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Big Ben: Darum bin ich Single

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Darum bin ich Single

Ich bin nicht allein und auch nicht einsam. Ich bin «nur» Single. Warum das so ist und warum das gut ist, erkläre ich hier. Nicht das erste Mal. Aber das erste Mal schriftlich.
07.10.2022, 10:10
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Once upon a time hatte ich eine Beziehung. Sie war nicht von langer Dauer. Exakt sieben Monate waren wir ein Paar. Sieben Monate lang stellte ich die Frau als «meine Freundin» vor, was sich jedes Mal sehr seltsam anfühlte. Es war, als würde ich die Worte von anderen benutzen, so tun, als ob die Geschichten, die ich mal gelesen oder gehört habe, als ob das meine wären. Ich gewöhnte mich nie richtig dran. Nach sieben Monaten war der Spuk vorbei. Und bevor ihr aufschreit: Nein, es war nicht schlimm. Es war keine Horrorfahrt. Auch keine Achterbahn der Gefühle. Es war gut.

(Fun Fact: Sie liebt den Europapark. Ich hasse ihn. Wir gingen trotzdem hin – ihr zuliebe. Ich kotzte nach der Silverstar unter eine Fake-Laterne. Es war ein Desaster.)

Im Sommer 2014 trennten wir uns, weil sie wegzog und ich keine Fernbeziehung wollte. Sie hätte es «probieren» wollen. Obwohl sie ebenfalls glaubte, dass es schwierig werden könnte. Wir werden wohl scheitern, hatte sie mehrmals gesagt, und wollte es darauf ankommen lassen, was ich für einen sehr qualvollen Tod hielt. Eher ein klarer Cut als ein ewig langes Ausfransen. Sie ging nach Bali. Das sind hundert Stunden mit dem Flieger und etwa gleich viel Zeitverschiebung.

Mein Beruf erlaubt es mir nicht, remote zu arbeiten – damals wäre mir das wahrscheinlich auch nicht in den Sinn gekommen, wenn ich einen anderen Beruf gehabt hätte, dieses «the world is my office»-Gedöns ist ja eine neue Erscheinung. Und ich hätte auch nicht nach Bali ziehen wollen. Mir gefällt's hier. Ich habe alles, was ich brauche. Ich bin glücklich in der Schweiz.

Ich hielt sie nicht zurück. Ich bin doch kein Egoist. Ich habe ihren Wunsch unterstützt. Sie ging. The End.

Wir, ein Volk von schlechteren und besseren Hälften

Hanna sagte, ich tat dies auch, weil mir das ganze Beziehungsding ungeheuerlich wurde. Ich hätte so einen «Easy Way Out» gehabt. Ich käme nicht damit klar, eine bessere Hälfte zu haben. Nur schon diese Bezeichnung! Bessere Hälfte?! Ich bin doch keine Hälfte! Niemand ist eine Hälfte!

Hanna ist übrigens meine beste Freundin. Ich könnte auch «einzige Freundin» schreiben, aber «beste» klingt besser. Und sie weiss als einzige, dass ich Ben bin, also werde ich sicher nicht den Fehler machen und hier was Falsches schreiben. Aber es ist so: Hanna ist meine einzige wirkliche Freundin. Natürlich habe ich Kolleginnen. Frauen im Freundeskreis. Weibliche Personen, mit denen ich mal einen Kaffee oder ein Bier trinke. Aber so oft und regelmässig mit einer Frau Zeit verbringen? Ohne Absicht? Ohne Sex? Einfach so? Da gibt's nur Hanna.

Und vielleicht hatte Hanna recht. Ich mochte meine Exfreundin. Sie war super. Sonst wäre ich ja nicht mit ihr zusammen gewesen. Aber mir war das ganze Paarsein zuwider. Ich habe keine Lust, jemanden über meinen Alltag upzudaten. In einer Beziehung ist man konstant am Pläne schmieden. Da sind nun zwei Kalender und irgendwie muss man ja Zeit zusammen verbringen. Wie weiss ich aber am Montag, ob ich am Samstag Lust habe, mit dieser Person, also «meiner Freundin», die ich logischerweise smart und hot und alles finde, aber dennoch, wie weiss ich so viel im Voraus, dass ich an besagtem Samstag nicht lieber eine Biketour machen will? Oder mich mit einem Kumpel besaufen möchte? Vielleicht will ich auch gar nichts unternehmen, sondern lieber zu Hause bleiben und gamen? Ist man in einer Beziehung, geht das alles nicht. Man kann nicht kurzfristig absagen oder Abmachungen nicht einhalten.

Ich weiss, was ihr jetzt sagt, glaubt mir, ich habe diese Diskussion schon so oft geführt. Ihr sagt: «Aber man kriegt so viel dafür! Es ist auch total schön, committed zu sein! Jemanden zu haben, der für einen da ist!» Absolut, aber: Dafür habe ich Freunde, Schwestern, Hanna. DAS REICHT! Das ist schon fast zu viel des Guten. Viele argumentieren mit Sex. Was ich einen Witz finde. Eine Beziehung ist keine Garantie für Sex! Ich habe einige Freunde, die sind in langjährigen Beziehungen und was fehlt ihnen? Sex.

Ich mache keine Pro-Kontra-Liste

Warum ich nach dieser Beziehung immer Single war? Mein Leben ist gut so, richtig gut. Warum sollte ich etwas ändern? Ich finde es völlig unnötig, meine Gene weiterzugeben, brauche also keine «bessere Hälfte» für die Fortpflanzung. Und nur weil uns die Gesellschaft weismachen will, dass eine Beziehung die «richtige» Lebensform ist, diejenige, die wir alle anstreben sollten, muss ich das noch lange nicht tun.

Wer Single ist, wird oft behandelt, als wäre er in einer Zwischenphase. Und das ist schlicht falsch. Was ich ebenfalls falsch fände, wenn ich sagen würde, ich werde nie wieder in einer Beziehung sein. Vielleicht ändere ich meine Meinung mal. Ich sehe nicht ein, weshalb, aber ich will ja eben auch nichts planen. Wie soll ich ahnen, ob ich nicht mal doch Lust auf dieses Zweierding habe, wenn ich am Montag Schwierigkeiten habe, zu wissen, was ich am Samstag tun will?!?

Übrigens: Sina wollte dann doch nicht mehr reden. Am nächsten Tag hat sie ihre Meinung komplett geändert. Sie war wie ausgewechselt. Sie schrieb, ich solle mich bei ihr melden, wenn ich «etwas platzieren» möchte.

Und jetzt stellen wir uns vor, wir wären ein Paar! Und ich MÜSSTE auf ihr Hin und Her reagieren. Ihr versteht mich?

So long,

Ben

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Big Ben ist ...
... Mitte 30 und lebt in einer WG. Sein Job ist in den Top 10 der Berufe, die Frauen sexy finden – je nach Umfrage. Er spielt Fussball, macht aber so gut wie nie ein Goal, (weil Goalie), er hat viele Schwestern, sehr viele, und wurde logischerweise total verwöhnt, aber auch (viel zu früh) aufgeklärt. Er hasst Verkleidungspartys, aber wenn er müsste, würde er sich als Gandalf verkleiden. Ben ist Single und hat kein Interesse daran, dies zu ändern.

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237 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Atavar
07.10.2022 10:30registriert März 2020
"[...] wie weiss ich so viel im Voraus, dass ich an besagtem Samstag nicht lieber eine Biketour machen will? Oder mich mit einem Kumpel besaufen möchte? [...]"
Eine Einstellung, die ich von meiner Ex kenne. Mir scheint dieser Gedankengang falsch zu sein: "Ist man in einer Beziehung, geht das alles nicht. Man kann nicht kurzfristig absagen oder Abmachungen nicht einhalten."

Man kann! Wer das Gefühl hat, in einer Beziehung keine eigenständige Person mehr zu sein hat entweder einen falschen Partner oder - wahrscheinlicher - ein Problem mit sich selbst.
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x4253
07.10.2022 10:22registriert Juli 2016
"Ist man in einer Beziehung, geht das alles nicht. Man kann nicht kurzfristig absagen oder Abmachungen nicht einhalten."

In welchen Situationen ist den regelmässig kurzfristig absagen oder Abmachungen nicht einhalten in Ordnung?
Über kurz oder lang beschädigt das jede Beziehung bzw. jedes Vertrauensverhältnis. Egal ob Ehepartner, bester Freund/beste Freundin, Bruder, Schwester, Mutter, Vater, Arbeitskollegen, Vorgesetzte etc.
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die_rote_Zora
07.10.2022 11:13registriert August 2019
"Wer Single ist, wird oft behandelt, als wäre er in einer Zwischenphase."

Genau das nervt so dermassen fest! Auch wenn ich, im Gegensatz zu Ben, für eine Beziehung offen wäre, heisst das nicht, dass ich irgendwie nicht ganz normal oder so bin, nur weil ich seit 10 Jahren Single bin.
Und Sprüche à la " der Richtige kommt schon noch" sind genau so unnötig... weil ja es könnte durchaus sein, dass er nie kommt, was auch kein Weltuntergang wäre. Denn wie Ben richtig sagt, für etwas hat man Freunde und Familie <3
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Nicht Pimmel. Polyamorie!
Ich dachte immer, ich sei gefeit vor Gesprächen über unkonventionelle Beziehungsformen. Falsch. Sie sind aktuell der Kern jeder Diskussion.

Es ist ja nicht so, dass das Miteinander immer nur einfach ist, wenn man gegen ein offizielles Miteinander ist.

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