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Generika hinauszögern: Parlament will Pharma mit Kniff entgegenkommen

Generika hinauszögern: Parlament will Pharma mit Kniff entgegenkommen

Bisher trat das Parlament bei den Medikamenten auf die Sparbremse. Ein neuer Vorstoss will nun den Unterlagenschutz verlängern und so den Markteintritt von Generika hinauszögern. Ist das die Kehrtwende?
01.04.2026, 06:1601.04.2026, 06:17
Anna Wanner / ch media

Die Kosten für Medikamente steigen in der Grundversicherung rasant. Das wirkt sich auf die Prämien aus. Darum hat das Parlament jüngst Rabatte für die umsatzstärksten Medikamente beschlossen. Der erwünschte Spareffekt liegt bei rund 350 Millionen Franken pro Jahr.

THEMENBILD --- Das vollautomatische Medikamenten-Lager in der Damian Apotheke in Nussbaumen bei Baden, aufgenommen am 21. Mai 2012. In der Schweiz sind die Medikamente nach wie vor teurer als im vergl ...
Wird der Unterlagenschutz bei Medikamenten verlängert, verzögert sich die Einführung von Generika.Bild: KEYSTONE

Hinzu kommt der starke Druck aus den USA: Die Schweizer Arzneimittelpreise sollen nach Wunsch des US-Präsidenten als Vorlage dienen, um jene in den USA zu senken. Absolut sind die Schweizer Preise hoch: nirgendwo sonst sind Medikamente teurer als hier. Doch die Branche verwendet für den Vergleich kaufkraftbereinigte Preise – und da fällt die Schweiz in der Statistik massiv zurück. Die Folge: Die Schweiz könnte für die Lancierung neuer Medikamente künftig ausgelassen werden, weil sie als Vergleichsland die Preise für den wichtigen US-Markt drückt.

Der Bundesrat hat darum Anfang Jahr die Arbeitsgruppe «Lifesciences-Standort» geschaffen, um die Rahmenbedingungen für chemische und pharmazeutische Industrie zu verbessern. Erste Ergebnisse werden Ende Jahr erwartet.

Doch nun prescht das Parlament vor: In einem Vorstoss wird der Bundesrat beauftragt, bessere Bedingungen für klinische Studien in der Schweiz zu schaffen. Dazu gehören nebst verkürzten Zulassungszeiten von Medikamenten auch die Reduktion von Gebühren für deren Zulassung, und dazu gehört vor allem auch der verlängerte Unterlagenschutz. Im Unterschied zum Patent, das die Erfindung des Wirkstoffs schützt, werden über den Unterlagenschutz die Zulassungsunterlagen (Studien) des Herstellers geschützt. Sie dürfen von Generikaherstellern nicht für die Zulassung verwendet werden.

THEMENBILD --- Medikamente, aufgenommen am 13. Juni 2013 in Zuerich. In der Schweiz sind die Medikamente nach wie vor teurer als im vergleichbaren Ausland. Bei den Generika betraegt der Preisunterschi ...
Generika haben dieselbe Wirkung wie Originalpräparate, sind aber günstiger.Bild: KEYSTONE

Bundesrat unterstützt Mehrkosten

Der Hintergrund: Die Zahl der klinischen Studien in der Schweiz nimmt ab. «Angesichts des zunehmenden Wettbewerbs im europäischen und globalen Umfeld gilt es, die Standortattraktivität der Schweiz gezielt zu stärken», schreibt deshalb die Wissenschafts- und Bildungskommission des Ständerats, die den Antrag erstellt hat.

Der Bundesrat stimmte dem Anliegen bereits zu: Klinische Studien seien gesundheitspolitisch und volkswirtschaftlich von strategischer Bedeutung. Der Bundesrat will die Anliegen umsetzen und plädiert gar für den «vollständigen Gebührenerlass für akademisch initiierte klinische Prüfungen und Leistungsstudien». Nicht die Industrie solle die Kosten für eine Zulassung von rund 100'000 Franken zahlen, diese müssten «anderweitig finanziert werden», so der Bundesrat.

Es sind dies nicht die einzigen Kosten, die auf die Öffentlichkeit zukommen. Stimmt nach dem Ständerat auch der Nationalrat dem Vorstoss zu, wird die Bevölkerung verstärkt zur Kasse gebeten. Denn der längere Unterlagenschutz würde zu «hohen Mehrkosten für die obligatorische Krankenpflegeversicherung führen», wie das Bundesamt für Gesundheit auf Anfrage schreibt. Der Grund: Der Unterlagenschutz verzögert die Zulassung von Generika. Damit verbundene Einsparungen würden hinausgeschoben.

Sabotage der Sparbemühung

Konkret bedeutet das: Die Thromboseprophylaxe Xarelto des Herstellers Bayer hat den Krankenkassen im Jahr 2024 Kosten in der Höhe von 122 Millionen Franken verursacht. Die Generika für das Produkt haben um 70 Prozent tiefere Preise. Wird der Schutz um ein Jahr verlängert, würde dies Mehrkosten von bis zu 85 Millionen Franken verursachen, wie das BAG berechnet hat.

Ähnlich ist das beim Mittel gegen altersbedingte Makuladegeneration Eylea, das die Krankenkassen jährlich um die 162 Millionen Franken kostet. Das Biosimilar ist um 35 Prozent günstiger als das Original. Pro Jahr müssten Versicherte also gut 55 Millionen Franken für einen längeren Unterlagenschutz berappen.

Die Ironie der Geschichte: Die neue Regel trifft jene Medikamente, die wegen der hohen Umsätze neuerdings Rabatte zahlen müssen. Das bedeutet, dass in der Folge grosse Pharmafirmen wie Bayer gleichzeitig be- und entlastet würden. Über das bereits beschlossene Kostenfolgemodell müsste Bayer Rabatte in der Höhe 42,4 Millionen Franken an die Versicherer für Eylea zurückzahlen, wie die Krankenkasse Helsana berechnet hat. Für den Blutverdünner Xarelto sind es 17,7 Millionen Franken. Gleichzeitig könnte sie dank verlängertem Unterlagenschutz mehr und länger Geld einnehmen: Gemäss den beschriebenen Berechnungen des Bundes wären es rund 160 Millionen Franken Mehreinnahmen pro Jahr.

Der Spareffekt bliebe an einem kleinen Ort. Das Bundesamt für Gesundheit schreibt denn auch:

«Wir gehen davon aus, dass der Bundesrat die potenziellen Mehrkosten bei der Erwägung von Massnahmen zur Förderung klinischer Studien für neue Arzneimittel in der Schweiz berücksichtigen wird.»

Überhaupt habe die Schweiz im internationalen Vergleich bereits heute einen sehr langen Unterlagenschutz. Und: «Die Kosten für Forschung und Entwicklung werden sehr gut honoriert.» (aargauerzeitung.ch)

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74 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Maybe.
01.04.2026 06:41registriert Februar 2023
Titel sollte heissen: "Parlament will Krankenkassenkosten weiter hoch halten zu Gunsten der Pharmaunternehmen."
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Ironiker
01.04.2026 06:30registriert Juli 2018
Novartis steigerte den Nettogewinn 2025 auf 14 Milliarden Dollar. CEO Vas Narasimhan erhielt eine Gesamtvergütung von 24,9 Millionen Franken.

Dividende: Die Ausschüttung wurde erhöht, mit einer erwarteten Rendite von über 3%.

Ich unterschreibe jeden Fötzel, der das unterbinden will.
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Aya
01.04.2026 06:57registriert August 2019
Fas heisst. Ich bezahle anstatt mit KK Pämien mit Steuern den Gewinn der Pharma?? Wie genau ist diese Kommission zusammengesetzt???
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