Islam
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Oscar Bergamin verteilt mit seinem Hilfswerk Nahrung in Syrien. Bild: Ash-Sham Care/ Oscar Bergamin

Interview mit einem Konvertiten

«Dieser Dschihad-Tourismus ist eine Schande für den Islam»

Oscar Bergamin, Konvertit und früherer «Public Diplomacy»-Manager beim Islamischen Zentralrat (IZRS), ist heute mit seinem Hilfswerk in Syrien tätig. Mit watson sprach er über Dschihadisten, den Bürgerkrieg in Syrien und die Untätigkeit des IZRS.



Herr Bergamin, heute wurde der Fall eines kurdischen Brüderpaars bekannt, das sich Ende April vor dem Bundesgericht wegen der Gründung eines al-Kaida-Auslandsbüros in Basel verantworten muss. Welche Gefahr geht von solchen Gruppierungen aus?
Oscar Bergamin: Die al-Kaida ist ein Phantom. Es handelt sich um lose Gruppierungen, die mit dem Gedankengut des alten Kerns der al-Kaida sympathisieren. Aber ein Sympathisant ist noch lange kein Terrorist.

Immerhin wurde das Bundesgericht mit dem Fall bemüht. Sie unterschätzen den Fall.
Wenn die Bundesanwaltschaft anklagt, wird ein kriminelles Potenzial innerhalb der Organisation vorhanden gewesen sein. Aber noch einmal: Die al-Kaida ist keine Organisation mit Aussenbüros in der ganzen Welt. Es gibt keine offiziellen Kommunikationskanäle. Die syrische al-Kaida-Gruppe pflegt zwar Kontakte nach Afghanistan, Pakistan und in den Irak, das ist bekannt. Trotzdem kann man nicht von einem internationalen Netzwerk sprechen.

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«Es ist kaum möglich, in Syrien den Überblick zu behalten», Oscar Bergamin.  Bild: watson/Miguel Tupak Kratzer

Sie kommen soeben aus dem Norden Syriens. Wie ist die Lage vor Ort?
Katastrophal. Eine solche Brutalität habe ich in meinem Leben noch nie gesehen, weder in Afghanistan noch im Kosovo. Menschen werden regelrecht massakriert. Man sieht abgeschlagene und aufgespiesste Köpfe auf Gartenzäunen, zerfetzte Körper. Kinder, die verhungern. Es ist der pure Horror. 

Verübt werden diese Gräueltaten ebenso von den Assad-Truppen wie auch von verschiedenen Rebellengruppen, darunter auch Dschihadisten aus dem Ausland. 
Man kann die Frontlinien sogar innerhalb der Familien beobachten. Während der Vater ein Demokrat ist, ist der Cousin vielleicht Emir bei der al-Kaida. Viele, die sich an den kriegerischen Auseinandersetzungen beteiligen, wechseln zudem ständig das Lager. Es ist kaum möglich, den Überblick zu behalten. 

Zur Person

Oscar Bergamin ist niederländisch-schweizerischer Doppelbürger mit Wurzeln in Vaz/Obervaz (GR). Nach mehreren Reisen in die arabische Welt und Swisscoy-Einsätzen im Kosovo und in Afghanistan konvertierte der ehemalige Journalist bei der «Südostschweiz» zum Islam. Er änderte seinen Namen zu Oscar Assadullah Mukhtar Bergamin und heiratete eine Kosovarin, die er auf seinem Einsatz kennen gelernt hatte.

2010 wurde Bergamin Stabschef für «Public Diplomacy» im Islamischen Zentralrat Schweiz (IZRS). 2011 verliess er den IZRS wieder. Man habe ihm eine erbetene Auszeit nicht gewähren wollen. Ein paar Monate später beschuldigte Bergamin den IZRS-Präsidenten Nicolas Blancho in einem Interview mit der «SonntagsZeitung», auf Spenden-Touren im arabischen Golf Bargeld für Schweizer Moscheen entgegengenommen zu haben.

Im März 2013 gründete Bergamin die Hilfsorganisation Ash-Sham Care mit dem Ziel, humanitäre Nothilfe in Syrien zu leisten. Seitdem pendelt er zwischen Syrien, Deutschland und der Schweiz. Seine Familie lebt in Felsberg (GR). (rar)

Sie liefern Lebensmittel in die umkämpften Gebiete rund um Aleppo und setzen sich dabei grossen Gefahren aus. Wie schützen Sie sich? 
Natürlich geht man ein Risiko ein, wenn man sich exponiert. Ich bin jedoch sehr vorsichtig und kann auf meine Kontakte in Syrien vertrauen. Trotzdem bleibt die Gefahr beispielsweise einer Entführung. Diese Erfahrung machte kürzlich eine syrische Kollegin. Sie hatte in der Türkei einen Vortrag über die Situation in Syrien gehalten und dabei – auch über Soziale Medien – die radikale Gruppierung «Islamischer Staat im Irak und der Levante» (ISIS) für ihre Gräueltaten öffentlich kritisiert. Das ist heikel, denn die Radikalen lesen immer mit. Sie wurde entführt, aber glücklicherweise später wieder freigelassen. Egal was man in Syrien tut, man steht unter ständiger Beobachtung.

Was sind die grössten Herausforderungen bei der Soforthilfe für das syrische Volk? 
Die grösste Herausforderung für meine Organisation Ash-Sham Care ist das Geld. Wir sind auf Spenden angewiesen, doch leider fliessen diese nur sehr spärlich. Der Westen hat den Krieg in Syrien schon lange vergessen. Zudem werden immer wieder Konvois mit Hilfslieferungen angegriffen. Glücklicherweise wurden wir bislang verschont. 

An den Kampfhandlungen sollen auch Muslime aus der Schweiz beteiligt sein. Momentan stehen rund 15 Muslime unter Beobachtung des schweizerischen Geheimdienstes. Sie sollen nach Syrien gereist sein, um sich zu Gotteskriegern ausbilden zu lassen. Was treibt diese jungen Männer an? 
Ein verzerrtes Bild vom Krieg in Syrien. Auf Youtube werben radikale Islamisten für den Krieg und das Sterben für Allah. Die al-Kaida ruft alle Gotteskrieger der Welt auf, gegen das brutale Regime Assads in den Kampf zu ziehen. Für manche mag dies verlockend klingen. Aber was diese jungen Männer dann auf dem Feld antreffen, ist der Horror eines brutalen Krieges. 

«Wenn die jungen Männer mit Tod, Schmerz und Krankheiten konfrontiert werden, ist die Faszination für den Krieg schnell weg.»

Es ist schwierig zu begreifen, dass ein junger Mensch, der in der Schweiz aufgewachsen und ausgebildet worden ist, für Allah in den Krieg ziehen will. 
Ich glaube, es hat viel mit der Faszination für den bewaffneten Kampf und einer gehörigen Portion Naivität zu tun. Der erste Kontakt auf dem Schlachtfeld mag noch einen gewissen Reiz haben. Wenn die jungen Männer aber mit Tod, Schmerz und Krankheiten konfrontiert werden, ist die Faszination für den Krieg schnell weg. Wenn Körperteile durch die Luft fliegen, Menschen mit offenen Bauchwunden auf der Strasse liegen, man verbranntes Fleisch riecht – spätestens dann werden sich die Kämpfer, die gutbehütet in der Schweiz, in Deutschland oder in England aufgewachsen sind, fragen: ‹Was zur Hölle mache ich eigentlich hier?› 

Bedenklich ist auch die Radikalisierung von Konvertiten. 
Ich schätze die Anzahl von Konvertiten aus der Schweiz, die sich an den Kriegshandlungen in Syrien beteiligen, als relativ gering ein. Ich denke, sie werden durch eine Unzufriedenheit angetrieben über eine Gesellschaft, die konsumorientiert und religionsfremd ist. Sie suchen das Pure in der Religion

Auch in die Bildung der Kinder Syriens versucht Ash-Sham Care zu investieren.  Bild: Ash-Sham Care/ Oscar Bergamin

Und das finden Sie hier in der Schweiz nicht? 
Junge Muslime tendieren teilweise dazu, radikaler zu sein als ihre Eltern. Sie distanzieren sich vom liberalen, kulturgeprägten Islam ihrer Eltern, den diese zum Beispiel in Bosnien oder im Kosovo so gelebt haben. Oder sie fühlen sich aufgrund ihres Migrationshintergrunds und des Glaubens ausgegrenzt und suchen Halt und Respekt bei ihresgleichen. Wenn sich dann die Chance bietet, sich im Krieg zu bewähren, zögern sie nicht. 

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«Nach ein paar Monaten im Einsatz stellen die Gotteskrieger fest, dass sie Drogentransporte an der Grenze überwachen», sagt Oscar Bergamin.  Bild: watson/Miguel Tupak Kratzer

Ein grosses Missverständnis: Den Islam zu leben, heisst ja nicht gleich, zu den Waffen zu greifen. 
Diese jungen Menschen sehen, dass andere Muslime vom Assad-Regime auf brutale Art und Weise unterdrückt werden. Sie wollen helfen und erliegen dabei einem grossen Irrtum. 

Welchem? 
Sogar in Teilen der muslimischen Bevölkerung in Europa wird das Tun der Gotteskrieger hinter vorgehaltener Hand goutiert. Nach ein paar Monaten im Einsatz werden diese jungen Gotteskrieger feststellen, dass sie gar nicht für die Befreiung der unterdrückten Muslime kämpfen, sondern Drogentransporte und Amphetaminfabriken an der Grenze zur Türkei und zum Irak überwachen. So wird der Krieg schliesslich finanziert. Sogar wenn sie erkennen, dass sie in einem dreckigen Geschäft gelandet sind, dass ihnen befohlen wird, Frauen und Kinder zu terrorisieren, gibt es kein Zurück mehr. Fahnenflucht wird sofort mit dem Tod bestraft. Letzte Woche starben an einem Tag 51 Dschihadisten in Nordsyrien, weil sie desertierten.  

«Der Islamische Zentralrat ist ein Sammelbecken für Muslime mit Minderwertigkeitskomplexen.»

Der Schweizer Geheimdienst geht davon aus, dass Muslime in der Schweiz im Umfeld von Moscheen für den Dschihad rekrutiert werden. Auch der Islamische Zentralrat (IZRS), wo sie eine leitende Position innehatten, steht im Fokus. 
Das ist dummes Geschwätz. In Moscheen werden keine Dschihadisten rekrutiert. Das war vielleicht vor 9/11 bei einer Moschee in Hamburg der Fall. Beim Islamischen Zentralrat können Schweizer Muslime höchstens ihren Frust ablassen. Dass dieser Rat Konvertiten für den Dschihad rekrutieren soll, ist absurd. Der IZRS ist ein Wanderzirkus ohne grosse Bedeutung. Wenn der Applaus vorbei ist, wird es jeweils sehr still um diese Organisation. 

Würden Sie den IZRS heute als radikal bezeichnen? 
Teilweise. Es gibt radikale Strömungen wie die Salafisten und der IZRS pflegt auch Kontakte zu den Muslimbrüdern. Man findet aber auch einige wenige Sufis, die sich dem IZRS angeschlossen haben, und die sind alles andere als radikal. Der IZRS ist ein Sammelbecken für Muslime mit Minderwertigkeitskomplexen. Er versucht zwar, die Stimme der Muslime in der Schweiz zu bündeln. Doch genau das ist ihm bis heute nicht gelungen. 

Bild: Ash-Sham Care/ Oscar Bergamin

Ash-Sham Care

Die von Oscar Bergamin gegründete Ash-Sham Care mit Sitz in der Schweiz und Deutschland ist eine Non-Profit-Organisation, die sich zum Ziel gesetzt hat, humanitäre Soforthilfe in Syrien zu leisten und Wiederaufbaumassnahmen einzuleiten. Die Organisation verfolgt Projekte in den Bereichen Bildung, Lebensmittel- und Medikamenten-Versorgung, Trinkwasser, Hilfe zur Selbsthilfe und Traumatabewältigung. (rar)

Der IZRS distanziert sich aber nicht klar von den Gotteskriegern. 
Das ist wahr. Sie fördern diese jungen Menschen zwar nicht, halten sie aber auch nicht ab. Zu sagen, der IZRS würde Muslime für den Dschihad rekrutieren, wäre aber vermessen. Trotzdem muss sich der Rat ganz klar von den Dschihadisten abgrenzen. 

Heute schiessen Sie gegen den IZRS, doch bis 2012 rührten Sie die Werbetrommel für die muslimische Organisation. Warum diese Kehrtwende? 
Zu viel Show, zu viel Gerede, nichts Konkretes. Ich will mit diesen Leuten nichts mehr zu tun haben. Es ging damals um interne Querelen. Sie haben mir eine Auszeit verweigert, deshalb bin ich gegangen. 

Gab es auch inhaltliche Differenzen? Der IZRS legt den Koran radikal aus.
Ja, und genau damit macht der IZRS mehr kaputt, als dass er einen konstruktiven Dialog eröffnen würde. Mit den provokativen Aussagen eines Blancho oder Illi macht der Rat das Engagement der stillen Arbeiter in anderen Organisationen kaputt, die Seelsorge im Gefängnis ermöglichen, sich für muslimische Friedhöfe einsetzen, in verschiedenen Kommissionen etwas verändern wollen oder auf lokaler Ebene Kontakte knüpfen. 

A Free Syrian Army fighter stands along a damaged street filled with debris in Aleppo's district of al-Sukari April 4, 2014. REUTERS/Aref Haj Youssef (SYRIA - Tags: POLITICS CIVIL UNREST CONFLICT)

Aleppo liegt in Schutt und Asche. Bild: KEYSTONE

Vermittelt der IZRS ein romantisches Bild der Gotteskrieger? 
Im Pseudo-Dok von Naim Cherni über den Krieg in Syrien wird tatsächlich ein glorifiziertes Bild des Krieges gezeichnet. Mit martialischer Musik untermalt, werden Gotteskämpfer mit Kalaschnikows gezeigt. Das mögen junge Menschen spannend finden. Dass viele Möchtegern-Dschihadisten in Syrien einfach an Cholera, Typhus, Hepatitis oder Tuberkulose erkranken und daran elendig sterben, wird nicht erwähnt. 

Muss es auch nicht. Es handelt sich um Propaganda ...
... was in Syrien passiert, hat nichts mit dem Islam zu tun. Es geht um den Machterhalt und -Ausbau verschiedener Interessengruppen und schliesslich um Geld. Und vieles wird von aussen durch mächtige Hintermänner gesteuert. Die ISIS, die Jabat Al-Nusra und die Ahrar Al-Scham, alles Al-Kaida-Sympathisanten, schlagen sich gegenseitig die Köpfe ein. Dadurch und durch die Assad-Truppen wird humanitäre Hilfe praktisch verunmöglicht. Dieser Dschihad-Tourismus ist eine Schande für den Islam. 

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Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
2Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • zombie1969 15.04.2014 21:05
    Highlight Highlight "Die ISIS, die Jabat Al-Nusra und die Ahrar Al-Scham, alles Al-Kaida-Sympathisanten, schlagen sich gegenseitig die Köpfe ein"
    Gut, sehr gut!
  • Kei Angst 15.04.2014 15:38
    Highlight Highlight Gut erklärt und ohne Schweizer Demokratieüberschätzung sachlich
    abgebildet, vielen Dank

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