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Trumps Iran-Krieg: Es betrifft viel mehr Lieferketten, nicht nur Erdöl

Es geht im Iran-Krieg nicht nur ums Erdöl – auch diese Lieferketten sind betroffen

Der Ölmarkt droht «völlig aus den Fugen zu geraten». Aber nicht nur dieser Markt ist betroffen.
20.03.2026, 21:1620.03.2026, 21:16
Niklaus Vontobel
Niklaus Vontobel
epa12827803 US President Donald Trump speaks during his meeting with Taoiseach of Ireland Micheal Martin in the Oval Office of the White House in Washington DC, USA, 17 March 2026. EPA/YURI GRIPAS / P ...
Alle Folgen bedacht? US-Präsident Donald Trump im Oval Office.Bild: keystone

Die Schweizerische Nationalbank (SNB) hat wieder einen Zinsentscheid gefällt. An ihrem Standort nahe dem Zürcher Paradeplatz gab Präsident Martin Schlegel bekannt, dass die SNB den Leitzins bei null Prozent belässt. Alles ist also still geblieben, nichts hat sich bewegt in Zürich. Ob dies in Zukunft so bleibt, entscheidet sich jedoch anderswo auf der Welt – ungefähr 4000 Kilometer weiter östlich, in der Strasse von Hormus.

Über diese Meerenge müssen gerade die USA plötzlich viel lernen, nachdem Präsident Donald Trump den Iran angegriffen hat. US-Komiker Jon Stewart spottet: «Kriege sind Gottes Weg, den Amerikanern etwas Geografie beizubringen.» Aber es wird nicht bei der geografischen Lehrstunde bleiben.

Die USA, und mit ihnen auch die Schweiz, müssen erkennen, was das britische Magazin «The Economist» nach einer Recherche festgestellt hat: «Eine erschreckend grosse Zahl an globalen Lieferketten verläuft durch die Strasse von Hormus.» Nun hat Trump sie unterbrochen, sozusagen in einem welthistorischen Experiment. Experten sind zwar all den möglichen Folgen auf der Spur, aber es bleibt ein Experiment mit offenem Ausgang.

Die Grössenordnung lässt sich anhand von Vergleichen mit früheren Krisen veranschaulichen. Finanzexperte Robin Brooks etwa zieht den Krieg heran, welchen der russische Präsident Wladimir Putin vor vier Jahren gegen die Ukraine begonnen hat. Davor trug Russland viel weniger Erdöl zum globalen Angebot bei, als normalerweise durch die Strasse von Hormus transportiert wird. Ungefähr dreimal weniger!

Der US-Energieexperte Rory Johnston hat die Dimensionen mit einem Corona-Vergleich verdeutlicht. 20 Millionen Fässer pro Tag seien ungefähr so viel Öl wie die gesamte Welt eingespart habe, als sie sich 2020 für zwei Monate vor dem Virus in den Lockdown flüchtete. Damals erhob sich so gut wie gar kein Jet mehr in die Lüfte, die allermeisten Autos blieben in der Garage und viele Züge standen still.

Angesichts der Dimensionen überrascht es nicht, wenn überall die Preise hochschiessen, an allen möglichen Ecken und Enden des globalen Energiesystems. Beim Rohöl hat die Marke Brent bereits die 110 Dollar pro Fass überschritten – aber noch nicht den Spitzenwert aus der letzten Energiekrise erreicht, als Russland die Ukraine angriff. Bei raffinierten Erdölprodukten sind die Wertschöpfungsketten jedoch komplizierter und damit anfälliger – und frühere Rekordpreise längst übertroffen.

Der Iran-Krieg erreicht die Verkaufsregale

So ist es zum Beispiel bei Treibstoffen für Flugzeuge. Der Preis pro Fass liegt bereits deutlich über der Marke von 180 Dollar. Und so ist es auch bei Treibstoffen für grosse Schiffe. In Häfen wie Singapur und im Emirat Fudschaira, nahe der Strasse von Hormus, müssen Schiffe fürs Neutanken ebenfalls Preise zahlen, die weit über jenen der letzten Energiekrise liegen.

Diese Rekorde erreichen unweigerlich die Supermärkte wohlhabender Industrieländer. Heute sind dort Waren aus aller Welt günstig – dank des günstigen Transports via Jets und insbesondere Containerschiffen. Sind deren Treibstoffe rekordteuer oder gar nicht vorhanden – werden auch die Waren teurer oder sind nicht mehr vorhanden. Laut Nachrichtenagentur «Bloomberg» warnen die Chefs grosser Schifffahrtsunternehmen bereits: Tue man nichts, könne man in wichtigen asiatischen Häfen bald nicht mehr nachtanken.

Wie die Welt zunehmend feststellen muss, hängt nicht nur der Ölmarkt an der Strasse von Hormus. Laut dem «Economist» gerät auch die Industrie durcheinander. Wichtige Fabriken zur Herstellung von Petrochemikalien sind nun vom Weltmarkt ausgeschlossen. Das wiederum bereitet jetzt weltweit Probleme bei der Herstellung von Plastik sowie von Medikamenten wie Aspirin oder Antibiotika. Aus der Golfregion kommen auch Bestandteile für Schneide- und Bohrwerkzeuge, für Farben, Kunststoffe, Chemikalien oder Baumaterialien.

Dann ist die Region eine wichtige Quelle des energieintensiven Aluminiums, dessen Preis ebenfalls hochgeschossen ist. Für den Rohstoff-Experten Javier Blas ist das Metall schlicht eine der «Grundlagen des modernen Lebens». Es wird in Flugzeugen verbaut, iphones, Fensterrahmen, Getränkedosen, Elektrovehikel und, und, und. Helium ist knapp und im Handel teurer geworden, zeitweise um bis zu 100 Prozent.  Das betrifft wiederum die Hersteller von Halbleiterchips. Helium wird benötigt, um die in den Chips enthaltenen Supermagneten zu kühlen.

Den ärmsten Ländern geht das Düngemittel aus

Einer der am meisten betroffenen Bereiche wird die Landwirtschaft sein. Das in der Region reichlich vorhandene Erdgas wird in der Herstellung von Düngemitteln verwendet und macht einen Grossteil der Kosten aus. Deshalb passiert rund ein Drittel des weltweit gehandelten Düngemittels durch die Strasse von Hormus. Ist die Strasse gesperrt, könnten laut den Vereinten Nationen gerade die ärmsten Länder darunter leiden. Der Sudan etwa beziehe die Hälfte seiner Düngemittel aus der Golfregion. Die «Financial Times» titelt von einem drohenden «globalen Schock für die Landwirtschaft».

Die Dimensionen und möglichen Auswirkungen sind also erschreckend gross. Zugleich sind gerade sie der wichtigste Grund, warum man auf ein baldiges Kriegsende hoffen dürfe, sagt Experte Johnston. Er ist überzeugt, dass Trump bald einen Rückzieher macht. Der Verlust an Erdöl sei zu gross, die Folgen könnten noch viel schlimmer werden. «Endet diese Krise nicht bald, wird der Energiemarkt völlig aus den Fugen geraten.»

Ein US-Soldat beobachtet ein iranisches Schiff in der Strasse von Hormus. (Foto: US MARINE CORPS/STAFF SGT. DONALD HOLBERT via EPA Keystone)
Ein US-Soldat beobachtet ein iranisches Schiff in der Strasse von Hormus.Bild: EPA US MARINE CORPS
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Der Krieg im Iran hat zur Folge, dass die Ölpreise weltweit steigen.

quelle: keystone / altaf qadri
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