Campino verrät, warum die Toten Hosen wirklich aufhören
«Ich habe mir zwischendurch geschworen, aufzuschreiben, wie scheisse diese Arbeit ist, für den Fall, dass ich rückfällig werden sollte.» So beschreibt Campino, Sänger der Toten Hosen, im Interview mit dem Tagesspiegel die Entstehung des neuen und nach Bandangaben letzten regulären Albums der Gruppe.
Das Album sei «bis zuletzt wieder ein Kampf» gewesen. Gegen Ende der Produktion habe der Druck zugenommen: «Zum Ende hin merkte ich, dass die Zeit knapp werden würde, weil wir gewisse Lieder noch nicht hatten.» Nach Weihnachten habe er «jeden Tag am Schreibtisch gesessen», ohne freie Tage. «Wir haben erst im letzten Moment abgegeben, der noch möglich war.» Spaziergänge im Wald, sich Abreagieren und Alleinsein hätten geholfen, «meine Frustration in ein konstruktives Gespräch mit den anderen umzuwandeln».
Campino singt Lied für seinen Sohn auf dem neuen Album
Den Abschied nach 45 Jahren Bandgeschichte haben die Toten Hosen nach eigenen Angaben lange abgewogen. «Der Entschluss ist länger in uns gereift», sagt Campino. Ausschlaggebend seien veränderte Prioritäten gewesen – «alte Freundschaften, Familie, Reisen». Dazu komme ein pragmatisches Argument: Seit dem letzten Studioalbum «Laune der Natur» von 2017 sind neun Jahre vergangen. «Wenn wir für das nächste genauso lange brauchten, wären wir über siebzig. Das können wir uns als Tote Hosen nicht vorstellen.» Euphorie herrsche deshalb keine: «Wir freuen uns nicht drauf, sondern empfinden Wehmut angesichts des Weges, der hinter uns liegt.»
Zu den persönlichsten Momenten des Albums gehört ein Lied, in dem Campino seinen 16-jährigen Sohn um Verzeihung bittet – für nicht eingehaltene Versprechen und Pflichten, die er als Vater nicht erfüllen konnte. Vor der Veröffentlichung fragte er den Sohn, ob er die neuen Lieder hören wolle – ohne Vorwarnung. Dessen Reaktion: «Papa, kannst du so machen.»
Komplette Rückzug der Toten Hosen ist laut Campino nicht geplant
Ein kompletter Rückzug ist laut Campino nicht geplant. Für eine Spendenaktion nach einer Katastrophe oder einen Filmsoundtrack könne er sich ein Wiederauftreten vorstellen. «Aber dass wir von uns aus noch mal in Songs unser Leben reflektieren und in einer Art Tagebuch Bilanz ziehen, wird nicht passieren.» Ziel sei es, «als Band mit Power in Erinnerung» zu bleiben – «und nicht als ein paar Typen, die sich nicht losreissen können».
Neben dem letzten Studioalbum erscheinen 25 Coverversionen, unter anderem von Vicky Leandros, Element of Crime und Marteria – darunter eine Aufnahme mit der Liedermacherin Bettina Wegner, zu der Sven Regener von Element of Crime den Anstoss gab. Wegners erster Satz beim Besuch der Band in Berlin: «Meine Lieblings-Punkband seid ihr nicht, sondern die Angelic Upstarts.» Campinos Kommentar: «Ich meine, sie hätte jede Band nennen können, aber als es ausgerechnet die Angelic Upstarts waren, da spätestens habe ich mich in sie verliebt.»

