Migros trennt sich von Joung Gustav – nun tobt der Streit um Politik und Werbung
«Sei links oder sei ruhig» – mit diesen Worten reagierte der Influencer Joung Gustav auf das Ende der Zusammenarbeit mit der Migros. Diese kündigte die Werbepartnerschaft und strich sein Getränk aus dem Sortiment, nachdem Gustav sich auf TikTok politisch äusserte.
In einem Video auf TikTok sagte er letzte Woche: «Meine Karriere ist vorbei, weil ich kritisch über das Asylwesen gesprochen habe.» Der Fall löste eine Debatte aus, welche politischen Botschaften von Influencern auf Social Media legitim sind und welche nicht.
«Ich kenne kein Beispiel eines Influencers, der sich dezidiert politisch äussert und gleichzeitig Werbung für grosse Marken macht», sagt Oliver Lutz, Leiter einer Kommunikationsagentur. Zwar dürfe jeder eine Meinung haben und diese in den sozialen Medien verbreiten, müsse jedoch auch mit den entsprechenden Konsequenzen rechnen. Die meisten Marken würden sich keine politischen Werbegesichter wünschen.
Den Vorwurf, nur wer links sei, könne erfolgreich sein, weist der Polit-Influencer Flavien Gousset zurück: «In einem Land, in dem die SVP seit 30 Jahren stärkste Partei ist, ist das eine absurde Aussage.»
Der 28-Jährige arbeitete als Campaigner bei der SP und hat sich nun als Content-Creator selbstständig gemacht. Dank über 1000 Menschen, die seine Arbeit mit einem monatlichen Beitrag unterstützen, kann er bereits jetzt vollständig von seinen Videos leben.
Auf Instagram folgen ihm 39'100 Menschen, auf TikTok sind es 13'900. Im Vergleich dazu: Bundesrat Albert Rösti hat auf Instagram 23'400 Follower, Bundesrat Beat Jans 11'400 und die Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider 9'685.
Vor fünf Jahren postete Gousset auf Instagram sein erstes Erklärvideo zu einer Abstimmungsvorlage. Das Video zum Vaterschaftsurlaub wurde 14'700 Mal aufgerufen, seine neuesten Videos zur Individualbesteuerung und zur SRG-Initiative wurden auf TikTok 125'000 beziehungsweise 168'000 Mal geklickt.
Das Prinzip der Videos ist gleichgeblieben: Gousset sitzt am Küchentisch, vermutlich bei sich zu Hause, hat eine Tasse Kaffee oder Tee vor sich, blickt in die Kamera und erklärt, worüber abgestimmt wird. Gousset sendet also eine klar politische Botschaft aus.
In all den Jahren habe er bewusst auf Werbepartnerschaften verzichtet. «Wo Geld fliesst, entstehen Abhängigkeiten. Das will ich unbedingt vermeiden, ganz egal wie sympathisch mir die Geldgeber sind», sagt Gousset.
Politik auf Instagram und Co.
Im Netz gehört er zu den Polit-Aktivisten, die mit ihren Inhalten eine grosse Reichweite erzielen. Im Gegensatz zum Influencer Joung Gustav hat sich Gousset von Anfang an politisch positioniert. Sein Publikum weiss, auf was es sich einlässt. Ausserdem sind auf seinem Kanal keine offensichtlichen Werbekooperationen mit Marken ersichtlich.
Andere Polit-Influencer setzen auf einen komödiantischen Zugang, wie Michael Elsener und Renato Kaiser beispielsweise. Sie beide haben mehr als 15'000 Follower auf Instagram, posten politische Inhalte und treten auch abseits von Social Media auf Bühnen auf. Auf ihren Kanälen sind ebenfalls keine Werbekooperationen ersichtlich. Elsener finanziert seinen Politpodcast «Politkuchen» über freiwillige Spenden von Hörerinnen und Hörern.
Mark Balsiger, der PR-Profi, sagt: «Es gibt aber auch ‹No-Names›, die keiner Partei angehören und die Möglichkeiten der sozialen Medien nutzen, um ein Publikum zu erreichen.» Ein Beispiel dafür ist Daniel Stricker, ein Schweizer YouTuber, der durch seine provokanten Aussagen und die Kritik an der Schweizer Coronapolitik Anfang 2021 bekannt wurde. Zuvor fanden seine Videos kaum Beachtung.
«Links ergo erfolgreich?»
Die These «links ergo erfolgreich» findet der PR-Profi gewagt. Auf die Schweizer Polit-Influencer-Szene möge das vielleicht auf den ersten Blick stimmen. Dass politische Reichweite jedoch nicht zwingend links geprägt ist, zeige ein Blick nach Deutschland.
Dort erzielt die rechts-aussen Partei AfD auf Plattformen wie TikTok, Instagram und YouTube teils beachtliche Reichweiten. Auch in den USA gewinnen rechte Influencer seit Jahren an Bedeutung. Figuren aus dem Umfeld der Republikaner oder unabhängige konservative Content-Creator haben sich über Podcasts, YouTube-Formate und Kurzvideos stabile Communities aufgebaut.
Mark Balsiger spricht von einer Entwicklung, welche die Schweiz mit gewisser Verzögerung erreiche. Die Möglichkeiten seien vorhanden, werden jedoch weder von Politikerinnen und Politikern noch von Polit-Influencern hierzulande im gleichen Ausmass genutzt wie etwa in Deutschland. Dabei sind «Kosten und Aufwand, einen Social-Media-Account zu betreiben, letztlich bescheiden, wenn man sprachgewandt ist», so Balsiger.
Das meist geklickte TikTok-Video der SVP erzielte rund 1,2 Millionen Views und das der SP rund 644'000 Views, während das «viralste» Video des Accounts der AfD-Fraktion im Bundestag 6,7 Millionen Views erzielte.
Dabei machen sich etablierte Figuren aus der Schweizer Politik die sozialen Medien durchaus zunutze, um ihre politischen Botschaften breit zu streuen. So betreibt der SVP-Präsident Marcel Dettling das YouTube-Format «Dütsch. Dütlich. DETTLING!», in dem er der SVP-Jungpolitikerin Vivienne Huber Fragen beantwortet. Auch das SP-Duo Mattea Meyer und Cedric Wermuth richtet sich in Form eines Podcasts an ihre Wählerbasis.
«Es gibt in der Schweiz keine Polit-Influencer-Szene»
Wie gross der Einfluss jener ist, welche die sozialen Medien mit politischen Inhalten bespielen, bleibt schwer einzuschätzen. Wie das Jahrbuch zur Qualität der Medien 2025 jedoch zeigt, nutzt besonders die Altersgruppe der 18- bis 24-Jährigen soziale Medien als Hauptinformationsquelle.
Aktuell sieht die Landschaft der Schweizer Polit-Influencer ‹karg› aus. An den Swiss Influence Awards wurde im Jahr 2024 das erste Mal die Auszeichnung in der Kategorie Polit-Influencer verliehen und gleich wieder abgeschafft. Der erste und einzige Preisträger heisst Flavien Gousset. Sein Modell, sich über Spenden zu finanzieren und als Polit-Content-Creator davon zu leben, bleibt in der Schweiz vorerst eine Ausnahme.
Derweil hat auch Gustav einen neuen Unterschlupf gefunden: Er ging eine Kooperation mit der Weltwoche ein, wie das Wochenmagazin des früheren SVP-Nationalrats Roger Köppel am Donnerstag mitteilte. Die Weltwoche verkauft in ihrem Online-Shop ab sofort Gustavs Vitaminwasser. Und gibt ihm Raum, um seine Meinung auszuleben. (aargauerzeitung.ch)
