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Senioren-Foodporn: Rentner postet Minimahlzeiten auf Facebook – und fliegt aus dem Altersheim

Ein deutscher Rentner kriegt im Pflegeheim angeblich nicht genug zu essen für seine Körpergrösse. Aus Protest veröffentlicht er Fotos seiner Portionen auf Facebook. Den Account betreibt eine Politikerin einer Satirepartei und der Rentner fliegt aus dem Heim. 



Jürgen fotografiert sein Essen

Der Facebook-Account Jürgen fotografiert sein Essen ist noch nicht einmal zehn Tage bekannt und hat schon über 20'000 Likes. Stündlich kommen etwa 1000 Leute hinzu, die in Echtzeit sehen wollen, was dort gepostet wird. Was amerikanische Schüler in ihren Highschool-Kantinen gestartet haben, um gegen das Essen zu protestieren, setzen ein deutscher Frührentner und eine Helferin nun im Altersheim um. Allerdings nicht mehr lange.

Der 63-jährige Frührentner Jürgen wiegt bei einer Körpergrösse von 1,80 m nur noch 45 Kilogramm, weil die Portionen im Pflegeheim, in dem er lebt, zu klein sind. Um gegen das Essen im Altersheim zu protestieren, begann Jürgen mit Hilfe einer österreichischen Kollegin Bilder der Mahlzeiten zu veröffentlichen. Dies, nachdem ihm einmal ein Nachschlag verweigert worden war. 

Sogar im Knast war das Essen besser

Die Reaktionen auf seine Bilder-Postings reichen von Bestürzung über Betroffenheit bis Empörung darüber, was dem frühpensionierten Discjockey Jürgen vorgesetzt wird. So schreibt ein User, er habe sogar im Knast besseres Essen gekriegt, andere beklagen, dass man so belohnt werde für ein ganzes Leben harter Arbeit. Oder: «Das sollte man mal den Betreibern in den Hals stopfen!!!» und «Fresst solange ihr noch könnt. Dank Jürgen können wir jetzt schon sehen, was uns erwartet. Scheiss Zukunft.»

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Essensbild von Jürgen aus dem Pflegeheim. Beschriftet ist der Eintrag mit: «Abendmahl, 24. Juni 2015: 2 Scheiben Brot, 2 Scheiben Wurst, 2 Scheiben Käse, 3 Stück Butter, 1/2 Tasse Kamillentee». screenshot facebook

Was weder unbedarfte User noch renommierte grosse Nachrichtenportale wie Focus Online oder der Stern zu merken scheinen: Hinter dem Account «Jürgen fotografiert sein Essen» steht eine Funktionärin der Satirepartei Die Partei des Polit-Spassvogels Martin Sonneborn. Eva Patricia Russegger ist die «Stellvertretender Vorsitzender», die Nummer zwei des österreichischen Ablegers von Die Partei. 

Heim schmeisst Food-Fotografen raus

Gegenüber watson sagt Russegger, sie habe die private Facebook-Seite ihres deutschen Parteifreundes Jürgen gesehen und beschlossen, daraus eine öffentliche Seite zu machen, um auf die Essensmissstände in der Seniorenresidenz Noris hinzuweisen. Die Bilder sind authentisch, ein Grossteil davon vom selben Bett aus geschossen. 

Nun muss sich Die Partei gegen den Erfolg der eigenen Facebook-Kampagne wehren. Wie die Nürnberger Nachrichten berichten und Russegger gegenüber watson bestätigt, fliegt Jürgen wegen der Mahlzeitenbilder aus seinem Heim raus. In acht Wochen muss er ausziehen, wie ihm gestern mitgeteilt worden sei. 

Die Residenz Noris der betroffenen Heimkette Pro Seniore in Nürnberg wehrt sich gegenüber Reporter-24.com gegen die Vorwürfe Russeggers und des Heimbewohners. Dieser sei im Mai 2015 schon untergewichtig angekommen und lege seither ein querulatorisches Verhalten an den Tag. Kalorienreiche Flüssignahrung verweigere der Frührentner mit dem Hinweis, «Astronauten-Food» esse er nicht. Pro Seniore ist allerdings bereits früher negativ aufgefallen und wird als «Pflegediscounter» bezeichnet. Pro-Seniore-Sprecher Peter Müller sagt dazu öffentlich: «Ja, ich weiss von den Vorwürfen bei uns. Wir sind wohl einer der grössten Träger in Deutschland, da sind Beschwerden vorprogrammiert». Für watson war in der Residenz Pro Seniore niemand zum Fall Jürgen zu sprechen. 

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Screenshot der Internetpräsenz der Residenz Noris in Nürnberg. PR-Bild und Realität klaffen offensichtlich auseinander.  screenshot watson

«Wo soll er denn hin? Ins Musikzimmer?»

Reisseger ist ob der Reaktion der Heimleitung empört. «Da bestehen offensichtlich systematische Missstände, und nun versucht Pro Seniore, den Fall mit persönlichen Angriffen auf Jürgen zum Einzelfall zu machen», sagt Russegger. Jürgen vorzuwerfen, er sei unkooperativ und bewege sich nicht aus seinem Zimmer raus, sei infam. «Wo soll er denn hin? Ins Musikzimmer? Das interessiert ihn nicht», sagt Russegger zu watson. 

Dass die Facebook-Kampagne derart schnell eskalieren würde, damit hat Russegger nicht gerechnet. Mittlerweile belagern deutsche Boulevardsender die Residenz Noris. «Natürlich wollten wir Aufmerksamkeit, aber wir haben nicht damit gerechnet, dass der Anlauf derart schnell, derart gross ist», sagt Russegger. Ein Schaden entstehe Jürgen aber durch den Rausschmiss aus dem Heim nicht. «Er will ja raus, das ist das Beste, was ihm passieren kann, und in acht Wochen finden wir ein hübsches Heim, das bezahlbar ist», sagt Russegger.

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