International
Zeit Online

Lage im Iran: «Alles hängt davon ab, was der Boss, Trump, mit uns vorhat»

Iran, Tehran, visitors to the Roof of Iran Park above the city skyline
Zwei Frauen blicken über Irans Hauptstadt Teheran.Bild: Stone RF

Lage im Iran: «Alles hängt davon ab, was der Boss, Trump, mit uns vorhat»

Ein Angriff der USA auf den Iran scheint mit jedem Tag wahrscheinlicher. Sechs Menschen aus Teheran berichten über ihre Angst vor dem Krieg und die Wut auf das Regime.
27.02.2026, 23:0827.02.2026, 23:08
Zahra Mohamadi, Lea Frehse, Amir Karemi, Lara Huck / Zeit Online
Ein Artikel von
Zeit Online

Ein Militärschlag der USA gegen den Iran scheint mit jedem Tag wahrscheinlicher. In den Verhandlungen zwischen Vertretern beider Länder hat es bisher keinen Fortschritt gegeben. DIE ZEIT hat mit einigen Menschen aus der iranischen Hauptstadt Teheran über die äusserst angespannte Situation gesprochen und ihre Gedanken, Ängste und Hoffnungen protokolliert.

Bahar, 38: «Ich will eine Intervention, wenn dann die Gefangenen freikommen»

Bahar ist Schriftstellerin. Aufgewachsen in einer religiösen Familie, die das Regime unterstützt, hat die junge Frau sich selbst davon distanziert und in den vergangenen Jahren immer wieder an Protesten teilgenommen.

Ich war gegen den letzten Krieg im vergangenen Jahr, als der Iran bombardiert wurde. Teheran unter Bomben zu erleben, hat mir das Herz gebrochen. Dann habe ich bei den Protesten vor einigen Wochen die Verbrechen des Regimes mit eigenen Augen gesehen. Wir sassen da ohne Internet, ohne Verbindung zur Aussenwelt, und wünschten uns nichts mehr, als dass die USA diese Führung beseitigen würde. Wir sagten einander: Sollen sie doch unsere Häuser bombardieren, aber wenigstens soll die Decke auch auf diese mörderischen Verbrecher des Regimes fallen.

Aber diese rohen, unmittelbaren Gefühle sind der Angst gewichen. Je näher der Krieg scheint, desto grösser ist sie. Ich wache jede Nacht in Panik auf. Was will ich also von Amerika? Ich will nur dann eine militärische Intervention, wenn sie Chamenei und die anderen verhaften und vor Gericht stellen können. Ist das realistisch? Ich bezweifle es. Ich will eine Intervention, wenn dann die Gefangenen freikommen und die Hinrichtungen aufhören. Nur dann.

Nima, 41: «Es würde ein Zermürbungskrieg»

Nima ist in der Immobilienwirtschaft tätig, unverheiratet und lebt in Teheran. Er lehnt einen Militärschlag gegen den Iran entschieden ab.

Selbst Trump hat mittlerweile wohl begriffen, dass man im Iran nicht vorgehen kann wie in Venezuela oder damals im Irak. Die Islamische Republik lässt sich nicht von aussen stürzen. Um das zu erreichen, müssten wir Iraner in Massen auf die Strassen gehen, so wie 2009 – aber bewaffnet. Wir müssten die Polizeistationen stürmen, und dabei würden Millionen Menschen sterben. 

Sollten die USA jetzt angreifen, heisst es, dann zielen sie auf die Strom- und Wasserversorgung und die Ölanlagen. Es würde ein Zermürbungskrieg. Er würde nicht zwölf Tage dauern, wie im vergangenen Sommer, sondern Jahre, wie der Irak-Krieg. Trump geht es nicht darum, die Bevölkerung zu schützen. Und wenn jemand im Ausland darauf setzt, dass wir hier auf die Strasse gehen, sobald ein ausländischer Angriff das Regime schwächt: Ihr täuscht euch. Hier wird niemand mehr rausgehen. Alle bleiben zu Hause und blicken nur noch auf Trump.

Hamed, 36: «Die Oberen fürchten den Krieg»

Hamed hat Bauingenieurwesen studiert, hat aber keine feste Anstellung. Er ist, wie so viele seiner Generation, finanziell abhängig von seinen Eltern und ob seiner Situation zunehmend verzweifelt.

Ein Kindheitsfreund von mir ist der Sohn eines hochrangigen Militärs – also der Sohn eines Oligarchen. Denn wer in diesem Regime an der Spitze steht, der gehört zu einer reichen Clique. Als die jüngsten Proteste begannen, rief dieser Freund mich an und sagte: «Das Volk kann zur Hölle gehen. Ich bin bereit, sie alle zu erschiessen.»  

Als die Proteste niedergeschossen waren, rief er wieder an und sagte, stolz wie ein Kind: «Hast du gesehen? Wir haben gewonnen!» Das sind die Leute, mit denen wir es zu tun haben.

Aber ich hörte die Angst in den Worten dieses früheren Freundes. Ich denke, die Oberen fürchten den Krieg. Wenn es so weit ist, dann werden sie versuchen zu fliehen. Dieser Bekannte zum Beispiel bemüht sich längst um ein Visum für Grossbritannien. Es wird so sein wie damals, als der Schah gestürzt wurde. Die Schlüsselfiguren werden sich absetzen und dann laufen die niederen Ränge über. Aber ob es so weit kommt? Es ist doch eine bizarre Lage: Alles hängt davon ab, was der Boss, Trump, mit uns vorhat.

Reza, 40, Eli, 37, und Farshad, 37: «Dieser Krieg darf nicht passieren»

Reza, Eli und Farshad kennen sich seit Schultagen und gehören in Teheran zur oberen Mittelschicht. Sie alle halten den Krieg für wahrscheinlich – sind aber geteilter Meinung darüber.

Reza: Wenn es Krieg gibt, dann sind wir verloren. Denn Trump hat keinen Plan, was auf dieses Regime folgen soll. Wenn das Regime bleibt, sind wir auch verloren. Eigentlich ist die Frage nur: Gehen wir hier schnell zugrunde oder langsam?

Eli: Das stimmt nicht! Wir sterben hier gerade keinen langsamen Tod. Wir leben. Im Krieg aber sterben wir tausend Tode. Mit jeder Bombe, die hier im Sommer niederging, dachte ich: Jetzt sterbe ich. Und Trump hilft hier niemandem, er macht alle nur verrückt.

Farshad: Dieser Krieg darf nicht passieren. Erinnert euch an den letzten Sommer: Israel hat ziemlich präzise bombardiert, und das war schlimm genug. Wenn Amerika angreift, wird es viel zerstörerischer. Am Ende, ich wette es, macht Trump einen Deal mit jemandem, der hier die Macht übernehmen soll. Vielleicht ist es Reza Pahlavi (der Sohn des abgesetzten Schahs, Anm. d. Red.), vielleicht jemand aus dem Regime selbst.

Eli: Ich unterstütze Pahlavi nicht. Nicht für ihn bin ich auf die Strasse gegangen, sondern weil ich die Situation hier satt habe. Aber sollte Pahlavi an die Macht kommen – besser als mit Chamenei wird es auf jeden Fall. 

Farshad: Pahlavi ist nichts als eine Marionette der USA und Israels! Wenn der es wird, dann plündern lediglich andere unsere Ressourcen.

Mohadese, 24: «Niemand wird in Frieden leben können»

Mohadese ist Studentin an der Universität Teheran und stammt aus Afghanistan. Nachdem die Taliban dort die Macht zurückerobert hatten, tat sie alles in ihrer Macht Stehende, um einer arrangierten Ehe zu entkommen. Das Studium in Teheran war ihr Ausweg.

Ich möchte wirklich nicht, dass es Krieg gibt – denn ich bin sicher, dass Irans Schicksal dasselbe sein wird wie das Afghanistans. Wir haben diesen Kreislauf schon einmal gesehen, als die USA kamen und Afghanistan angriffen, um es vor den Taliban zu retten. Aber nach zwanzig Jahren haben sie das Land wieder den Taliban übergeben und sind gegangen – und jetzt zahlen sie ihnen monatlich Geld. Als die USA damals angriffen, war ich gerade geboren worden.

Jetzt auf

Wenn die USA angreifen, dann um Irans Öl und Ressourcen auszubeuten und dann wieder abzuhauen. Im Iran wird dann ein langer, innerer Krieg ausbrechen, genau wie zwischen den Taliban und den USA. 

Alle militärischen Kräfte des Iran und die Basidsch der Islamischen Republik, (bewaffnete Freiwilligenmiliz, Anm. d. Red.) werden mit Bombenanschlägen und Selbstmordattentaten das Land auseinanderreissen und die iranischen Menschen töten, um wieder an die Macht zu kommen. Die Taliban-Kämpfer sind in den Bergen aufgewachsen und kannten die Städte nicht, aber die Basidsch im Iran kennen jede Strasse und jede Gasse, und niemand in diesen Städten wird in Frieden leben können.

Dieser Artikel wurde zuerst auf Zeit Online veröffentlicht. Watson hat eventuell Überschriften und Zwischenüberschriften verändert. Hier geht’s zum Original.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Das könnte dich auch noch interessieren:
Du hast uns was zu sagen?
Hast du einen relevanten Input oder hast du einen Fehler entdeckt? Du kannst uns dein Anliegen gerne via Formular übermitteln.
4 Kommentare
Dein Kommentar
YouTube Link
0 / 600
Hier gehts zu den Kommentarregeln.
4
Melania Trump soll Sitzung im UN-Sicherheitsrat leiten
Ungewöhnliche Rolle für Melania Trump: Die First Lady soll eine Sitzung des UN-Sicherheitsrats leiten. Eine symbolische Geste in Zeiten angespannter USA-UN-Beziehungen.
Die First Lady der USA, Melania Trump, wird am Montag eine Sitzung des UN-Sicherheitsrats leiten, wenn die USA die monatlich rotierende Präsidentschaft übernehmen. Es sei das erste Mal, dass die Ehefrau eines amtierenden Staatschefs eine Sitzung des 15-köpfigen Gremiums führe, teilte ein UN-Sprecher am Mittwoch mit.
Zur Story