Die falsche Bühne für einen starken Song
Die Schweiz ist raus. Veronica Fusaro konnte sich beim zweiten Halbfinale des Eurovision Song Contests in Wien nicht durchsetzen. Das war zu erwarten. Ihr Song «Alice» hatte von Beginn weg einen schwierigen Stand, eine Finalqualifikation stand immer auf Messers Schneide. Zumindest mathematisch. 25 Länder werden im Finale dieses Jahr antreten. Bei den Wettquoten lag der Schweizer Beitrag lange auf Platz 26, in den letzten Tagen rutschte er gar auf Platz 27 ab. Rein rechnerisch hat es fürs Finale also nie gereicht.
Fusaros Chance auf einen Finaleinzug waren zwei Faktoren: Zum einen, dass die Konkurrenz dieses Jahr mit insgesamt 35 teilnehmenden Ländern zumindest numerisch vergleichsweise klein ist. In den Vorjahren nahmen über 40 Länder teil. Zum anderen durfte die 29-Jährige Thunerin mit ihrem musikalisch starken Song auf die Punkte der Jurys hoffen, die dieses Jahr auch in den beiden Halbfinalen wieder die Hälfte der Bewertung ausmachen. Trotzdem hat sich nun die mathematische These bestätigt: Die Schweiz ist raus.
Fantasielose Songauswahl
Fusaro wurde zwar durch eine Schweizer und zwei internationale Jurys aus fast 500 Einreichungen als Schweizer ESC-Vertreterin ausgewählt, ihr Song «Alice» wurde jedoch nicht extra für den ESC komponiert. Der Titel ist ein bereits veröffentlichter Track aus Fusaros zweitem Album «Looking for Connection», das Ende Oktober 2025 erschienen ist. Vorangegangene ESC-Songs, unter anderem Nemos Gewinnertrack «The Code», wurden in einem eigens für den ESC veranstalteten Songwriting-Camp komponiert, bewusst für die grosse Bühne, auf das Zielpublikum zugeschnitten.
Veronica Fusaro zeigt ihr Talent im kleinsten «Rüümli» der Welt
Warum etwas Neues komponieren, wenn da schon was ist? Gewinnen wollte man ja sowieso nicht erneut, so scheint es, nachdem die Schweiz den Contest letztes Jahr ausgerichtet hat. Die Songauswahl wirkte etwas fantasielos. Darum ist passiert, was zu erwarten war. Und dies, obwohl Veronica Fusaro alles richtig gemacht hat. Sie ist Vollblutmusikerin, das spürt man, das sieht man ihr an. Sie lebt ihre Musik. Auf der ESC-Bühne hat sie im Halbfinale eine fehlerfreie Performance abgeliefert, hat Stimmgewalt bewiesen, die Inszenierung war durchdacht, die Botschaft des Songs auch auf der Bühne sichtbar: «Alice» thematisiert Gewalt an Frauen, Fusaro war auf der Bühne in dicken roten Seilen gefangen.
Man kann Veronica Fusaro absolut nichts vorwerfen. Warum hat es doch nicht geklappt? Es war einfach das falsche Publikum für diesen Song. Oder der falsche Song für dieses Publikum. Und so bleibt «Alice» das, was es schon immer war: ein toller Song mit starker Botschaft, den wir bestimmt noch oft am Radio hören werden.
