Katzenfreunde treffen auf den Final Boss: Sir David Attenborough
Sir. David. Attenborough. Der Übervater des Naturdokumentarfilms. Ein Veteran mit rund 100 Filmen und preisgekrönten Serien in seiner acht (!) Jahrzehnte umfassenden Karriere. Er ist kulturell derart allgegenwärtig, dass allein der Klang seiner Stimme ausreicht, um beim Publikum ein kollektives Gefühl von Geborgenheit und Wohlbehagen zu wecken, verbunden mit der Gewissheit der wissenschaftlichen Korrektheit. Und zwar so sehr, dass die halbe Welt ein kollektives «Oh» der Enttäuschung ausstösst, wenn eine Naturdokumentation beginnt und der Sprecher nicht Sir David ist.
Er ist unser aller Lieblingsopa.
Und in letzten Jahren ein Opa, der etwas grumpier geworden war, dessen gewohnt höflicher Ton zunehmend einer hörbaren Frustration über die Zerstörung der Natur durch den Klimawandel wich. Die «Times» bemerkte einen «strengeren Tonfall, […] als ob seine Geduld fast am Ende wäre». «I love him, but he keeps shouting at me» wurde zu einem viralen Trend auf TikTok.
Attenboroughs allerneueste Doku-Serie – «Secret Garden», die an diesem Ostersonntag Premiere feiert – möchte wieder einen versöhnlichen Ton anschlagen. Das Thema – die Flora und Fauna unserer eigenen Gärten – gibt Anlass zu verhaltenem Optimismus. (Die Serie bezieht sich auf Gärten in Grossbritannien, doch die Erkenntnisse lassen sich durchaus auch auf Westeuropa im weiteren Sinne übertragen.)
In dieser Serie zu seinem demnächst anstehenden 100. Geburtstag (!) widmet sich Sir David dem Ursprung seines Interesses an Naturgeschichte: seiner heimatlichen Gefilde. Er lenkt den Fokus auf «was direkt vor unserer Haustür» geschieht, enthüllt, dass «etliche britische Gärten fast so artenreich sind wie ein tropischer Regenwald» und «unsere Gärten eine grössere Fläche bedecken als alle unsere nationalen Naturschutzgebiete zusammen».
Die Sendung zielt bewusst darauf ab, unsere kollektive Öko-Angst zu lindern, und zeigt Änderungen auf, die Zuschauer vornehmen können, um der Tierwelt zu helfen. Angesichts des globalen Klimawandels fühlen wir uns als Einzelpersonen oft machtlos. «Aber wir haben Zugang zu 25 Millionen Gärten und Schrebergärten in Grossbritannien», so Serienproduzent Bill Markham im Interview mit «The Guardian», «und nur schon mit ein oder zwei kleinen Veränderungen kann man sichtbare Resultate erzielen». Als Beispiel nennt er das Pflanzen eines kleinen einheimischen Baumes, der dazu beiträgt, das Angebot an Raupen für Vögel zu erhöhen.
Andere in «Secret Garden» thematisierten Ansätze könnten sich jedoch als kontrovers erweisen. Denn obwohl unsere Gärten laut Attenborough «wilde Oasen» sind, sind sie zugleich «Schlachtfelder, auf denen die Gesetze des Dschungels durch menschliches Eingreifen verzerrt wurden». Paradebeispiel: die Hauskatze.
«Secret Garden» schätzt, dass die 9,5 Millionen Hauskatzen in Grossbritannien jährlich etwa 55 Millionen Vögel töten. Das Hauptproblem ist jedoch nicht nur die Jagd an sich, sondern der ‹unfaire› ökologische Vorteil: Unsere Büsis sind die grössten Raubtiere im heimischen Garten, werden aber im Gegensatz zu Wildtieren von Menschen gefüttert. Ergo sinkt ihre Population nicht, wenn die Vogelbestände zurückgehen, was bedeutet, dass der Raubdruck unabhängig vom Zustand der Vogelpopulation unablässig bleibt.
Attenborough beweist, dass das Anbringen von Glöckchen an Katzen «den Jagderfolg von Hauskatzen um ein Drittel verringert» und das Anbringen von Vogelfutterhäuschen in grösserer Höhe ebenfalls die Zahl der Todesfälle senkt. Und: «Was wirklich gut funktionieren würde, wäre, wenn die Menschen ihre Katzen während der Vogelbrutzeit im Haus halten würden», zitiert er den Ökologen Dr. Davide Dominoni, dessen Studien bewiesen, dass das Halten von Katzen im Haus während der Monate April und Mai «ihre Auswirkungen massiv verringern würde».
Dies dürfte unter Tierhaltern für Kontroversen sorgen.
«Wir wollten auf keinen Fall lehrerhaft rüberkommen», so Markham. «Nicht allen wird das gefallen – weil sie davon ausgehen, dass ihre Katze ein Recht darauf hat, draussen zu sein. [...] Aber wenn man nicht nur Haus- sondern auch die Wildtiere liebt – und ich denke, wir sind eine Nation von Tierfreunden und eine Nation von Gärtnern –, dann kann man seinen Beitrag leisten.»
Eine weitere Episode von «Secret Garden» befasst sich mit Fasanen – diese stammen ursprünglich aus Asien, doch jedes Jahr werden für die Jagdsaison mehr als 30 Millionen in die britische Landschaft ausgewildert, wo sie einheimische Insekten, Reptilien und Amphibien fressen. Lobbygruppen aus Landregionen argumentieren, dass die Fasanenjagd Arbeitsplätze schafft. Markham weist jedoch darauf hin, dass trotz erfolgreicher Programme zur Wiederansiedlung einheimischer Arten wie Biber «wir jedes Jahr diese Plage auf die Landschaft loslassen. Das bringt das Ökosystem durcheinander.»
Es liegt eine bizarre Ironie darin, dass es Naturschutzgebiete für Wildvögel und zugleich shooting estates für Millionen importierter Vögel gibt – oft direkt nebeneinander.
Wenn David Attenborough spricht, horcht die Welt auf. Seine jüngsten Appelle könnten durchaus an den Erfolg anknüpfen, den Attenboroughs Stimme nach «Blue Planet II» bei der Reduzierung der Plastikverschmutzung hatte. Und nun, da er auf sein 100. Lebensjahr zugeht, scheut er sich weniger denn je, die grossen Themen anzugehen.
Katzenbesitzern und der britischen Landlobby wird nicht alles gefallen, was «Secret Garden» ihnen zu sagen hat. Doch es ist nun mal ein Fakt, dass die Briten nichts so sehr lieben wie Tiere, Gärten und David Attenborough. Das Potenzial für Veränderungen ist vorhanden.
