«Project Iceworm»: Wie die USA Atomraketen in Grönland verstecken wollten
Im April 2024 flog ein Team von NASA-Wissenschaftlern über die gigantische Eisfläche Grönlands. Ziel des Erkundungsflugs war, einen neuen Radar zur Kartierung der grönländischen Eiskappe zu testen. Dieser entdeckte plötzlich seltsame Formen im Eis. Erst der Einsatz eines bodendurchdringenden Radars brachte Klarheit: Die Strukturen im Eisschild gehörten zu einer längst aufgegebenen US-Basis, dem Camp Century, dessen Überreste unter dem Eis verborgen sind.
Camp Century besteht aus 26 Tunneln und Kavernen im Eisschild, die insgesamt drei Kilometer lang sind. Heute liegen sie unter einer mehr als 30 Meter dicken Eisschicht. 1958, als der Bau der Anlage begann, waren es nur gerade acht Meter. Camp Century sollte nur einer von mehreren Standorten eines bedeutend grösseren Projekts des US-Militärs werden: des hochgeheimen Project Iceworm, das die Stationierung von Atomraketen im grönländischen Eisschild bezweckte. Und dies notabene ohne Wissen der dänischen Regierung.
Gigantische Raketenbasis unter dem Eis
Im Rahmen des Project Iceworm sollte im Norden Grönlands auf einer Fläche von 130'000 Quadratkilometern – der dreifachen Grösse des Mutterlandes Dänemark – ein System von subglazialen Abschussrampen für US-Atomraketen entstehen. Im geplanten verzweigten Tunnelsystem, dessen Gesamtlänge 4000 Kilometer erreicht hätte, sollten 60 Kontrollzentren (Launch Control Centers, LCC) und 2100 Raketensilos eingerichtet werden, bedient von insgesamt 11'000 Soldaten. Kleine semimobile Atomreaktoren sollten sie mit Strom versorgen.
Rund 600 Minuteman-Interkontinentalraketen sollten dort gelagert werden, die auf Schienen hin und her transportiert werden konnten, damit ihr genauer Standort geheim blieb. Diese speziell für den Einsatz in den subglazialen Silos angepassten «Iceman»-Raketen wären nur zweistufig gewesen und hätten eine Reichweite von 5500 Kilometern aufgewiesen – ausreichend für die meisten wichtigen Ziele in der Sowjetunion.
Bereits die Eisschicht über den Startsilos hätte einen gewissen Schutz vor sowjetischen nuklearen Angriffen geboten. Doch der eigentliche Schutz der jeweils rund 6,5 Kilometer voneinander entfernten Silos hätte in ihrer Unsichtbarkeit unter der Eiskappe gelegen. Nach der Vollendung von Project Iceworm hätten die Sowjets schätzungsweise 3500 Acht-Megatonnen-Gefechtsköpfe benötigt, um es in seiner Gesamtheit zu zerstören.
US-Interesse an Grönland
Hintergrund dieses Mega-Projekts war der Kalte Krieg, der nach dem Zweiten Weltkrieg begonnen hatte. Seitdem die Sowjetunion 1949 ebenfalls Atommacht wurde, prägte die Entwicklung von Überschallbombern für grosse Entfernungen und Interkontinentalraketen den nuklearen Rüstungswettlauf zwischen den Supermächten. Damit gewann die abgelegene Nordpolarregion an strategischer Bedeutung, denn über dieses Gebiet führten die kürzesten Flugverbindungen zwischen den Zentren der USA und der Sowjetunion. Grönland etwa liegt auf halbem Weg zwischen Moskau und Washington.
Kein Wunder, dass die US-Streitkräfte Militärstützpunkte in der Region errichteten: die Ladd Air Force Base in Alaska, die Goose Air Force Base auf Labrador in Kanada und die Thule Air Base auf Grönland, die nördlichste Basis der US-Luftwaffe. Bis zum Zweiten Weltkrieg hatten sich die USA kaum für die grösste Insel der Welt interessiert, doch dann, am 9. April 1941, unterzeichneten der dänische Botschafter in den USA, Henrik Kauffmann, und US-Aussenminister Cordell Hull einen Verteidigungsvertrag. Dieser wurde 1951 als Defense of Greenland Agreement (Verteidigungsabkommen für Grönland) erneuert, das es den USA erlaubte, ihre Militärstützpunkte in Grönland zu behalten und – im Rahmen der NATO – neue Stützpunkte zu errichten.
Und dies taten die USA in den folgenden Jahren. Neben der Thule Air Base, die auch als einzige heute noch in Betrieb ist (allerdings heisst sie heute Pituffik Space Base), entstanden zwei weitere Luftwaffenstützpunkte: Narsarsuaq und Sondrestrom. Alle drei waren als operative Stützpunkte für strategische Bomber gedacht und dienten überdies als Tankstellen.
Schweizer Eisfräsen für die US-Army
Camp Century, das als Testfeld für das Project Iceworm angelegt wurde, lag 240 Kilometer von der Thule Air Base entfernt auf einer enormen Eisebene. Es handelte sich um den der Versorgungsbasis Thule am nächsten gelegenen geeigneten Ort, der nicht von der sommerlichen Eisschmelze betroffen war. Hier begannen die Arbeiten im Juni 1959, wobei die logistische Herausforderung enorm war: Baumaterialien und Werkzeuge mussten per Raupenfahrzeug von Thule herangeschafft werden. Eine solche Fahrt dauerte etwa 70 Stunden. Die Arbeit in dieser bitterkalten Eis-Einöde war nicht leicht – nachts sanken die Temperaturen auf minus 50 Grad Celsius, und der Wind konnte Eis und Schnee mit einer Geschwindigkeit von bis zu 200 Kilometer pro Stunde durch die Luft treiben.
Mit speziellen, in der Schweiz konstruierten Eisfräsen gruben die Arbeiter tiefe Gänge in das Eis, die zunächst oben offen blieben. Danach wurden sie mit gebogenen Stahlplatten überdacht, die dann mit Schnee und Eis bedeckt wurden.
Als der Bau von Camp Century im Oktober 1960 abgeschlossen wurde, bot der Stützpunkt den zweihundert Soldaten der Bemannung Schlafsäle, eine Küche, ein Krankenhaus, eine Wäscherei, eine Cafeteria, ein Kommunikationszentrum, einen Aufenthaltsraum, eine Kapelle und sogar einen Friseursalon.
Daneben gab es noch Büros, einen Radiosender, Lagerräume für Material und Treibstoff, ein Labor und einen Reserve-Dieselgenerator. Zur Energieversorgung diente aber ein semimobiler Atomreaktor (PM 2A) mit zwei Megawatt Leistung, der freilich in dem eisigen Klima sorgfältig behandelt werden musste, da das Metall seiner Hülle schnell spröde wurde.
Getäuschte Dänen
Camp Century an sich war nicht geheim. Offiziell galt es als Forschungszentrum in der Polarregion, und die US-Armee drehte sogar einen Film darüber. In der Tat arbeiteten Wissenschaftler unter der Schirmherrschaft des Army Polar Research and Development Center in der Arktisforschung. Die Funktion des Camps als Testgelände und Prototyp für Project Iceworm blieb hingegen bis 1997 geheim. Den dänischen Behörden erklärte das US-Verteidigungsministerium 1960, der Zweck des Camps bestehe darin, verschiedene Bautechniken unter arktischen Bedingungen zu testen, praktische Probleme mit einem semimobilen Kernreaktor zu untersuchen und wissenschaftliche Experimente auf dem Eisschild durchzuführen.
Den Amerikanern war klar, dass auf dänischer Seite eine starke Abneigung gegen die Stationierung von Atomwaffen auf ihrem Territorium bestand – zumindest offiziell. Hinter verschlossenen Türen sah dies anders aus: Als sich der US-Botschafter in Dänemark 1957 privat an den dänischen Premierminister Hans Christian Svane Hansen wandte und fragte, ob Dänemark informiert werden möchte, falls die USA Atomwaffen in Grönland stationierten, antwortete Hansen erst nach fünf Tagen, er halte die Äusserungen des Botschafters für «nicht kommentierungswürdig».
Die Amerikaner verstanden dies so, dass die dänische Regierung nicht genau wissen wollte, welche Aktivitäten die USA im hohen Norden entfalteten. Dies mag zutreffen, doch auch wenn die Dänen bereit waren, die heimliche Lagerung kleiner Bestände an Atomwaffen auf der Thule Air Base zu übersehen, so dürften sie einer massiven Präsenz amerikanischer Atomwaffen wie beim Project Iceworm kaum zugestimmt haben.
Probleme und Stilllegung
Doch dazu kam es nicht, wie wir wissen. Bald zeigten sich massive Probleme: Das grönländische Eis war schlicht zu instabil. Der Eisschild bewegte sich schneller als ursprünglich erwartet. So begann sich etwa die Decke des Raums, in dem sich der Atomreaktor von Camp Century befand, abzusenken und musste um beinahe anderthalb Meter angehoben werden. Bei einer solchen Geschwindigkeit der Eisverschiebung wäre der gesamte Komplex innerhalb von zwei Jahren zerstört worden. Die Lagerung von Atomraketen in derart instabilen Tunneln erschien nicht gerade als ratsam.
Hinzu kam, dass die Technik des Abschusses von Atomraketen aus U-Booten in den frühen 1960er-Jahren rasante Fortschritte machte. Eine Flotte von U-Booten, die Polaris-Raketen vom Nordpolarmeer, der Nordsee, dem Mittelmeer oder dem westlichen Pazifik aus abfeuern konnte, bot wesentlich mehr Vorteile als eine teure Raketenbasis unter dem Eis von Grönland. Die strategischen U-Boote, die einen nuklearen Zweitschlag nach einem Erstschlag des Gegners ermöglichen, machten Project Iceworm und damit Camp Century obsolet.
1963 stellten die USA das Projekt offiziell ein und Camp Century wurde zu einer Sommermilitärbasis umgebaut. Der Atomreaktor wurde 1964 abgeschaltet und durch Dieselgeneratoren ersetzt. Zwei Jahre später gab das US-Militär das Camp endgültig auf, das darauf allmählich unter einer dicken Eisschicht versank.
Toxische Hinterlassenschaft
Ebenfalls unter der Eisschicht begraben sind – neben der gesamten Infrastruktur – die toxischen Abfälle, die das Militär zurückliess. Laut Schätzungen liegen auf einer Fläche von etwa hundert Fussballfeldern 9200 Tonnen Baumaterial, 200'000 Liter Diesel und giftige Schadstoffe wie Polychlorierte Benzole (PCB), 24 Millionen Liter Abwasser und leicht radioaktives Kühlwasser des Atomreaktors.
In den 1960er-Jahren, als «Klimaerwärmung» noch ein unbekannter Begriff war, ging man davon aus, dass die Altlasten unter den sich ansammelnden Schnee- und Eismassen auf ewig konserviert bleiben würden. Tatsächlich: Als das Camp aufgegeben wurde, war die Eisschicht etwa 12 Meter dick; heute ist sie rund 35 Meter mächtig. Und vorläufig, vermutlich einige Jahrzehnte, wird sie noch weiter anwachsen.
Danach aber wird das Abschmelzen grösser sein als der Schneefall, und Eisschicht um Eisschicht wird wieder abgetragen. Zu diesem Schluss kommt der kanadische Klimaforscher William Colgan, der mit seinem Team Dokumente und Pläne gesichtet hat, um einzuschätzen, wie tief die toxische Hinterlassenschaft vergraben ist. In seiner Studie aus dem Jahr 2016 schätzt er, dass deren Freilegung bis 2090 unumkehrbar sein wird – oder noch früher, wenn sich der Klimawandel beschleunigt.
Spätestens dann wird sich die Frage stellen, wer für das Aufräumen zuständig ist – eine Frage, die zwischen Dänemark, Grönland und den USA für Spannungen sorgen dürfte. Bis dahin könnte Grönland allerdings längst ein unabhängiger Staat geworden sein – oder ein US-Bundesstaat, wenn US-Präsident Donald Trump seinen Willen durchsetzen kann.
