Damals, als eine Corvette 1 Dollar* kostete
Anfang der 1960er-Jahre war der Kalte Krieg im Orbit in vollem Gang. 1957 hatten die Sowjets den Westen in Schockstarre versetzt, indem sie mit Sputnik 1 erfolgreich den ersten künstlichen Satelliten ins All brachten – kurz darauf gefolgt von Sputnik 2 mit dem ersten Lebewesen, der Hündin Laika. Die USA konterten mit Explorer 1, aber Moskau legte nach – und schoss am 12. April 1961 mit Juri Gagarin den ersten Menschen ins All. Ein kolossaler Fehlstart für die Amerikaner. Drei Wochen später zogen die USA nach: Astronaut Alan Shepard war der erste Amerikaner im Weltraum.
Zur Feier des Tages schenkte General Motors dem frischgebackenen Nationalhelden eine brandneue 1962er Corvette. Astronauten waren die ultimativen Helden dieser Zeit. Und sie fuhren Corvette – ein PR-Traum aus dem Lehrbuch.
Shepard hatte logischerweise riesige Freude an seinem neuen Sportwagen, doch die NASA merkte schnell: Houston, we have a problem. Regierungsangestellten ist es gesetzlich untersagt, wertvolle Geschenke oder Unternehmenssponsoring anzunehmen.
Auftritt Jim Rathmann, ehemaliger Indy-500-Sieger und Besitzer einer Chevrolet-Vertretung in der Nähe von Cape Canaveral in Florida. Rathmann erkannte sofort, dass diese Astronauten-Jungs total auf Speed abfuhren, und roch das ganz grosse Marketing-Potenzial. In Absprache mit GM umging er das Geschenkeverbot, indem er ein spezielles Leasingprogramm ins Leben rief: Jeder NASA-Astronaut konnte einen brandneuen Chevrolet seiner Wahl leasen – für genau 1 Dollar pro Jahr.
Jedes Jahr durften die Astronauten ihre Karre gegen das absolut neueste Modell eintauschen. Während Familienväter wie John Glenn sich für den vernünftigen Kombi entschieden, holten sich die meisten direkt die Top-Version: fette Big-Block-Corvettes.
Neil Armstrong (der spätere erste Mensch auf dem Mond) etwa fuhr einen 1967er Sting Ray mit 7-Liter-V8 mit 390 PS:
Und hier sehen wir Buzz Aldrin (der zweite Mensch auf dem Mond) bei seiner Ankunft vor dem Start von Apollo 11 im Juli 1969 …
… selbstverständlich in einer Corvette.
Rund um Cape Canaveral entwickelte sich das Ganze schnell zu einem inoffiziellen Wettbewerb in Sachen Style und PS. Die Crew der zweiten Mondmission Apollo 12 – Pete Conrad, Richard Gordon und Alan Bean – bestellte sich farblich abgestimmte 1969er Corvette Stingrays.
Alan Bean, der eine Ausbildung in Kunst und Design besass, hatte das gold-schwarze Farbdesign gleich selbst entworfen. Wenn das Auto-Trio nebeneinander am Space Center parkte, sollte es wie eine einheitliche Elite-Flugstaffel aussehen.
So entwarf Bean auch die einzelnen Embleme: «CDR» (Commander) auf der Corvette von Pete Conrad, «CMP» (Command Module Pilot) bei Richard Gordon ...
... und «LMP» (Lunar Module Pilot) auf seinem Auto.
Die Apollo-15-Crew – Jim Irwin, Al Worden und Dave Scott – hielt die Tradition aufrecht und orderte passende 1971er Vettes in patriotischen Farben: eine in Rot, eine in Weiss, eine in Blau. Hier sind sie – zusammen mit dem LRV (Lunar Roving Vehicle) während der Trainingsphase für die Mondmission:
1971 war dann Schluss mit lustig. Die NASA verschärfte ihre Ethikregeln und GM beendete die Aktion. Weil es sich nur um Kurzzeit-Leasings handelte, gingen die Autos schliesslich zurück an den Händler und wurden als ganz normale Occasionen ans Fussvolk verkauft.
Postskriptum
Über die Jahrzehnte machten Sammler regelrecht Jagd auf diese unfassbar wertvollen «AstroVettes» – und spürten sie anhand der Fahrgestellnummern (VINs) auf. Alan Shepards 1968er Cabrio etwa wechselte 2022 bei einer Auktion für schlappe 308'000 Dollar den Besitzer.
Alan Beans berühmter gold-schwarzer 1969er Stingray hat's überlebt und steht heute im National Historic Vehicle Register, dem föderal anerkannten Programm der USA zur Dokumentation historisch bedeutsamer Automobile.
Auch Neil Armstrongs Corvette aus dem Jahr 1967 fand ihren endgültigen Platz, als sie im Jahr 2025 offiziell dem National Corvette Museum (NCM) in Bowling Green, Kentucky, geschenkt wurde.
Postskriptum 2
Und Juri Gagarin, der erste Mensch im Weltraum? Er bekam zwar keine Corvette, doch 1965 schenkte ihm die französische Regierung ein Matra-Djet V S Coupé, das er dann zurück in die Sowjetunion brachte, wo er es als sein Privatfahrzeug nutzte.
Postskriptum 3
James May durfte mal Neil Armstrongs Corvette fahren … und wurde mega emotional.
