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Ersatz für Ozempic & Co.: Abnehmen durch Hypnose mit virtueller Spritze

Ersatz für Ozempic? So funktioniert Abnehmen mit Hypnose

Eine Hypnosetherapeutin verspricht, mit einer «virtuellen Abnehmspritze» das Wunschgewicht zu erreichen. Was dahintersteckt und was Studien zum Abnehmen mit Hypnose wirklich zeigen.
17.05.2026, 22:5317.05.2026, 22:53
Stephanie Schnydrig
Stephanie Schnydrig

Wenn Lubica Mathys ihre Klientinnen hypnotisiert, liegen diese eingekuschelt in eine weisse Decke auf einem Liegesessel. Mit ruhiger Stimme führt Mathys sie gedanklich an einen Strand, wo jemand Vertrautes erscheint. In der Hand hält die Person eine Spritze, die sie mit einem kaum spürbaren Stich in den Oberarm verabreicht. Von «HypnoInjection» sprechen Hypnosetherapeutinnen bei dieser Form der Hypnose. Sie soll nichts Geringeres bewirken, als dass die Kilos zu purzeln beginnen. Und zwar, indem sich die Wirkung von Abnehmspritzen allein durch die Kraft der Vorstellung im Körper entfaltet.

Es ist nicht das erste Mal, dass Hypnosemethoden an den medizinischen Erfolg von Abnehmtherapien anknüpfen. Bevor Präparate wie Wegovy verfügbar waren, kursierten Angebote wie das «hypnotische Magenband» oder der «hypnotische Magenballon». Ihnen allen liegt die Idee zugrunde, den Effekt von Wirkstoffen oder Eingriffen durch Hypnose herbeizuführen. Im Fall der Abnehmspritzen wäre das die Ankurbelung körpereigener Sättigungshormone wie GLP-1, das den Blutzuckerspiegel reguliert, den Appetit senkt und die Magenentleerung verlangsamt.

Nach der imaginären Injektion lässt Lubica Mathys ihre Klientin virtuell eine Gerade entlanggehen, bis zu einer Null, und durch diese hindurch. Dort, sagt sie, werde das Bewusstsein «deponiert». Von da an spricht sie nur noch mit dem Unterbewusstsein. Mit jenem Teil, der – so ist sie überzeugt – ohnehin weiss, was einem guttut: eine gesunde Sattheit, Genuss, ohne über die Stränge zu schlagen.

Männlicher Hypnotiseur, der eine junge Frau in hypnotische Trance versetzt. Holzstich, 1891, Historisch, digital restaurierte Reproduktion von einer Vorlage aus dem 19. Jahrhundert, Record date not st ...
Der Hypnotismus etablierte sich als solcher im 19. Jahrhundert aus dem sogenannten «animalischen Magnetismus». Erste Ansätze reichen jedoch bis ins Altertum zurück.Bild: www.imago-images.de

Schutzmauer einreissen

Dass die hypnotische Abnehmspritze tatsächlich die Pfunde purzeln können, hat Mathys selbst erlebt. Die 47-Jährige wog einst zehn Kilogramm mehr, als sie wollte. Sie probierte vieles aus, von mehr Bewegung bis zum Intervallfasten, bei dem sie das Frühstück ausliess. «Aber ab Mittag hatte ich so starken Hunger, dass ich mich nicht mehr zurückhalten konnte», sagt sie. Es sei ein ständiger Kampf gewesen, ein Teufelskreis aus Vorsatz und Rückfall. Je mehr sie habe abnehmen wollen, desto mehr habe sie gegessen.

Dann begann sie, sich mit Hypnose zu beschäftigen. Die Wirkung habe schnell eingsetzt. Beim Einkaufen habe sie plötzlich keine Lust mehr auf ungesunde Lebensmittel gehabt, die sie früher in grossen Mengen gekauft hatte. Sie bewege sich heute mehr, ohne sich überwinden zu müssen. Und das abendliche Knabbern sei verschwunden. Sie esse weiterhin Desserts, aber gebe sich mit einer kleinen Portion zufrieden. «Ohne Verzichtsgefühl», wie sie sagt.

Der Verstand als Blockierer

Der Neurowissenschafter Philipp Stämpfli von der Universität Zürich bestätigt: Wer ein Gewichtsproblem habe, nutze Essen oft als Trost, Belohnung, zur Stressregulation oder als Ersatz für fehlende Selbstzuwendung. Man spricht von emotionalem Essen. In der sogenannten aufdeckenden Hypnose gehe es darum, zu diesen Ursprungsgefühlen, die dafür verantwortlich sind, dass die Ernährung aus dem Gleichgewicht geraten ist.

«Wenn der Verstand wüsste, woher das Problem kommt, hätte man es oft längst gelöst», so Stämpfli, der ausserhalb seiner Forschungstätigkeit selbst als Hypnosetherapeut praktiziert. Viele Muster liessen sich deshalb durch reines Nachdenken kaum verändern, es brauche einen Zugang zum Unterbewussten. Ob und wie gut die Abnehmtherapien mit den hypnotischen Spritzen und Co. wirkten, könne er nicht beurteilen, da ihm die Erfahrung mit dieser Form der Therapie fehle. Grundsätzlich basierten solche Ansätze jedoch auf Suggestion und Erwartungseffekten – also psychologischen Mechanismen, die durchaus wirksam sein können, aber nicht mit einer pharmakologischen Wirkung gleichzusetzen sind.

Dass Hypnose mehr ist als blosser Hokuspokus, hat sich im klinischen Alltag mittlerweile etabliert. Für Aufsehen sorgte die Hirslanden Klinik St. Anna in Luzern, als sie 2018 einem 45-jährigen Mann eine Metallplatte aus dem Unterarm entfernte – ohne Narkose, ohne Schmerzmittel, allein unter Hypnose. Am Universitätsspital in Lausanne wird Hypnose in der Schmerztherapie eingesetzt.

Stämpfli selbst hat in seiner Praxis zahlreiche ähnliche Erfahrungen gemacht. Mehr als tausend Patientinnen und Patienten habe er inzwischen begleitet. Er erzählt von der Frau eines befreundeten Zahnarztes, die grosse Angst vor Spritzen hatte – und ein Loch im Zahn behandeln musste. Er brachte ihr Selbsthypnose bei und begleitete sie während der Behandlung, um sie im hypnotischen, tief entspannten Zustand zu halten. «Mein Freund bohrte seiner Frau bis auf den Nerv – ohne Betäubung», sagt Stämpfli.

Solche Effekte sind jedoch nicht spontan abrufbar. «Das muss man trainieren», sagt Stämpfli. Und auch spektakuläre Erfolge sind keine Regel. Er erzählt von einer 85-jährigen Patientin, die seit ihrer Jugend täglich zwei Päckchen Zigaretten geraucht hatte und nach einer Hypnosesitzung aufhörte. «Das passiert nicht immer, manche Menschen sprechen auch gar nicht auf Hypnose an», sagt er.

Aber solche Fälle zeigen ihm zufolge, was mit Hypnose möglich sein kann. «Gerade bei nicht angeborenen Problemen sehe ich viel Potenzial.» Doch ein Allheilmittel sei Hypnose nicht, die Stärke liege oftmals wohl in der Kombination mit anderen Ansätzen.

Das bestätigen Studien, die sich explizit mit Hypnose und Abnehmen beschäftigten. Demnach wirkt sie vor allem in Kombination mit Verhaltenstherapie, Ernährungsumstellung und Bewegung. In einer grösseren Auswertung mehrerer Studien verloren Teilnehmende mit Hypnose kurzfristig mehr Gewicht als jene ohne. Langfristig blieb ein Teil dieses Effekts bestehen, wenn auch moderat.

Dranbleiben ist der Schlüssel

Auffällig ist: Wie stark Hypnose wirkt, hängt offenbar davon ab, wie regelmässig sie angewendet wird. In einer Studie mit adipösen Menschen zeigte sich nach einem Jahr kein klarer Unterschied zwischen Gruppen mit und ohne Selbsthypnose. Jene Teilnehmenden jedoch, die die Übungen konsequent nutzten, nahmen deutlich mehr ab, teils bis zu zehn Kilogramm.

Studien deuten zudem darauf hin, dass Hypnose das Essverhalten verändert: Impulsives Essen nimmt ab, das Sättigungsgefühl zu, und Versuchungen lassen sich besser kontrollieren. Viele berichten ausserdem von mehr Energie, besserer Stimmung und höherer Lebensqualität – selbst dann, wenn sich das Gewicht nur wenig verändert.

Sowohl Philipp Stämpfli als auch Lubica Mathys betonen: Die Heilung durch Hypnose komme nicht vom Therapeuten, sondern von den Patientinnen und Patienten selbst. Suggestionen wirkten nur, wenn sie für die Person stimmig seien. «Das Unterbewusstsein», sagt Mathys, «kann nicht ausgetrickst werden. Man kann ihm lediglich die Richtung aufzeigen.» (fwa)

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