Von wegen kreative Langeweile: Zu viel davon kann krank machen
Während andere an der Bushaltestelle das Handy zücken, liest Nicolas den herumliegenden Abfall auf. 17 Jahre lang lebte er auf der Strasse. Viel Zeit zu haben, betrachtet er im Rückblick als Geschenk. Er zeichnete und malte oder stellte sein «inneres Kino» an. Der ehemals Obdachlose komponierte auch Lieder, was sehr wirksam gegen die Kälte sei, da es innerlich stärke. Das Leben sei zwar schwer, wenn man kein Geld habe, sagt er, aber nicht langweiliger. «Langeweile entsteht dann, wenn man keine Ziele hat.» Damit trifft er den Nagel auf den Kopf.
Nicolas ist eine der Stimmen in der aktuellen Ausstellung «Die Langeweile – ganz schön vielfältig» im Vögele Kultur Zentrum in Pfäffikon SZ. Er sagt in einfachen Worten, was auch der kanadische Psychologe John Eastwood meint, wenn er sagt: «Langeweile ist das unangenehme Gefühl, einer zufriedenstellenden Tätigkeit nachgehen zu wollen, es aber nicht zu können.» Die Gründe dafür, es nicht zu können, sind vielfältig.
Der deutsche Sportpsychologe Wanja Wolff, wissenschaftlicher Berater für die Ausstellung in Pfäffikon, sieht Langeweile als Zustand, der entstehe, «wenn unser Hirn signalisiert, dass seine Ressourcen in gewissen Situationen schlecht eingesetzt sind». So könne man sich auch langweilen, wenn man aktiv sei, sagt Wolff. Ja, sogar gestresst.
Man kann gleichzeitig gestresst und gelangweilt sein
Denn Langeweile ist nicht Nichtstun. Letzteres muss nicht langweilig, also unangenehm sein. Im in der Ausstellung gezeigten Loriot-Sketch «Ich möchte einfach nur sitzen» von 1977 möchte sich Hermann einfach dem Nichtstun hingeben. Er möchte weder spazieren gehen noch in einer Illustrierten blättern. Hermann ist sich in diesem Moment selbst genug. Aber seine Frau hält selbst das nicht aus.
Da im Gegensatz zum selbstgewählten Nichtstun die Langeweile unangenehm ist, haben wir den Impuls, ihr schnellstmöglich entkommen zu wollen. Das Smartphone ist das Gadget Nummer 1 dafür. Aber befriedigend ist es selten.
Das hat damit zu tun, dass wir in einer Leistungsgesellschaft leben, mit so vielen Reizen wie noch nie. Wir sind auf Effizienz getrimmt. Freie Zeit muss man sich «verdienen», sonst ist man faul. So lautet die gesellschaftliche Norm. Sich tatsächlich auszuklinken und der Langeweile hinzugeben, wenn auch nur für kurze Zeit, fällt vielen schwer. «Genau dieses kurze Aushalten, keine neuen Reize zuzulassen, sondern das, was man am Tag erlebt hat, wirken zu lassen, das benennen Leute dann mit Langeweile», sagt die deutsche Psychologin Sabrina Krauss.
Menschen mit wenig Geld langweilen sich öfter
Wie schnell und wie häufig sich jemand langweilt und wie intensiv das Gefühl der Langeweile empfunden wird, hängt auch von der Persönlichkeit ab. Nicht alle empfinden gleich: Die einen langweilt zum Beispiel die Routine, den anderen gibt sie Sicherheit. Wissenschaftlich erwiesen ist, dass der Mensch Struktur braucht: Eine fehlende Tagesstruktur korreliert mit Langeweile.
«Langeweile ist aber kein ausschliesslich individuelles Phänomen, sondern auch ein soziales», hält die deutsche Soziologin Silke Ohlmeier in ihrer Dissertation fest. «Gesellschaftliche Diskurse, Normen und soziale Ungleichheiten haben einen erheblichen Anteil an ihrer individuellen Ausprägung.»
Der eingangs erwähnte Obdachlose ist die Ausnahme, nicht die Regel: Arme Menschen langweilen sich öfter als reiche, weil ihnen der Zugang zu sinnstiftenden Beschäftigungsangeboten wegen fehlender (finanzieller) Möglichkeiten oftmals verwehrt bleibt; in Unterkünften für Geflüchtete gibt es zu wenig Angebote gegen die Langeweile; Mütter langweilen sich öfter als Väter, weil sie in den meisten Haushalten noch immer mehr Familien- und Hausarbeit übernehmen.
Ohlmeier sagt, sie habe sich selbst in ihrer ersten Ausbildung zur Industriekauffrau so sehr gelangweilt, dass sie das Thema später von einem soziologischen Standpunkt aus erforschte. Ständige Unterforderung bei der Arbeit kann zu einem Bore-out führen, zu einer Erschöpfung durch fehlende Herausforderungen.
Wird die Langeweile chronisch, kann das in Aggressivität, Ess- und Angststörungen, Suchtverhalten oder Depression münden. In einem Ausstellungsvideobeitrag erzählt eine Frau, dass sie während der ersten Jahre als Mutter eine tiefe Langeweile zwischen Bilderbüchern und Spielplätzen erlebte. Ihre Stimmung verschlechterte sich so weit, dass sie den Arzt aufsuchte. «Geht allen so», sagte der. Der Arzt half ihr also nicht. Später verstand sie selbst: Ein gesunder Egoismus ist lebensnotwendig, man müsse sich als Mutter Freiräume schaffen, dann sind die Spielplätze besser auszuhalten.
Macht Langeweile tatsächlich kreativ?
Langeweile ist auch kein Zauberzustand aus dem zwangsläufig Kreativität entsteht, wie es oft heisst. Man sollte sie zwar aushalten können, um unser Gehirn vom Dopamin-Rausch der Reizüberflutung wieder zu entwöhnen. Doch sie muss nicht produktiv machen. Die Datenlage dazu ist dünn. Langeweile bringt meist das hervor, was bereits vorhanden ist: Wer ohnehin kreativ tätig ist, nutzt auch die Langeweile dafür – wer das nicht gewohnt ist, sucht eher Ablenkung in vertrauten Beschäftigungen.
Was ist es also, was wir gerade empfinden? Bloss ein langweiliger Moment oder etwas Tiefergreifendes, dem wir nachgehen sollten? Wenn der Grund nicht eine langweilige Schulstunde oder Sitzung ist, sondern eine «innere Langeweile», eine Unruhe oder sogar Leere, sollten wir unseren Alltag hinterfragen. Das ist das Gute am Langeweilegefühl: Es wirft uns auf uns selbst zurück.
«Die Langeweile – ganz schön vielfältig», bis 4. Oktober 2026, Vögele Kultur Zentrum, Pfäffikon SZ.
