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A Jordanian protester kisses a poster bearing the image of Jordanian pilot Muath al-Kasaesbeh during a rally to show their loyalty to King Abdullah and against the Islamic State in Amman February 5, 2015. REUTERS/Muhammad Hamed (JORDAN - Tags: POLITICS CIVIL UNREST TPX IMAGES OF THE DAY)

Demonstration in Amman für den getöteten Piloten Moaz al-Kasasbeh (05.02.2015). Bild: MUHAMMAD HAMED/REUTERS

Stimmung schlägt um

Nach Verbrennung des jordanischen Piloten: Erleben wir den Anfang vom Ende des IS?



Wer hofft nicht, dass die unbeschreiblich grausame Ermordung des jordanischen Kampfpiloten Moaz al-Kasasbeh eine Zäsur im Kampf gegen den IS darstellt. Dass endlich genug ist. In arabischen Medien finden sich Schlagzeilen wie Der Anfang vom Ende und IS überspannt den Bogen. Bringt die Wut der arabischen Strasse die Wende im Kampf gegen die Terroristen?

Zumindest was die vom IS-kontrollierten Gebiete im Irak angeht, lohnt sich ein Blick in die jüngere Vergangenheit. Dort wütete Al-Kaida, aus deren Reihen viele der IS-Barbaren einschliesslich ihrem Chef Abu Bakr al-Baghdadi stammen, nach der US-Invasion 2003 ähnlich brutal wie jetzt der IS. Auch die ersten Köpfungsvideos stammen aus jener Zeit. 

Haben Sie das Tötungsvideo des jordanischen Piloten gesehen?

Doch ab 2005 konnten die Terroristen sukzessive zurückgedrängt werden: Die «Erweckungsräte», eine Allianz sunnitischer Klanführer, wandten sich von Al-Kaida ab und vertrieben sie aus ihren Stammesgebieten. Ohne den Schutz, oder zumindest die stille Duldung, der Lokalbevölkerung waren die Dschihadisten gegen die US-Truppen langfristig chancenlos.

Ausschlaggebend für den Seitenwechsel der Sunniten waren drei Faktoren: Erstens Befremden über die Brutalität der Al-Kaida-Kämpfer, vor der niemand mehr sicher war, zweitens Bargeldzahlungen der USA und drittens die Hoffnung auf Einbindung im neuen Irak nach der Machtübernahme der Schiiten. 

Systematische Ausgrenzung der Sunniten

Im dritten Punkt versagte die Regierung unter Nuri al-Maliki komplett. Ehemalige Funktionäre der Baath-Partei wurden mit einem Berufsverbot belegt, die Erweckungsräte nach dem Abzug der USA aufgelöst und ihren Mitgliedern der Eintritt in Polizei und Armee weitgehend verwehrt. Diese Ausgrenzung der Sunniten bildete den Nährboden für das spektakuläre Comeback der Dschihadisten. Die selben Klans, die Al-Kaida aus den Westprovinzen Iraks vertrieben hatten, hiessen sie 2014 aus Frustration über die Zentralregierung in Bagdad wieder willkommen.

Die Lebendverbrennung Moaz al-Kasasbehs wühlt die arabische Welt auf, mehr als die Enthauptungen westlicher Geiseln. Auf Twitter trenden #IamMuath und #WeAreAllMuath in Anlehnung an #JeSuisCharlie. Doch Abscheu über die Gewaltorgien der Dschihadisten allein war schon vor zehn Jahren nicht ausschlaggebend für den Meinungsumschwung in der Bevölkerung. Die irakische Regierung muss den Kapitalfehler ihrer Vorgänger jetzt korrigieren und ernst machen mit der Einbindung der Sunniten.

Kommt die irakische Nationalgarde?

Premierminister Haider al-Abadi wagt zaghafte Versuche. Am selben Tag, als der IS das Tötungsvideo al-Kasasbehs veröffentlichte, überwies sein Kabinett einen Gesetzesentwurf an das Parlament. Dieser sieht die Schaffung einer Nationalgarde vor, die auch den Sunniten offensteht. Ein Sprecher al-Abadis lobte das Vorhaben als «Möglichkeit, dem IS entgegenzutreten»: Nach dem eher blamablen Auftreten der schiitisch geprägten Sicherheitskräfte gegen die Terroristen verspricht sich die Regierung offenbar von lokal verwurzelten sunnitischen Gardisten eine grössere Durchschlagskraft.

Sunnitische Politiker in Bagdad reagieren verhalten optimistisch. Wie schwierig das Verhältnis zwischen den beiden Volksgruppen bleibt, zeigt die heftige Kritik an einem zweiten Gesetzesentwurf, der das Arbeitsverbot ehemaliger Baath-Mitglieder lockern soll. Es geht den Sunniten nicht weit genug.

Weder die Lebendverbrennung Moaz al-Kasasbehs, noch die Racheaktionen Jordaniens markieren den Anfang vom Ende des IS. Ein künftiger Schulterschluss zwischen den Schiiten und Sunniten im Irak vielleicht schon. Dann wäre selbst eine Annäherung zwischen den verfeindeten Regionalmächten Saudi-Arabien und Iran denkbar, die dem IS endgültig das Genick brechen würde.

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