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Game of Thrones GoT Nikolaj Coster-Waldau

Ein Mann sitzt auf einem Pferd und schaut besorgt. So kennen wir Jaime Lannister (Nikolaj Coster-Waldau) aus GoT. Gleich lernen wir ihn auch noch ganz anders kennen. Bild: HBO

«Uuund schon reden wir über Sex!» Jaime Lannister, Superdäne und Feminist, war hier

Es gibt Leute, von denen erwartet man ausser Fame nicht allzu viel. Dabei sind sie komplett umwerfend. Wie «Game of Thrones»-Star Nikolaj Coster-Waldau.



Die Welt der Superfans am Zurich Film Festival ist eine Parallellwelt. Am Sonntagmorgen, als schon alles vorbei ist – die grünen Teppiche rollen sich von selbst ein, die Stars checken aus, die Preise sind vergeben, die Schatullen mit dem geliehenen Schmuck auf dem Weg zurück in irgendwelche Bahnhofstrassen-Safes – haben sich die härtesten unter ihnen noch einmal im Filmpodium versammelt.

Sie wollen ihn sehen, Jaime Lannister, den Ritter mit der goldenen Hand, den König des Inzest aus «Game of Thrones». Die einen haben bereits «alles» von ihm gekriegt, also ein Autogramm plus Selfie, sie sind ihm dafür zu unbekannten Hintereingängen und durch geheime Korridore des Festivals gefolgt, wo sie beinah allein mit ihm waren. Am Samstag war der Fanzirkus um Jaime gross gewesen.

Am grünen Teppich waren Frauen in Hyperventilation und Tränen ausgebrochen, und junge Paare hatten ihm ihre Babys entgegen gehoben, als sei er der Papst.

epa07899117 Danish actor Nikolaj Coster-Waldau signs on the Green Carpet during the 15th Zurich Film Festival (ZFF) in Zurich, Switzerland, 05 October 2019. The festival runs from 26 September to 06 October 2019.  EPA/ENNIO LEANZA

In Zürich erfüllte Coster-Waldau Fanträume. Manche kriegten, was sie von ihm wollten, nämlich «alles». Bild: EPA

Und jetzt ist also Sonntag, 10.30 Uhr, ein Superfan hat sich als Jamies Schwesternliebe Cersei verkleidet, erstaunlich viele sportliche junge Männer mit dänisch blondem Haar sitzen im Publikum. Und dann kommt er, Nikolaj Coster-Waldau, Prachtdäne und prächtig gelaunt, er probiert's mal mit «Guete Moage!», provoziert Kreischalarm.

Acht Minuten später kommt die Moderatorin auf seinen Status als Sex-Symbol zu sprechen. Sie habe eben Brad Pitt getroffen, der für einen 55-Jährigen noch ganz erstaunlich heiss sei, sagt sie und auch Nikolaj sei mit seinen 49 ein ziemlicher Augentrost. «Uuund schon reden wir über Sex!», sagt er, «10.38 Uhr, Sonntagmorgen in Zürich. Wir hätten zuerst zu Mittag essen können, aber nein, Sie wollen jetzt schon über Sex reden! Gestern sagten Sie noch zu mir: ‹Na, Nikolaj, bald 50, da haben Sie jetzt noch knapp zehn gute Jahre vor sich.› Und heute wollen Sie sich mit ‹Sex-Symbol› wieder einschleimen!»

Wie ist das Leben nach GoT? «Wie es immer war.»

Echt? Ja, er habe dafür schliesslich weniger Drehtage pro Jahr gehabt als für jeden Film, für die zweite Staffel etwa seien es bloss sieben Tage gewesen, und die richtig schwer beschäftigten Kolleginnen und Kollegen hätten auch nie mehr als 25 Tage für eine Staffel gearbeitet. Und wie fand er seinen Serientod? «Die Frage kommt jetzt immer. ‹Wie fandest du das Ende?› Ich so: ‹Toll!› ‹Nein, wie fandest du das Ende wirklich?!›»

Game of Thrones GoT Nikolaj Coster-Waldau

Schöne Schwester, was nun? Jaime und Cersei Lannister in der Bedrängnis ihrer Gefühle füreinander. Eine frühe GoT-Folge. Bild: HBO

Auf Wikipedia steht, er wohne in L.A., stimmt aber nicht, er lebt in Dänemark und muss sich Mühe geben mit der dänischen Filmindustrie, die Starallüren hasst: «Die Dänen arbeiten nicht gern mit Idioten. Wir haben auch keine grosse Budgets für irgendwelche Sonderbehandlungen.»

Sein Handy klingelt. Dänemark ist dran, Frau und Töchter wollen mit Papa skypen, sorry, keine Zeit.

Als Kind sei er «unglaublich scheu gewesen». Gibt es eigentlich Schauspielerinnen und Schauspieler, die dies nicht über ihre Kindheit sagen? Kristen Stewart will auch ein scheues Kind gewesen sein. «Ich lebte in einer eingebildeten Welt, in der ich Fussballstar war und die Mädchen mir nachrannten.» Mit 17 ging er von Zuhause weg und nach Kopenhagen, jobbte in einer Wäscherei, besuchte einen Theaterkurs mit Rentnern und Hausfrauen, der Kursleiter riet ihm, es doch mal an der Schauspielschule zu versuchen. Er schaffte die Aufnahmeprüfung als Jüngster.

Was ist der Preis von Fame? «Fame hat nicht wirklich mit mir zu tun. Fame hat mit Projektionen zu tun.»

Game of Thrones GoT Nikolaj Coster-Waldau

Auch in einer sehr viel späteren GoT-Folge sind die beiden keineswegs übereinander hinweg. Bild: HBO

Und was hält er von Blockbuster-Franchisen und Superhelden-Mehrteilern? «Nicht mein Ding. Man braucht ewig lange, um sowas zu drehen, es ist langweilig, und dann sehe ich es und denke: Was für eine Verschwendung eines Schauspielers! Okay, er hat in zehn Jahren zehn Marvel-Filme gemacht und Trillionen verdient. Aber was ist mit all den kleineren, viel interessanteren Filmen, die er statt dessen nicht gemacht hat?»

Er selbst spielt als nächstes Theater, «Macbeth» unter der Regie von einem der vielen GoT-Regisseure. «Wenn Theater gut ist, ist es das Beste. Wenn es schlecht ist, ist es das Schlimmste.» Stört es ihn nicht, dass ihn dann nur wenige Menschen sehen? So im Vergleich zu GoT? Kein bisschen.

Er will das Gemeinschaftserlebnis. Menschen, die zusammen in einem Kino sitzen. Menschen, denen er auf einer Bühne gegenüber steht.

Jaime Lannister ist bloss eine von gut sechzig Rollen, die er schon gespielt hat, am ZFF gastiert er gerade mit «Selvmordsturisten» oder «Suicide Tourist», dem zweiten Film des dänischen Regisseurs Jonas Alexander Arnby nach dem schönen Werwolf-Film «When Animals Dream». Einem kleinen Arthouse-Film, dem er dank seiner GoT-Kraft jetzt etwas internationalen Schub verleihen kann.

Nikolaj Coster-Waldau

2017 in «Shot Caller», ein absoluter Lieblingsfilm von Coster-Waldau. Bild: via imdb

Denkt er, dass er mit seinen Filme die Welt verändern kann? «Nein. Filme können die Welt nicht verändern. Genau so wenig, wie Late-Night-Shows die Politik verändern können. Und genau so wenig, wie Grenzen Menschen verändern. Nur weil es Grenzen gibt, heisst das nicht, dass wir nicht die gleichen Erfahrungen teilen. Es gibt so viel mehr Verbindendes als Trennendes.» Oh. Aha. Ja, klar. So wie die Drachen in GoT auch immer über Grenzen hinwegfliegen konnten? Wahrscheinlich.

Und dann ist er auch noch Feminist. Und zwar mit grossem Engagement. Im Feminismus, sagt er, «gehts um grundsätzliche Menschenrechte. Mich belastet die Vorstellung, dass andere nicht die gleichen Freiheiten haben wie ich. Ich habe mich weitergebildet und war geschockt, dass es immer noch über 50 Länder gibt, in denen Frauen von Gesetzes wegen diskriminiert werden. Selbst in Skandinavien sind wir noch nicht so weit, wie wir sein sollten.»

«Gleichstellung heisst nicht, dass Männer etwas aufgeben müssen, wir gewinnen etwas. Wir können unsere Freiheiten besser geniessen, wenn wir wissen, dass sie auch die Freiheiten der anderen sind.»

Nikolaj Coster-Waldau

«Suicide Tourist» Nikolaj Coster-Waldau

Und so sieht er 2019 in «Suicide Tourist» aus. Man könnte sagen: wie der ältere Bruder von James Bond ... Bild: via imdb

Ein Superfan will noch wissen, ob er gern James Bond spielen würde. «Ich würde gern Johnny Bond spielen. Johnny ist der ältere Bruder von James, er hat jahrelang in einer Höhle gelebt, und eines Tages kommt James und sagt: Johnny, komm raus, du hast nur noch gut zehn Jahre vor dir.»

Eine Stunde hat der attraktive, bescheidene, feministische Superdäne, der nur der ältere Bruder von James Bond sein möchte, seinen Fans schon geschenkt, eine Viertelstunde mehr als vorgesehen. Da setzt er selbst den goldenen Schlusspunkt: «Ich verrate euch jetzt ein Geheimnis: Man fragt sich ja oft, soll ich jetzt auf die Toilette oder später? Kann ich es noch ein wenig verklemmen? Und man verklemmt's. Nun, das sagte ich mir vor diesem Auftritt. Aber jetzt kann ich nicht mehr. Wo ist hier die Toilette?»

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