ersten Worte in der Freiheit: Anthony Ray Hinton. YouTube/al.com

«Aber du glaubst, dass du gross und mächtig bist, über dem Gesetz stehst und keinem Rechenschaft schuldest. Aber ich habe Neuigkeiten für dich – jeden, der eine Rolle dabei gespielt hat, mich in die Todeszelle zu schicken: Du wirst gegenüber Gott Rechenschaft ablegen müssen.»

Kein fairer Prozess

Eine Geschworenen-Jury hatte Hinton wegen Mordes an zwei Angestellten bei zwei getrennten Überfällen auf Fast-Food-Restaurants 1985 zum Tode verurteilt. Augenzeugen gab es nicht, wichtigstes Indiz war eine bei ihm gefundene Waffe. 

2014 entschied der Oberste Gerichtshof der USA, dass Hintons Recht auf einen fairen Prozess wegen Fehler seiner Verteidigung verletzt worden sei und hob das Urteil auf.

«Aber du glaubst, dass du gross und mächtig bist, über dem Gesetz stehst und keinem Rechenschaft schuldest. Aber ich habe Neuigkeiten für dich – jeden, der eine Rolle dabei gespielt hat, mich in die Todeszelle zu schicken: Du wirst gegenüber Gott Rechenschaft ablegen müssen.»

Die höchste Instanz bezog sich darauf, dass Hintons damaliger Anwalt einen unqualifizierten Ballistik-Experten als Zeugen aufgerufen hatte, um die Tatwaffen-Theorie der Anklage zu entkräften. Die Aussage dieses Mannes wurde im Kreuzverhör von der Staatsanwaltschaft zerrissen.

Bereits Jahre vor dem Spruch des Gerichtshofes hatten Experten Zweifel an dem wichtigsten Beweis geäussert. Sie hatten bei Tests die Revolverkugeln bei den Überfällen nicht der bei Hinton gefundenen Waffe zuordnen können.

Ungerechtes Justizsystem

Verlangte ein Gericht 2014 zunächst einen neuen Prozess gegen den Afroamerikaner, wurde das Verfahren jetzt auf Antrag der Staatsanwaltschaft eingestellt: Nicht ein einziger einer Reihe von Tests habe ergeben, dass die Kugeln aus der vermeintlichen Tatwaffe kamen.

In this undated photo made available by the Alabama Department of Corrections, shows inmate Anthony Ray Hinton. Hinton, who spent nearly 30 years on death row will go free Friday, April 3, 2015,  after prosecutors told a court that there is not enough evidence to link him to the 1985 murders he was convicted of committing. (AP Photo/Alabama Dept. of Corrections)

Undatiertes Polizeifoto von Hinton Bild: AP/Alabama Department of Corrections

Hintons leitender Anwalt Bryan Stevenson richtete scharfe Vorwürfe an die US-Justiz. Ethnische Zugehörigkeit, Armut, unzulänglicher Rechtsbeistand und Gleichgültigkeit der Staatsanwaltschaft ergäben zusammen ein «Lehrbuchbeispiel für Ungerechtigkeit», zitierten ihn die «Washington Post» und CNN.

«Wir haben ein System, das einen Typen, der reich und schuldig ist, besser behandelt als wenn er arm und unschuldig ist.» (sda/dpa)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

38-Jähriger nach Erstürmung des Kapitols zu Haftstrafe verurteilt

Gut ein halbes Jahr nach der Erstürmung des Kapitols durch Anhänger des damaligen US-Präsidenten Donald Trump ist in Florida Berichten zufolge ein Mann zu acht Monaten Gefängnis verurteilt worden. Der 38-Jährige aus Florida hatte zuvor eingeräumt, in das Kapitol eingedrungen zu sein und die Arbeit des Kongresses behindert zu haben, berichtete am Montag unter anderem die Zeitung «Washington Post». Demnach handelt es sich bei diesem Fall um das erste Verfahren eines Schwerverbrechens im …

Artikel lesen
Link zum Artikel