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Die Insel Hormus im persischen Golf. Bild: shutterstock

Für Iraner am Golf sind US-Sanktionen schlimmer als Krieg – eine Reportage

Das Meer, schöne Natur, friedliche Atmosphäre, leckere Fischgerichte und nette Einwohner. Das sind die Merkmale der Inseln in der südiranischen Provinz Hormusgan.

Jan Kuhlmann und Farshid Motahari / dpa



Schon bald könnte aus diesen idyllischen Touristeninseln am Persischen Golf ein Kriegsschauplatz werden. Die Inseln liegen nämlich in der Nähe der Strasse von Hormus. Dort könnte es nach Einschätzung von Beobachtern am ehesten zu einem militärischen Konflikt zwischen dem Iran und den USA kommen.

Die Provinz Hormusgan

Durch die Strasse von Hormus wird fast ein Drittel der weltweiten Ölexporte verschifft. Auch das iranische Öl, zumindest bis vor Beginn der neuen amerikanischen Sanktionen.

«Falls eines Tages die USA wirklich den iranischen Ölexport blockiere sollten, dann wird überhaupt kein Öl mehr vom Persischen Golf exportiert», sagte Präsident Hassan Ruhani. Damit meinte er eine Blockade der Meerenge von Hormus. Dies könnte neben einer globalen Ölkrise auch einen verheerenden Krieg zur Folge haben.

Saudische Propaganda auf Hochtouren

Auf der anderen Seite des Golfs liegen nämlich Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), zwei arabische Staaten, die mit den USA verbündet und dem Iran verfeindet sind. Vor allem die saudische Propaganda gegen Teheran läuft seit Wochen auf Hochtouren.

Das sunnitische Königreich sieht in der benachbarten schiitischen Regionalmacht den Dämon der Region. Die saudischen Zeitung «Arab News», so etwas wie das englische Sprachrohr des Landes, befürwortete in diesem Monat sogar «chirurgische Angriffe» gegen den Iran. Wo so gezündelt wird, kann es schnell zur Explosion kommen.

Für diesen Donnerstagabend hatte Saudi-Arabien die Mitglieder des Golf-Kooperationsrates und der Arabischen Liga zu Gipfeltreffen nach Mekka gebeten, um sie um sich zu scharen. Auf der Tagesordnung ganz oben standen die iranischen «Aggressionen».

epa07613662 A handout photo made available by the Saudi Royal Court shows a general view of the Gulf Cooperation Council (GCC), in Mecca, Saudi Arabia, 30 May 2019. Saudi Arabia is holding an emergancy GCC meeting to discuss the developments regarding Iran.  EPA/Bandar al-Galoud / Saudi Royal Court HANDOUT  HANDOUT EDITORIAL USE ONLY/NO SALES

Der Golf-Kooperationsrat (GCC) versammelte sich am Donnerstag in Mekka. Thema: die iranischen «Aggressionen». Bild: EPA/Saudi Royal Court

Seit Wochen wirft Riad dem Iran immer wieder Gewaltakte in der Region vor. Und US-Sicherheitsberater John Bolton machte den Iran für angebliche Angriffe auf vier Handelsschiffe vor der Küste der Emirate, unweit der Strasse von Hormus, verantwortlich.

Shinzo Abe als Vermittler

Damit der Konflikt nicht noch weiter eskaliert, soll nun der japanische Ministerpräsident Shinzo Abe zwischen den beiden Seiten vermitteln. Abe hat sowohl gute Beziehungen zu US-Präsident Donald Trump als auch zum Regime in Teheran und wäre somit ein geeigneter Vermittler.

U.S. President Donald Trump, left, meets Japanese Prime Minister Shinzo Abe at Akasaka Palace, Japanese state guest house in Tokyo, Monday, May 27, 2019.(AP Photo/Eugene Hoshiko, Pool)

Seine guten Beziehungen zu Trump und Teheran machen Shinzo Abe zum begehrten Vermittler. Bild: AP/AP Pool

Er soll Mitte Juni nach Teheran kommen, um Präsident Hassan Ruhani zu überzeugen, mit Trump diplomatische Gespräche zu beginnen. Ruhani hat Verhandlungen mit Trump nicht gänzlich ausgeschlossen, will aber im Vorfeld eine Rückkehr der USA zum Wiener Atomabkommen von 2015 sowie die Aufhebung der US-Sanktionen.

Iran bietet Nichtangriffspakt an

Vor dem Hintergrund der Spannungen mit Saudi-Arabien bot der Iran zudem an, einen Nichtangriffspakt mit allen Golfstaaten zu unterzeichnen. «Wir hatten die Unterzeichnung eines solchen Pakts mit allen Staaten am Persischen Golf schon mal vorgeschlagen ..., dieser Vorschlag ist weiterhin auf dem Tisch», sagte Aussenminister Mohamed Dschawad Sarif.

Chinese Foreign Minister Wang Yi meets Iranian Foreign Minister Mohammad Javad Zarif at the Diaoyutai State Guesthouse in Beijing, Friday, May 17, 2019. (Thomas Peter/Pool Photo via AP)

Irans Aussenminister Mohamed Dschawad Sarif traf am 17. Mai seinen chinesischen Amtskollegen in Beijing. Bild: AP/Pool Reuters

Der Iran wolle «die besten Beziehungen» zu den Golfstaaten. Dieser Pakt würde diese Absicht unterstreichen und zur Entspannung in der Region führen, so der iranische Chefdiplomat.

«Krieg ist Zukunft, Sanktionen aber Gegenwart.»

Vor einem Kriegsszenario haben aber überraschenderweise die Inselbewohner vor der Strasse von Hormus weniger Angst. Die leiden vielmehr unter den US-Sanktionen, die seit Monaten ihre Existenz bedrohen. «Krieg ist Zukunft, Sanktionen aber Gegenwart ..., das Problem sind unsere leeren Taschen, nicht ein eventueller Krieg», sagt ein 43-Jährige von der Insel Hormus.

Seit dem Ausstieg der USA aus dem Atomabkommen und Verhängung neuer Sanktionen steckt der Iran in einer akuten Wirtschaftskrise. Die nationale Währung Rial ist seit Monaten nur noch die Hälfte wert. Die Menschen leiden unter der astronomischen Inflation und müssen sparen. Für Reisen oder Shoppen ist kein Geld mehr da.

So sieht's auf der Insel Hormus aus:

«Wie Fussball ohne Ball»

Die fast 5000 Einwohner der Insel Hormus verdienen ihr Geld hauptsächlich mit Tourismus und Fischerei. Bei beiden Einnahmequellen mussten sie jedoch wegen der Sanktionen schwere Verluste hinnehmen.

Es kommen immer weniger Touristen und dementsprechend wird auch weniger Fisch gegessen. «Das ist für uns weitaus schlimmer als die Raketen des Grossen Satans (USA)», sagt eine Inselbewohnerin. Vor Raketen könne man sich ja irgendwie schützen, vor Sanktionen aber nicht, so die 62 Jahre alte Köchin.

«[Die fehlenden Touristen] sind für uns weitaus schlimmer als die Raketen des Grossen Satans [USA].»

Tradition Lenj Fishing Boat in Qeshm Island in Southern Iran, taken in January 2019 taken in hdr - Bilder

Hat derzeit nicht viel zu tun: Ein traditionelles Lenj-Fischerboot vor der Küste von Gheschm. Bild: shutterstock

Unter schlechter Wirtschaft und Mangel an Touristen leidet auch die Nachbarinsel Gheschm, eine der drei grössten Freihandelszonen des Landes. «Fussball ohne Ball ... so ungefähr ist auch eine Freihandelszone ohne Handel», sagt der Besitzer eines Sportartikelladens auf Gheschm. Die Touristen hätten fürs Shoppen einfach kein Geld mehr. Daher empfinde auch er die US-Sanktionen schlimmer als einen Krieg.

Für die wirtschaftliche und politische Krise machen die meisten Inselbewohner sowohl US-Präsident Trump als auch die iranische Regierung verantwortlich. «Trump ist ein Idiot, die in Teheran sind aber auch nicht besser», sagt ein Taxifahrer in Gheschm. Den von Präsident Ruhani geforderten Widerstand gegen Trump und die USA lehnt er vehement ab. Warum solle er sich für eine Regierung opfern, die sich mehr um arabische Bewegungen kümmere als ums eigene Volk.

Die Kritik an der Nahostpolitik der iranischen Regierung und ihre Unterstützung für Syrien, die libanesische Schiitenmiliz Hisbollah und die palästinensische Hamas waren auch mehrmals Thema bei regimekritischen Protesten im Land. «Nicht für Gaza, nicht für den Libanon, unser Leben opfern wir nur für den Iran», so der Slogan der Demonstranten landesweit. (sda/dpa/jaw)

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