Sind jetzt die Mullahs dran? Panik im Iran nach Maduros Entmachtung
Ein ölreiches Land mit anti-amerikanischer Regierung und schwacher Armee – nach dem US-Schlag gegen Venezuela wächst bei der Führung des Iran die Angst, dass ihr Land als Nächstes auf der Abschussliste von US-Präsident Donald Trump steht. In Teheran herrschen nach Einschätzung von Experten «Panik und Sorge». Trump hatte der Islamischen Republik erst vor wenigen Tagen mit einem Militärschlag gedroht. Zudem hat Teheran mit Nicolás Maduro einen wichtigen internationalen Partner verloren.
Trumps Angriff auf Venezuela sei «Staatsterrorismus», empörte sich die Teheraner Regierung. Amerika treibe die «Erosion und Zerstörung» der UN-Charta voran. Der gemeinsame Widerstand gegen die USA schweisste den Iran und Venezuela bisher zusammen. Maduro unterzeichnete 2022 bei einem Besuch in Teheran einen auf 20 Jahre angelegten Verteidigungsvertrag. Sein Regime baute nach US-Vorwürfen iranische Drohnen und erlaubte der proiranischen Hisbollah-Miliz, von Caracas aus ein Netzwerk in Südamerika aufzubauen.
Auch wirtschaftlich hätten sich die beiden Länder gegenseitig geholfen, betont der Iran-Experte Arman Mahmoudian von der Universität Süd-Florida. Venezuela kaufte den Iranern einige Öl-Produkte ab und verschaffte dem mit internationalen Sanktionen belegten Regime in Teheran den Zugang zu Gold, wie Mahmoudian zu CH Media sagt. Bei der Zusammenarbeit sei es weniger um das Handelsvolumen gegangen als um gemeinsame politische und strategische Interessen.
Nun befürchtet das iranische Regime, der US-Handstreich in Venezuela könnte als Vorbild für einen ähnlichen amerikanischen Angriff auf den Iran dienen. Maduros Schicksal sei ein schwerer Schlag für die Mullahs, stellt der Iran-Experte Arash Azizi von der Universität Boston gegenüber CH Media fest. «Indem er gezeigt hat, wie dreist und schiesswütig er ist, hat Trump die Gegner des Irans ermuntert und Panik und Sorge in der Teheraner Führung verstärkt.»
Landesweite Proteste gegen die Wirtschaftsmisere
Die USA hatten sich im Juni an den israelischen Bombardements iranischer Atomanlagen beteiligt. Seitdem hat Trump mehrmals mit neuen Angriffen gedroht, zuletzt vor wenigen Tagen: Sollte die iranische Regierung bei den derzeitigen Protesten unschuldige Demonstranten töten, sei Amerika zur Hilfe für die Regierungsgegner bereit, warnte der US-Präsident. Irans Regimechef Ali Khamenei wies Trumps Drohung zurück und erklärte, sein Regime werde «den Feind in die Knie zwingen».
Bei den Protesten, die sich an der iranischen Wirtschaftsmisere entzündeten und sich seit einer Woche ausbreiten, wurden nach einer Meldung des iranischen Oppositionssenders Iran International bisher mindestens 15 Demonstranten und ein Mitglied einer staatlichen Miliz getötet. In der Nacht zum Sonntag schrieb Trump auf seinem Kurznachrichtendienst Truth Social, anders als sein Vorgänger Barack Obama unterstütze er die Proteste im Iran. Die Islamische Republik besitzt die drittgrössten Öl- und die zweitgrössten Gasreserven der Welt.
Dem Iran fehlen starke internationale Partner, die ihm bei einem US-Angriff beistehen könnten. China und Russland sind zwar Verbündete, wollen die USA aber nicht verärgern. So lehnt Moskau die vom Iran geforderte Lieferung moderner Kampfflugzeuge ab. Militärisch ist der Iran den USA klar unterlegen. Luftwaffe und die Flugabwehr sind veraltet, wie sich im Juni-Krieg des vorigen Jahres zeigte. Damals konnten Israel und die USA ihre Ziele im Iran ohne Gefahr für ihre Piloten bombardieren.
Bei Trump kann man nie wissen
Die US-Armee hat im Nahen Osten zehntausende Soldaten mit starken Verbänden der Marine und der Luftwaffe stationiert; der grösste US-Stützpunkt in der Region liegt in Katar, direkt gegenüber vom Iran am Persischen Golf. Hinzu kommen die Kapazitäten der Supermacht ausserhalb des Nahen Ostens. Im Juni-Krieg schickte Trump sieben Langstreckenbomber aus den USA in den Iran und liess iranische Atomanlagen zudem von U-Booten mit Marschflugkörpern beschiessen.
Ein Schlag zur Enthauptung der iranischen Führung Iran wäre für die USA jedoch schwieriger als die Intervention in Venezuela. Trump habe zwar in Venezuela seine Bereitschaft demonstriert, bisherige Tabus der amerikanischen Aussenpolitik zu ignorieren, meint Iran-Experte Mahmoudian. Dennoch lasse sich der Militärschlag von Caracas nicht einfach in Teheran wiederholen, sagt er.
Der Iran ist fast doppelt so gross wie Venezuela und hat dreimal so viele Einwohner. Irans Revolutionsgarde mit ihrem Raketenarsenal ist zwar keine Bedrohung für die USA, wohl aber für Israel und andere US-Partner in der Region. Sollte Trump versuchen, das iranische Regime mit einem Militärschlag zu enthaupten, wären die Risiken für die USA nach Einschätzung von Mahmoudian wesentlich höher als in Venezuela: «Eine Kaskade der Destabilisierung mit dem Potenzial eines grossen Krieges». Dennoch könne man bei Trump nie wissen, «was er als Nächstes tun wird». (aargauerzeitung.ch)
