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David erzählt uns seine Geschichte. bild: watson

«Sorry, ich muss heute noch fahren» – aus dem Leben eines Rollstuhlfahrers

Dave sitzt seit einem Sportunfall vor neun Jahren mit einer Querschnittlähmung im Rollstuhl. Er erzählt uns, woran er dachte, als er seine Beine und Arme nicht mehr bewegen konnte, wie schön Sex noch immer ist und wie er wieder einige Schritte machen kann.



Da sitze ich in meinem Rollstuhl an einer Party meiner Nachbarn. Was ich damals nicht wusste: Meine Nachbarn haben einen der Gäste, der mich nicht kannte, bewusst sensibilisiert. Es komme dann einer im Rollstuhl – also bitte keine dummen Sprüche.

Ich spüre, dass er auf rohen Eiern sitzt und Angst hat, eine Frage zu stellen, die dumm oder taktlos sein könnte. Weil es für mich zu einer guten Konversation dazugehören sollte, auch mal einen Spruch zu machen, breche ich gerne selbst das Eis.

«Ich bin so blau, ich kann nicht mal mehr laufen.»

Er lacht. Und entspannt sich.

Gewisse Leute bewegen sich ausserhalb ihrer Komfortzone, wenn sie jemandem im Rollstuhl begegnen. Deshalb dauert es bei mir nicht lange, bis ich selbst Sprüche raushaue. Man braucht mich nicht mit Samthandschuhen anzufassen.

Mein Name ist Dave, seit einem Sportunfall 2010 bin ich inkomplett querschnittgelähmt. In meinen Händen fehlt mir die Beweglichkeit und vor allem die Kraft. Das Öffnen von kleinen Portionsbeuteln ist zum Beispiel sehr mühsam. In den Beinen habe ich relativ gutes Gefühl, die Motorik ist aber stark eingeschränkt und ich habe ein reduziertes Schmerzempfinden.

Die inkomplette Tetraplegie

Dave hat eine inkomplette Tetraplegie zwischen dem sechsten und siebten Halswirbel (C6 und C7). Eine inkomplette Querschnittlähmung bedeutet, dass das Rückenmark nur zum Teil durchtrennt ist. Von einer Tetraplegie spricht man, wenn alle vier Gliedmassen, also Arme und Beine, von der Lähmung betroffen sind.

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Bevor Dave in Cafés geht, informiert er sich meist im Vorhinein, ob die Toiletten rollstuhlgängig sind. Sonst könne es ganz schön mühsam werden. bild: watson

Ich erinnere mich noch genau. Da ist diese Schaumstoff-Schnitzelgrube vor mir, die den Zweck hat, Sportunfälle zu verhindern. Deshalb entscheide ich mich, auch mal einen etwas schwierigeren Sprung zu wagen. Ich setze zu einem Dreifach-Salto an, nach zweieinhalb Drehungen tauche ich ein. Es fühlt sich bei der Landung an wie ein Schlag auf den Kopf. Mein erster Gedanke: Nicht schon wieder eine Gehirnerschütterung – als Kind hatte ich schon die eine oder andere.

Ich liege kopfüber in dieser Grube, die Schaumstoffschnitzel vor dem Gesicht. Ich will mich bewegen, die Arme, die Beine. Aber da geht nichts. Das ist nicht gut. In diesem Moment weiss ich, was los ist. Es fühlt sich an wie ein riesiges schwarzes Loch. Wenn ich jetzt in Panik gerate, könnte ich hier drin sterben.

Obwohl ich weiss, dass ich nicht in Panik geraten sollte, passiert genau das. Meine Atemhilfsmuskulatur ist gelähmt, das Zwerchfell funktioniert zum Glück noch. Ich habe früher Kampfkunst betrieben und dort gelernt, mich auf die Atmung zu konzentrieren und runterzukommen. Es ist gerade genug, um nicht das Gefühl zu haben, gleich zu versticken. Ich weiss, wenn ich wieder in Panik gerate, dann habe ich es nicht mehr unter Kontrolle, dann werde ich zu viel Luft brauchen.

Ein Kollege versucht mich etwas rauszuziehen und mit letzter Luft sage ich ihm: «Geh aus der Schnitzelgrube.» Wenn ich mich weiter bewege, geht noch mehr kaputt. Und wenn er da drin ist, bewegt sich das Ganze mit. Weil ich aber ziemlich krumm in dieser Grube liege, bewege ich mich dennoch kurz. Ich verspüre einen höllischen Schmerz im Nacken. Lieber jetzt durchbeissen, als es das Leben lang bereuen – ich bewege mich also nicht mehr.

Schliesslich kommt die Leiterin ganz vorsichtig in die Schnitzelgrube, fasst mein Bein an und fragt, ob ich etwas spüre. Ich spüre nichts. Ich weiss nicht mal genau, wo meine Beine überhaupt sind, in welche Richtung sie zeigen.

Nach einer gefühlten Ewigkeit, es waren wohl 20 bis 30 Minuten, kommt dann die erste Hilfe, die den Nacken stabilisiert. Sie bauen den Barren unter mir zusammen. Raus aus der Schnitzelgrube, rein in den Helikopter.

Es geht weiter in den Operationssaal und mir poppt ein Gedanke immer wieder durch den Kopf: Ich habe extrem Durst, aber vor Operationen gibt es nichts zu trinken. Und dann kommt meine Erlösung. Eine Pflegerin steckt mir einen feuchten Schwamm in den Mund, auf den ich beissen kann. Das ist weltklasse und ich bin ihr dafür unendlich dankbar.

Wenn ich in einen Club gehe, werde ich von Fremden regelmässig angesprochen:

«Schön, dass du hier bist.»

«Danke. Schön, dass du auch hier bist», antworte ich jeweils. Viele bewundern, dass ich mit dem Rollstuhl im Club auftauche. Einige machen dann gleich wie ein Pflug den Weg frei für mich. Das ist sehr lieb gemeint, aber in der Regel doch etwas übertrieben.

Dass ich gleich behandelt werden will wie jemand ohne Handicap, würde ich nicht sagen. Ich bin nun mal auf Hilfe angewiesen, wenn ich eine Treppe hoch will. Ich brauche Zugang zu einem WC, welches genügend gross ist für mich und einen grossen Parkplatz, auf dem ich aussteigen kann.

Am Tag nach der Operation wache ich auf, die Diagnose ist da. Alles ist noch verschwommen, schliesslich bin ich mit Medikamenten vollgepumpt. Was ich aber sofort weiss: Ich will so schnell wie möglich mit der Reha beginnen. So schnell wie möglich trainieren und Fortschritte machen.

Ich will in der Reha das absolute Maximum rausholen. Das heisst trainieren. Ich kann mich erinnern, als in der Reha zum ersten Mal eine Fliege auf meinem Bein gelandet ist und ich es spüren konnte. Das war ein cooles Feeling.

Viele haben das Gefühl, täglich zu trainieren sei für mich kein Problem, weil ich das als Sportler vorher schon getan habe. Natürlich ist es ein Vorteil, wenn man sich hartes Training gewohnt ist. Aber auch ich muss mich jeden Tag wieder entscheiden, es zu tun.

Das Training ist ein Teil meines Lebens. Genau wie es auch der Sex ist. Ja, ich kann Sex haben und habe es nach wie vor gern. Es ist schön, wie es auch vorher schon schön war. Ich hatte wohl auch Glück, dass ich zum Zeitpunkt des Unfalls eine Freundin hatte, die mit der neuen Situation sehr souverän umging. Das half, mit den veränderten Umständen klarzukommen. Meine Einschränkung war beim Sex gar nie ein Thema. Zumindest nicht explizit.

Wenn man, so wie ich, den ganzen Tag sitzt, dann sind die Chancen, Rückenschmerzen zu haben, erhöht. Ich spüre es vor allem im Nacken und im unteren Rücken. Es ist ja offensichtlich, dass es auch neben Rückenschmerzen Nachteile hat, im Rollstuhl zu sitzen. Es ist deswegen aber nicht alles schlecht. Ich spiele Rollstuhlrugby in der Schweizer Nationalmannschaft, dadurch kann ich viel reisen, lerne dabei neue Leute kennen. Es gibt auch positive Dinge, die ich nicht hätte ohne den Unfall. Und meinen Job kann ich auch ausführen.

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Dave in seinem Rugbyrollstuhl. bild: woop productions / red bull content pool

Ich bin Sportlehrer, ich weiss, das klingt nicht wie der prädestinierte Job für einen Querschnittgelähmten. Die Ausbildung habe ich bereits vor meinem Unfall angefangen und ich musste relativ bald danach entscheiden, ob ich das Sportlehrer-Studium weiter mache.

Ich habe Probelektionen gegeben und dabei gemerkt, dass es auch im Rollstuhl möglich ist, Tanzen oder Geräteturnen, was beides sitzend sehr herausfordernd ist, zu unterrichten. Also wollte ich das Studium unbedingt beenden, hierbei erhielt ich von der ETH auch grosse Unterstützung. Abkürzungen gab es keine für mich, aber es wurde mir alles ermöglicht. Ich habe abgeschlossen und jetzt einen Job an einer Berufsschule.

In meinem Berufsalltag gibt es zwar Hürden, aber es funktioniert alles ziemlich gut. Ich schaffe es alleine von zuhause ins Auto, vom Auto in die Turnhalle – die Türe ist zwar etwas schwer, aber ich kriege sie auf. Vor Ort habe ich Glück, dass ich auf meinem Stock die Toilette vom Hauswart benutzen darf.

Dass ich wieder mal laufen kann, das war eigentlich immer ein grosses Thema für mich. Ich war auch zwei, drei Jahre nach dem Unfall noch regelmässig in der Klinik und habe mit einem Gangroboter trainiert. Ich habe Vollgas gegeben. Wir haben alles ausgeschöpft, was irgendwie möglich ist – sowohl von der Intensität als auch von der Zeit. Irgendwann erhielt ich dann den Status «austherapiert» – mehr ging mit den herkömmlichen Methoden nicht.

Die STIMO-Methode

Die STIMO-Methode (Stimulation Movement Overground) besteht aus zwei unterschiedlichen Behandlungen: der elektrischen Stimulation des Rückenmarks und dem robotergestützten Bewegungstraining. Ziel ist es, dass die Patienten zumindest teilweise wieder Kontrolle über gelähmte Beinmuskeln erhalten.

An einem Seilroboter können die Teilnehmer gewichtsentlastet das aufrechte Gehen trainieren. Dazu werden Elektroden für die Rückenmarkstimulation chirurgisch im Wirbelkanal eingesetzt und mit einem implantierbaren Stimulator verbunden, der in Echtzeit und kabellos gesteuert werden kann.

Also habe ich mich bereit erklärt, an der STIMO-Studie mitzumachen. Mir wurde ein Elektrodenchip implantiert, der die Nerven im Rückenmark mit elektrischen Impulsen stimuliert. In fünf Monaten habe ich so wieder gelernt zu gehen – auch wenn es nur wenige Schritte im Barren mit Seitwärts-Stabilisation sind.

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Dave lernt mit der STIMO-Methode wieder laufen. Video: Vimeo/Wings for Life

Mit der Stimulation können wir fancy Dinge machen. Laufen mit dem Rollator oder auch auf dem Laufband. Ich habe mir inzwischen so ein Laufband mit Körpergewichtsentlastungssystem für zu Hause organisieren können. Ein Crowdfunding hat dies möglich gemacht und nun habe ich die Möglichkeit, zu Hause sehr intensiv zu trainieren – worauf ich mich natürlich riesig freue.

Ob ich irgendwann wieder richtig laufen kann? Ich weiss es nicht. Ich werde weiterhin dafür trainieren.

Wings for Life

Wings for Life ist eine gemeinnützige Stiftung für Rückenmarksforschung mit dem Ziel, eine Heilung für Querschnittgelähmte zu finden. Dazu wird in Studien wie die STIMO-Methode investiert.

Zur Sammlung von Spendengeldern organisiert Wings for Life einen globalen «World Run». Dieses Jahr findet der Lauf am 5. Mai statt. In der Schweiz wird in Zug gelaufen. Hier geht es zur Anmeldung.

watson unterstützt den «Wings for Life World Run» als Medienpartner.

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Dave lernt am Rollator wieder laufen. bild: WOOP Productions / Red Bull Content Pool

Zurück an der Party bei meinen Nachbarn, zurück beim Fragen-Dilemma, dass einige von euch wohl kennen. Solange ehrliches Interesse vorhanden ist, gibt es keine dummen Fragen. Auch wenn man mich fragt, wie es läuft oder wie es geht, erinnere ich die Leute nur selten daran, dass es bei mir eigentlich rollt.

Oft werde ich auch gefragt, ob ich ein Bier oder einen Drink möchte, dann zeige ich gerne auf meinen Rollstuhl und erkläre: «Sorry, ich muss heute noch fahren.»

Aufgezeichnet von Sandro Zappella.

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