Wissen
Umwelt

Globale Wasserknappheit: UN warnt vor globalem Wasserbankrott

Wave ripples during low tide at the sea side of the Adriatic Sea in Gjiri i Lalzit, Albania A man walks during low tide on a beach with the sand exposed in wave formations on the Adriatic Sea in Gjiri ...
Der Bericht stuft Europa nicht pauschal als wasserbankrott ein, betont aber globale Verflechtungen.Bild: www.imago-images.de

Keine «Wasserkrise» mehr – die Welt ist im «Wasserbankrott»

Weltweit schrumpfen Seen, sinken Grundwasserspiegel und verschwinden Feuchtgebiete. Das sei keine vorübergehende Krise, warnen UN-Experten.
21.01.2026, 11:3921.01.2026, 11:39
Ein Artikel von
t-online

Die Welt tritt einem UN-Bericht zufolge in ein «Zeitalter des globalen Wasserbankrotts» ein. Begriffe wie «Wasserknappheit» oder «Wasserkrise» spiegelten die Realität an vielen Orten nicht mehr wider, weil sie zeitweilige und potenziell reversible Zustände suggerierten, hiess es von der Universität der Vereinten Nationen in Kanada. Kennzeichnend seien inzwischen aber unumkehrbare Verluste bei Süsswasserreserven.

«Dieser Bericht vermittelt eine unbequeme Wahrheit: Viele Regionen leben über ihre hydrologischen Verhältnisse, und viele wichtige Wassersysteme sind bereits bankrott», sagte Hauptautor Kaveh Madani, Direktor des Instituts für Wasser, Umwelt und Gesundheit der Universität.

Viele Gesellschaften haben dem Bericht zufolge nicht nur ihr jährliches Kontingent an erneuerbarem Wasser aus Flüssen, Böden und Schneedecken überschritten, sondern auch ihre langfristigen Reserven in Grundwasserleitern, Gletschern, Feuchtgebieten und anderen natürlichen Reservoirs aufgebraucht.

Wasserstelle in der Gemeinde Maraban Dare, im Bundesstaat Plateau, 07.02.2024. Maraban Dare Nigeria *** Water point in the community of Maraban Dare, in the state of Plateau, 07 02 2024 Maraban Dare N ...
3 Milliarden Menschen leben in Gebieten, in denen die Wasservorräte zurückgehen oder instabil sind.Bild: www.imago-images.de

Was bedeutet das für die Menschheit?

Weltweit habe inzwischen eine kritische Menge von Wassersystemen irreversible Schwellenwerte überschritten, erklärte Madani. «Diese Systeme sind durch Handel, Migration, Klimarückkopplungen und geopolitische Abhängigkeiten miteinander verbunden, sodass sich die globale Risikolandschaft nun grundlegend verändert hat.»

Die Landwirtschaft zum Beispiel sei für den grössten Teil des Süsswasserverbrauchs verantwortlich – und die globalen Ernährungssysteme seien durch Handel und Preise eng miteinander verbunden, so Madani. «Wenn Wasserknappheit die Landwirtschaft in einer Region untergräbt, wirken sich die Auswirkungen auf die globalen Märkte, die politische Stabilität und die Ernährungssicherheit in anderen Regionen aus.»

Weitere genannte Punkte:

  • 2 Milliarden Menschen leben auf absinkendem Boden, in einigen Städten liegt der jährliche Rückgang bei etwa 25 Zentimetern.
  • 4 Milliarden Menschen sind mindestens einen Monat pro Jahr schwerer Wasserknappheit ausgesetzt.
  • 3 Milliarden Menschen leben in Gebieten, in denen die gesamten Wasservorräte zurückgehen oder instabil sind.
  • 1,8 Milliarden Menschen lebten 2022 bis 2023 unter Dürrebedingungen.

Millionen Landwirte versuchten, Nahrungsmittel auf Basis schrumpfender, verschmutzter oder verschwindender Wasserquellen zu produzieren, sagte Madani. «Ohne einen raschen Übergang zu wassersparender Landwirtschaft wird sich die Wasserbankrott-Rate rapide ausweiten.»

Das sichtbare Gesicht des Wasserbankrotts: Dieses Erdloch in der Konya-Ebene in der Türkei steht für den buchstäblichen Zusammenbruch der Landschaft infolge der hydrologischen Ausbeutung. Ende 2025 ha ...
Das sichtbare Gesicht des Wasserbankrotts: Dieses Erdloch in der Konya-Ebene in der Türkei steht für den buchstäblichen Zusammenbruch der Landschaft infolge der hydrologischen Ausbeutung.Bild: Ekrem07, Wikimedia Commons

Wie kann Wasser knapp werden, obwohl die Erde voll davon ist?

Im Bericht geht es um die verfügbare und nutzbare Menge an Süsswasser auf dem Planeten. Vielfach überstiegen die Entnahmen die Neubildung. Und selbst dort, wo die Wassermengen stabil scheinen, schrumpfe der tatsächlich nutzbare Anteil. Zu den Ursachen zählten Grundwasserverschmutzung, Übernutzung von Ressourcen, Degradation von Land und Böden, Entwaldung und Umweltverschmutzung, noch verschärft durch die globale Erwärmung.

Einige genannte Trends:

  • Mehr als die Hälfte der grossen Seen weltweit hat seit Anfang der 1990er-Jahre Wasser verloren, 25 Prozent der Menschheit sind direkt von diesen Seen abhängig.
  • Rund 50 Prozent des häuslichen Wasserverbrauchs weltweit stammen inzwischen aus Grundwasser.
  • 40 Prozent des Bewässerungswassers wird aus Grundwasserleitern entnommen, die stetig austrocknen.
  • Etwa 70 Prozent der grossen Grundwasserleiter zeigen langfristige Rückgänge.
  • 410 Millionen Hektar natürlicher Feuchtgebiete sind in den vergangenen fünf Jahrzehnten verschwunden, was fast der Fläche der EU entspricht.
  • Die Welt hat seit 1970 mehr als 30 Prozent ihrer Gletschermasse verloren.
  • Dutzende grosse Flüsse fliessen heute während eines Teils des Jahres nicht mehr bis zum Meer.
  • 100 Millionen Hektar Anbauflächen sind durch Versalzung zerstört.
October 2, 2025, Dhaka, Bangladesh: October 02, 2025, Dhaka, Bangladesh: The rivers and canals around Dhaka were once vital sanctuaries of biodiversity. Countless fish swam in their waters, serving as ...
Selbst dort, wo Wassermengen stabil scheinen, schrumpft der tatsächlich nutzbare Anteil unter anderem aufgrund von Verschmutzung.Bild: www.imago-images.de

Wo ist die Lage besonders kritisch?

Rund drei Viertel der Menschheit leben dem Bericht zufolge in Ländern, die als wasserunsicher oder kritisch wasserunsicher gelten. Zu den besonders betroffenen Regionen gehören demnach der Nahe Osten und Nordafrika, Teile Südasiens und der Südwesten der USA. Die UN-Experten betonen aber auch: «Wasserinsolvenz ist keine Reihe isolierter lokaler Krisen, sondern ein gemeinsames globales Risiko.» Auch Europa ist wie andere Regionen, die selbst genügend verfügbares Wasser haben, über Handelsströme, Preise und Lieferketten vom Bankrott betroffen.

Gesamtes Wasserrisiko weltweit

Overall water risk across different regions around the world. The overall risk score reflects the aggregate value of physical water quantity, water quality, and regulatory and reputational risks, with ...
Der Gesamtrisikowert spiegelt den Gesamtwert der physischen Wassermenge, der Wasserqualität sowie der regulatorischen und reputationsbezogenen Risiken wider, wobei höhere Werte auf grössere wasserbezogene Risiken hinweisen. Karte: unu.edu

Für Deutschland zeichnen Fachleute ein differenziertes Bild. Rike Becker vom Imperial College London sagte, Deutschland nutze nur einen vergleichsweise kleinen Teil seines Wassers. Ein Grossteil des deutschen Verbrauchs finde über die Importe von Lebensmitteln und Industriegütern statt, die teils aus stark von Wasserproblemen betroffenen Ländern stammten.

Jörg Dietrich von der Universität Hannover ergänzte, dass es in Deutschland lokal zu Engpässen kommen könne, etwa bei extremer Trockenheit oder durch Nitratbelastung des Grundwassers. Ein Versagen der Wasserversorgung hierzulande sei aber meist noch reversibel.

Bedeutet ein Bankrott das Ende?

Keinesfalls – das ist den UN-Experten wichtig. «Eine Insolvenz zu erklären bedeutet nicht, aufzugeben – es bedeutet, neu anzufangen», betonte Madani. Indem der globale Wasserbankrott anerkannt werde, könnten endlich schwierige Entscheidungen getroffen werden. «Je länger wir zögern, desto grösser wird das Defizit.»

Nötig ist demnach eine neue, von Ehrlichkeit, Mut und politischem Willen geprägte Reaktion: Insolvenzmanagement statt Krisenmanagement. «Wir können verschwundene Gletscher nicht wiederherstellen oder stark verdichtete Grundwasserleiter wieder auffüllen, so Madani. »Aber wir können den weiteren Verlust unseres verbleibenden Naturkapitals verhindern und Institutionen neu gestalten, um innerhalb neuer Wassergrenzen zu leben."

Brunnen im Trockenfluss, Wadi oder Oued, im Abendlicht, Chinguetti, Region Adrar, Mauretanien, Afrika Copyright: imageBROKER/PeterxGiovannini iblgiv04143165.jpg

Wells in Dry River Wadi Or Oued in E ...
Brunnen in Mauretanien: Rund 50 Prozent des häuslichen Wasserverbrauchs weltweit stammen inzwischen aus Grundwasser.Bild: imago stock&people

Die derzeit auf Trinkwasser, Sanitärversorgung und schrittweise Effizienzsteigerungen konzentrierte Wasseragenda sei vielerorts nicht mehr zweckmässig, hiess es von der UN-Universität. Priorität müsse für Regierungen haben, weitere irreversible Schäden wie den Verlust von Feuchtgebieten, Grundwasserverarmung und Verschmutzung zu verhindern. Wasserintensive Sektoren wie die Landwirtschaft müssten durch Umstellung des Anbaus und der Bewässerung umgestaltet werden.

Die Experten betonen zudem, dass der Wasserbankrott nicht nur ein hydrologisches Problem ist, sondern auch eine Frage der Gerechtigkeit mit tiefgreifenden sozialen und politischen Auswirkungen. Die Lasten fielen unverhältnismässig stark auf Kleinbauern, indigene Völker, einkommensschwache Stadtbewohner, Frauen und Jugendliche, während die Vorteile der Übernutzung oft mächtigen Akteuren zugutekämen.

Der Report erscheint im Vorfeld einer UN-Wasserkonferenz in den Vereinten Arabischen Emiraten Ende des Jahres. Die Autoren hoffen auf einen dort verhandelten Neustart der globalen Wasserpolitik.

Dieser Report sei ein weiterer Weckruf, den nötigen Paradigmenwechsel in der Wasserwirtschaft zu forcieren, sagte Dieter Gerten vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). So ernst die Lage sei: Es gebe ein weites Spektrum an nachhaltigen Lösungsoptionen, das es nur zu fördern und umzusetzen gelte.

Rike Becker vom Imperial College London betonte: «Wichtig ist: Der Bericht sollte nicht demotivieren und das Scheitern in den Vordergrund stellen, sondern uns wachrütteln und zu Aktion aufrufen, auf globaler, nationaler und lokaler Ebene.»

Verwendete Quellen:

  • Nachrichtenagentur dpa
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
World Water Day: 20 Bilder zeigen, wie kostbar Wasser ist
1 / 22
World Water Day: 20 Bilder zeigen, wie kostbar Wasser ist
Der Weltwassertag wird seit 1993 jährlich am 22. März begangen.
quelle: x02594 / soe zeya tun
Auf Facebook teilenAuf X teilen
Folge dem Wassertropfen aus der Vogelperspektive
Video: extern / rest
Das könnte dich auch noch interessieren:
Du hast uns was zu sagen?
Hast du einen relevanten Input oder hast du einen Fehler entdeckt? Du kannst uns dein Anliegen gerne via Formular übermitteln.
50 Kommentare
Dein Kommentar
YouTube Link
0 / 600
Hier gehts zu den Kommentarregeln.
Die beliebtesten Kommentare
avatar
ahaok
21.01.2026 14:03registriert Januar 2015
Ja Wasserbankrott ist blöd, aber bitte vergessen wir nicht was wir im Gegenzug dafür erhalten:
Dank den Wasserverschwendenden KI-Datencenter kann ich mir für Instagram Videos von sprechendem Gemüse erstellen lassen oder noch besser, mein creepy Mitarbeiter kann nun unsere neue 15 Jährige Lehrtochter im Micro-Bikini darstellen lassen und das ganz einfach mit einem Firmenfoto, Genial! Verdursten halt im Gegenzug ein paar 3-Welt Kinder 🤦‍♂️
357
Melden
Zum Kommentar
avatar
manuel0263
21.01.2026 12:02registriert Februar 2017
Der frühere UN-Generalsekretär Boutros Boutros-Ghali sagte 1985: „Der nächste Krieg im Nahen Osten wird um Wasser und nicht um Politik geführt werden." Das gilt in Zukunft leider auch für andere Regionen.
275
Melden
Zum Kommentar
avatar
Maranothar
21.01.2026 14:10registriert Juni 2016
Gemessen an den Reaktionen der Regierungen auf den Klimawandel allgemein, wird auch hier das gleiche passieren: Nichts.

Und was die Komiker mit dem "Zuviele-Menschen"-Argument angeht: Die Erde verträgt Milliarden Menschen, aber keine Milliardäre.
3212
Melden
Zum Kommentar
50
QDH: Huber startet mit zwei Tolggen. Kannst du das ausnutzen?
Jede Woche quizzen wir unsere hellste Kerze der Redaktion. Kannst du sie schlagen? Einfach wird es nicht.
Liebe Huberquizzer
Zur Story