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Klimawandel: Worst-Case-Szenario abgesagt – «grossartige Nachricht»

President Donald Trump speaks as he tours Ballroom construction around the outside the White House, Tuesday, May 19, 2026, in Washington. (AP Photo/Jacquelyn Martin)
Donald Trump
Donald Trump glaubt nach eigenen Angaben nicht an den Klimawandel.Bild: keystone

Klimawandel: Worst-Case-Szenario abgesagt – «grossartige Nachricht»

US-Präsident Trump pöbelt, deutsche Rechtspopulisten feiern: Die Klima-Katastrophe sei «abgesagt», folgern sie aus einer Revision der Klima-Modelle. Aber stimmt das?
19.05.2026, 21:5719.05.2026, 21:57
Matti Hartmann / t-online
Ein Artikel von
t-online

Das rechtspopulistische Portal «Tichys Einblick» freut sich: «Der Weltklimarat sagt den Weltuntergang ab», heisst es in einem Artikel von Roland Tichy persönlich. Die «Hohepriester des Klimawandels» würden plötzlich das Gegenteil dessen erklären, «was uns jahrelang in Angst und Schrecken versetzt hat», behauptet er. Und Donald Trump erklärte am Wochenende in seinem Netzwerk Truth Social, der oberste Klimarat der Vereinten Nationen habe soeben zugegeben, dass die eigenen Prognosen nicht korrekt gewesen seien. «FALSCH! FALSCH! FALSCH!», schrieb der US-Präsident in Grossbuchstaben und ätzte gegen die «Dummokraten».

Was tatsächlich stimmt: Klimaforscher des World Climate Research Programme halten angesichts des Ausbaus erneuerbarer Energien das bisherige Worst-Case-Szenario für die Erderwärmung für «unplausibel». Ansonsten weisen seit dem Wochenende aber reihenweise Wissenschaftler die Interpretationen von Trump und Tichy empört zurück.

Niklas Höhne, Mitbegründer des New Climate Institutes in Köln, schrieb dem Science Media Center auf Anfrage: «Es ist aus meiner Sicht unverantwortlich und auch durchschaubar, wie Klimaskeptiker, Rechts-aussen-Medien und auch die Trump-Regierung diese Lage für ihre eigenen Zwecke missbrauchen.»

In der Kontroverse geht es um das sogenannte SSP5-8.5-Szenario, das eine Welt mit starkem wirtschaftlichem Wachstum und sehr hoher Nutzung fossiler Energien beschreibt. Dass dieses Szenario nun nicht weiter als realistisch betrachtet wird, ist laut Diana Rechid vom Helmholtz-Zentrum Hereon «eine grossartige Nachricht»: Die technologischen, ökonomischen und politischen Errungenschaften der vergangenen Jahre hätten zur Zurückweisung des vor mehr als 15 Jahren aufgestellten Worst-Case-Szenarios geführt. Dies könne ein Ansporn sein, angesichts der sich beschleunigenden Klimaänderungen die Anstrengungen zum Klimaschutz zu beschleunigen. Die Nachricht habe das Potenzial, «Mut zu machen, dass wir gemeinsam etwas bewirken können».

Abgeschwächtes Worst-Case-Szenario noch immer katastrophal

Der niederländische Wissenschaftler Detlef van Vuuren, der Hauptautor des im April veröffentlichten World-Climate-Research-Artikels, verweist unter anderem auf die gesunkenen Kosten erneuerbarer Energien. Dies sei aber keinesfalls als Entwarnung zu verstehen, betont der Klimaforscher. Die Folgen der globalen Erwärmung seien auch in einem abgeschwächten Worst-Case-Szenario mit einer Erderwärmung von 3,5 Grad bis 2100 immer noch gravierend.

Niklas Höhne vom Kölner New Climate Institute betont gar, die Wissenschaft gehe heute von sehr viel gravierenden Auswirkungen für ein bestimmtes Temperaturniveau aus als noch vor zehn Jahren. Insbesondere werde die Wahrscheinlichkeit von Kipppunkten heute erheblich höher eingeschätzt. «Damit sind die Auswirkungen des aktuellen Szenarios mit den höchsten Emissionen in etwa so gravierend, wie es vor zehn Jahren vom Worst-Case-Szenario erwartet wurde», erklärt Höhne. Zu behaupten, die Klimawissenschaft habe falsch gelegen und der «Klimawandel würde uns nicht umbringen», basiere nicht auf Fakten.

Ganz besonders besorgniserregend sei die Aussicht auf ein durch den Klimawandel verstärktes, mögliches Super-El-Nino-Ereignis 2026/27: Nach aktuellen Prognosen würde dieses «sicherlich zu einer erheblichen Anzahl von Toten durch Stürme, Dürren und Nahrungsmittelknappheit führen». Höhne: «Wenn die Trump-Regierung wirklich an Fakten interessiert wäre, würde sie nicht massenweise Stellen in der Wissenschaft streichen.»

Bestes Szenario fällt düsterer aus

Was Trump und Tichy zudem unter den Tisch fallen liessen: Die Wissenschaftler des World Climate Research Programme haben auch das Best-Case-Szenario für die Zeit bis zum Ende des Jahrhunderts korrigiert: Sie gehen nun davon aus, dass das Ziel, die Erderwärmung unter 1,5 Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter zu halten, zumindest zwischenzeitlich gerissen wird. Da die Treibhausgas-Emissionen in den vergangenen Jahren weiter gestiegen seien, sei es nicht mehr möglich, die Erderwärmung durchgehend unter 1,5 Grad zu halten.

Laut dem Bundesumweltministerium ist selbst eine Erwärmung um 1,5 Grad nicht zu unterschätzen: «Was eine Welt allein mit 1,5-Grad Erwärmung bedeutet, ahnen wir bereits heute: mehr Dürren, Hitzewellen, Waldsterben, Überschwemmungen oder anderen Wetterextreme.»

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