«Wir müssen den neuen Umgang mit dem Tod einfach üben»
Corina Caduff, Sie schreiben und forschen seit langer Zeit zum Sterben und Tod. Was fasziniert Sie daran?
Corina Caduff: Wir Menschen können uns fragen: Woher kommen wir, wohin gehen wir? Was ist der Sinn des Ganzen? Aber wir sind nicht in der Lage, die Frage zu beantworten. Diese Lücke finde ich ungeheuerlich spannend. In diesem Dazwischen haben sich Religionen, Wissenschaften und die Künste begründet, die letztlich alle versuchen, Antworten auf unsere Sterblichkeit zu finden.
Heute ist das Sterben nicht nur in der Gesundheitspolitik, sondern auch in Büchern, im Fernsehen, im Internet dauerpräsent. Haben wir mit der Verdrängung des Todes aus dem Alltag abgeschlossen?
Nein. Der öffentliche Diskurs über Sterben und Tod hat zwar seit den Nullerjahren eine grosse Karriere gemacht. Aber wenn es ums Sterben selbst geht, sind noch viele Fragen offen. Die Menschen leben heute länger, so leben sie länger mit Krankheiten, und so dauert auch das Sterben länger, bisweilen über Jahre.
Das Sterben wird quasi zur letzten Lebensphase.
Genau, diese Phase bietet Zeit, das Sterben zu gestalten. Gesellschaftlich bestimmen heute vor allem die Standards der Gesundheitsversorgung und die säkulare Kultur unser Sterben. Hier kann man Neues ausprobieren. Wir befinden uns sozusagen in einer experimentellen Phase, was den Umgang mit dem Tod betrifft.
Womit experimentieren wir denn?
Zum Beispiel bei Beerdigungen. An Beerdigungen predigt heute immer seltener kirchliches Personal. Stattdessen sprechen Angehörige, Freundinnen und Kollegen. Sie haben das Wort übernommen. Dafür muss aber einiges neu ausgehandelt werden.
Zum Beispiel?
Wer spricht an Beerdigungen? Diejenigen, die wollen, oder die, die es können? Jene, die von sich selbst sagen würden, sie standen der verstorbenen Person am nächsten? Wen fragt man an, wen nicht? Die Familie gilt als gesetzt, aber unter Freundinnen und Freunden kann es am Rande schon ein Gerangel geben. Und dann stellt sich auch die Frage, wohin wir die Toten schicken.
Wie meinen Sie das?
Bei einer traditionellen Beerdigung ist klar, wohin die Reise geht: zu Gott. Aber ohne Pfarrer oder Pfarrerin fehlt meist auch dieser Adressat. Wem also empfehlen wir heute unsere Toten an? Diese Leerstelle ist eine Kehrseite unserer säkularen Kultur.
Wir beschäftigen uns ohne Religion zu wenig mit dem Tod. Warum ist das ein Problem?
Wir leben hochgradig individualisiert und haben keine gemeinschaftliche Vorstellung davon, was Sterben bedeutet. Das muss heute jeder für sich herausfinden. Darin sind wir relativ schutzlos. Nehmen wir das Beispiel der Beerdigung: Es gibt kein neues Skript, um das alte zu ersetzen. Man muss neue Formen selbst ausgestalten, wir können uns etwas einfallen lassen. Das ist spannend und schwierig zugleich.
Man wird vom Sterben quasi überrumpelt.
Ja, es will niemand gerne sterben. Wir leben heute mehr oder weniger glaubensfrei vor uns hin. Am Lebensende offenbart sich die Kehrseite davon oft als Sinnvakuum: Man steht da und merkt plötzlich, dass der Tod kommt. Das ist nachzulesen im neuen literarischen Genre der autobiografischen Sterbeliteratur.
Was lässt sich daraus lesen?
Die Schriftstellerinnen und Schriftsteller – zum Beispiel Christoph Schlingensief, Jenny Diski, Cory Taylor – tun am Ende ihres Lebens das, was sie am besten können: Sie schreiben ein letztes Buch. Nun aber ist es eines über ihre eigene Sterbeerfahrung. Dabei versuchen sie quasi auf den letzten Drücker, auch eine spirituelle Verortung zu verhandeln, aber sie finden keine befriedigenden Antworten. Zurück bleiben vor allem Unsicherheit und Angst.
Wie kann man als Einzelperson die Antworten finden, die eine Gesellschaft ständig neu sucht?
Unsere Unsicherheit können wir wohl nur in kleinen Schritten verringern, indem wir das gestalten, was wir können. Dabei sollte es im Idealfall zur Verschränkung von gesellschaftlichen Angeboten und individuellen Ansätzen kommen. Das individuelle Problem dabei ist, dass man Sterben nicht üben kann.
Wie sieht ein gutes Sterben denn aus?
Wer soll darüber entscheiden können, was gut ist und was nicht, wer hat hier die moralische Deutungshoheit? Beteiligt am Sterbeprozess sind Sterbende, ihre An- und Zugehörigen sowie Gesundheitsfachpersonal. Aus Sicht der Forschung lässt sich allenfalls sagen, dass ein Sterbeprozess, der von diesen Gruppen aktiv gemeinsam gestaltet wird, positiv sein kann, wenn er die Selbstbestimmung der sterbenden Personen stärkt.
Das muss man sich auch finanziell leisten können.
Es gibt tatsächlich Luxuseinrichtungen, exorbitant teure Sterbe-Ressorts als Wellnessoasen, etwa in Norwegen oder in den USA. Das sind naturnahe Orte, an welchen alles Technische gezielt unsichtbar gemacht wird, sodass man sich nur von Natur umgeben wähnt. Davon profitieren Leute, die sich das leisten können. Die Gesellschaft ist aber kaum bereit, in ein besseres Lebensende für alle zu investieren. Man vergleiche das nur einmal mit der Durchkommerzialisierung von Schwangerschaft und Geburt.
Gleichzeitig fühlt sich das seltsam an: Analog zu Windeln und Babynahrung in Sterbeprodukte investieren zu wollen.
Es geht vor allem um Pflegeprodukte: eine Box zum Beispiel, wie sie die Designerin Bitten Stetter entworfen hat, in der man Brille und Handy zu sich ins Bett nehmen kann, wenn man zu schwach ist, um den Nachttisch abzutasten. Oder in werthaltige Schnabeltassen oder «Lutschstäbli», in schön gestaltete Pflegehemden, in angenehme Materialien.
Gleichzeitig bleibt die Sterbeerfahrung am Ende eine einsame: Was es letztlich bedeutet, zu sterben, erfährt nur die sterbende Person selbst, und das alleine.
Genau, und das beinhaltet auch einen grossen Schrecken. Wie die Autorin Jenny Diski schreibt: «Where do I go? Nobody knows.» Niemand weiss, was nach dem Tod kommt. Gleichzeitig kann man, wenn der Tod näherkommt, oft auch mit den Nächsten nicht offen darüber reden. Sie sitzen nicht im selben Boot. Man fühlt sich dann in dieser Erfahrung alleingelassen, weil das Gegenüber nicht bis ins Letzte nachvollziehen kann, was in einem geschieht.
Kann man daran überhaupt etwas ändern?
Wie Sie sagen: letztlich stirbt jeder allein. Aber man könnte sterbende Personen institutionell besser untereinander vernetzen und ihnen Austausch ermöglichen, wenn sie entsprechenden Bedarf äussern. Oft wollen sie mit Menschen reden, die sich in derselben Situation befinden.
Womit wir wieder beim Sterben als letzter Lebensphase wären.
Genau: Sterben ist immer auch leben. Sterben ist ein körperlicher, aber vor allem auch ein sozialer Prozess, der sich wesentlich zwischen den Sterbenden, den Gesundheitsfachpersonen und den An- und Zugehörigen abspielt. Die Gestaltungsräume sind riesig.
Was kann man dabei gewinnen?
Es geht um Selbstbestimmung, auch und gerade, weil der Sterbeprozess so lange dauert. Paul Kalanithi, ein US-amerikanischer Arzt, der in jungen Jahren eine tödliche Krebsdiagnose erhielt, hat über den Transformationsprozess vom Arzt zum Patienten das Buch «Bevor ich jetzt gehe» geschrieben. Als Arzt habe er immer gewusst, was zu tun sei, schreibt er. Als Patient aber sei er nur noch jemand, mit dem etwas gemacht werde. Seine Lektion daraus ist, dass die Gesundheitsversorgung Sterbende stärker einbinden und sich stärker an ihren Bedürfnissen orientieren sollte.
Wie sieht das konkret aus?
Manchmal ist es, wie die Medizinanthropologin Julia Rehsmann gezeigt hat, mehr wert, nichts zu tun und stattdessen einfach für die Patientinnen da zu sein. Das lässt sich aber nicht abrechnen. Eigentlich müsste solches ‹Nichtstun und Dasein› als bewusste therapeutische Intervention anerkannt und entsprechend abgerechnet werden können.
Wenn Sie all diese Erkenntnisse vor sich haben: Wie bereiten Sie sich auf Ihr eigenes Sterben vor?
Ich würde mich gerne verstärkt mit Fragen der Transzendenz auseinandersetzen, bevor ich auf dem Sterbebett liege. Damit ich dann nicht in denselben Zeitdruck komme, wie ihn die Autorinnen der Sterbeliteratur in ihren Büchern zum Ausdruck bringen. Das wäre ein Plan, den ich schon länger habe. Ich schiebe ihn aber immer wieder auf. (aargauerzeitung.ch)

