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Interview

Ein Schweizer erzählt, wie es war, für Netflix vor der Kamera zu stehen

Nader Ben-Abdallah hat geschafft, wovon viele träumen. Er spielt im neuen Netflix-Horrorfilm «Blood Red Sky». Wie er zu dieser grossen Nebenrolle kam, was ihm Schauspielstar Dominic Purcell («Prison Break») beim Dreh sagte und was sein Vater von Netflix verlangte, erzählt der Zürcher im Interview.
28.08.2021, 18:4229.08.2021, 17:53

Nader Ben-Abdallah. Nie gehört? Das könnte sich ändern. Der Schweizer mit französisch-tunesischen Wurzeln hat in seiner ersten grossen Netflix-Produktion mitgewirkt. Der Horrorfilm «Blood Red Sky» stürmt derzeit die Charts.

Die Freude am Schauspielen entdeckte Nader Ben-Abdallah schon sehr früh. Im Alter von ungefähr 13 Jahren spielte er seine erste Rolle im Theater.

Seinem Umfeld erzählte er damals nichts davon, seine Freunde fanden es aber trotzdem heraus und überraschten ihn bei seiner ersten Aufführung im Theater. Seither ist klar: Die Bühne ist Ben-Abdallahs Welt. Er ging auf die Schauspielschule in Hamburg und arbeitet heute am Jungen Staatstheater Karlsruhe.

Jetzt ist der 26-Jährige Zürcher bei Netflix angekommen. Wie er sich die Rolle ergattert hat, warum er einen Alptraum hatte und wie es ist, sich selbst auf der Leinwand zu sehen, erzählte Ben-Abdallah bei einem Treffen in seiner Heimat.

Nader, du hast dir im Film «Blood Red Sky» eine Nebenrolle ergattert. Wie kam es dazu?
Die Suche nach Darstellerinnen und Darsteller läuft meist über Agenturen. Nach Abschluss meines Schauspielstudiums 2019 bin ich bei einer deutschen Filmagentur aufgenommen worden. Das war gar nicht mal so leicht, die Agenturen bevorzugen verständlicherweise Leute mit Erfahrung – und nicht einen frisch gebackenen Schauspielabsolventen wie ich es war (lacht). Im Juni 2020 rief mich die Agentur dann an, um mir mitzuteilen, dass sie eine Rolle gesehen hätten, die genau mein Ding wäre. Ich müsse mich aber sehr schnell auf die Rolle bewerben.

Was bedeutet schnell? Und was wird bei einer solchen Bewerbung alles verlangt?
Ich hatte drei Tage Zeit. Das ist verhältnismässig sehr wenig. Normalerweise hat man etwas mehr Zeit, um sich zu bewerben. Diesen Bewerbungsprozess nennt man E-Casting. Meist sendet man ein kurzes Vorstellungsvideo von sich und ein Video, in dem man eine vorgegebene Szene nachstellt.

Nader Ben-Abdallah im Cockpit vom Set des Netflix-Films «Blood Red Sky».
Nader Ben-Abdallah im Cockpit vom Set des Netflix-Films «Blood Red Sky».
bild: Nader Ben-Abdallah

Wie ausführlich beschrieben sind solche Skripts überhaupt?
Das ist recht unterschiedlich. Normalerweise erhält man zum Film selbst nicht sehr viele Informationen. Aus dem einfachen Grund, dass vor Filmveröffentlichung keine Spoiler die Runde machen. Teilweise muss man sogar eine Schweigepflicht unterzeichnen. Mein Skript war hingegen sehr detailliert beschrieben. Ich musste unter anderem eine Geiselnahme nachstellen. Ich habe dann sofort eine Zusage bekommen.

War das die erste Zusage für eine Nebenrolle?
In dieser Grössenordnung schon. Davor durfte ich aber bereits für einen Fernsehfilm von ZDF und ARTE Erfahrung sammeln, in dem ich eine klitzekleine Rolle vor einem Dönerstand spielte.

Ben-Abdallah mit Regisseur Peter Thorwarth.
Ben-Abdallah mit Regisseur Peter Thorwarth.
bild: Nader Ben-Abdallah

Wie nervös warst du bei diesen Drehaufnahmen?
Ich glaube, das Wort «aufgeregt» passt besser. Denn es war keine negative Nervosität. Ich freute mich sehr darauf. Der Drehtag verging ausserdem sehr schnell und mit wenigen Instruktionen.

Uff, das klingt chaotisch.
Nein, das war alles andere als chaotisch. Der ganze Drehtag ist bis aufs kleinste Detail perfekt durchkoordiniert. Jeder weiss, was er zu tun hat. Man kann sich das etwa so vorstellen: Man erscheint am Drehort, wird in Empfang genommen und geht in den Wohnwagen, wo kurz jemand zu dir huscht und dir die Nase pudert und schon holt dich jemand ab und plötzlich stehst du vor der Kamera und es heisst: Film ab! Ab da wusste ich, was in Zukunft in etwa auf mich zukommen wird.

Im Horrorfilm spielst du einen Flugpassagier, der sich gemeinsam mit Terroristen und Vampiren an Board befindet. Die deutsche Netflix-Produktion übernahm in fast 60 Ländern den Spitzenplatz der Netflix-Charts. Laut eigenen Angaben sollen bereits mehr als 50 Millionen Haushalte den Film gesehen haben. Erzähl' uns ein bisschen von deiner Erfahrung.
Im Juni 2020 erhielt ich die Zusage und im August desselben Jahres ging es bereits nach Prag, wo der grösste Teil des Films gedreht wurde. Wir drehten mitten in der Pandemie, umso aufwendiger war die Produktion des Films.

Gab es Einschränkungen?
Wir durften ausserhalb der Unterkunft kein Restaurant und keine Bar besuchen. Jede Woche ist das ganze Team mittels PCR-Test auf das Coronavirus getestet worden. Ich verbrachte drei Wochen in Prag, die Hauptdarsteller waren mehrere Monate in der tschechischen Hauptstadt.

Das ist eine Menge an zusätzlichen Produktionskosten ...
Ohja, für die Besichtigung der Stadt blieb aber trotzdem noch etwas Zeit. Spaziergänge durch die Stadt waren erlaubt.

Du warst drei Wochen in Prag. Im Film kriegt man dich in circa vier bis fünf Szenen zu sehen. Dahinter steckt aber sicherlich viel mehr Aufwand, als man denkt?
Ja, die Tage waren streng. Ich stand jeweils sehr früh auf, um Yoga zu machen. Ich hatte einmal einen richtig seltsamen Alptraum. Wenn ich jemandem davon erzählen würde, dann .... ach, ich hör lieber auf zu reden.

Kamen die Alpträume vor Nervosität?
Also es war nicht so, dass ich Angst vor den Dreharbeiten hatte. Gleich nach dem ersten Drehtag fühlte ich mich pudelwohl. Das Team machte mir immer wieder klar, dass sie mich aus einem Grund ausgewählt haben und ich Teil dieses grossen Netflix-Boots bin. Das war sehr schön und motivierend.

In der Maske.
In der Maske.
bild: Nader Ben-Abdallah

Wir sind beim Yoga stehen geblieben. Wie sah dein restliche Tag aus?
Sorry, ich bin etwas abgeschweift. Frühstück gab es oftmals gleich auf dem Set. Jeder hatte seinen eigenen Wohnwagen, in dem man sich umziehen und seine Texte durchgehen konnte. Sehr oft habe ich den anderen Darstellerinnen und Darsteller beim Aufnehmen der einzelnen Szenen zugeschaut, um selbst ein bisschen davon zu profitieren. Und zwischendurch kam auch ich an die Reihe.

Das Kostüm im Wohnwagen.
Das Kostüm im Wohnwagen.
bild: Nader Ben-Abdallah

Wie oft musstest du deine Szenen spielen, bis die finalen Versionen entstanden sind?
Das ist schwierig zu sagen. Bevor die Szene gefilmt wird, spielt man seine Rolle meist drei- bis viermal, um Kameraeinstellungen vorzunehmen und zu schauen, ob man richtig positioniert ist. Danach wird meist von verschiedenen Winkeln gefilmt, das heisst, man spielt die Rolle auch scharf mehrmals.

In einer deiner Szenen bedroht dich Dominic Purcell mit einer Waffe. Den australischen Schauspieler kennt man vor allem aus der US-Fernsehserie «Prison Break», wo er den Häftling Lincoln Burrows spielt. Wie ist Purcell so, wenn er mal keine Unruhe stiftet?
Es ist wirklich witzig. Purcell, den man aus Filmen nur als Gangster oder Gauner kennt, ist in Wahrheit ein ganz ruhiger, aber dennoch ein sehr geselliger Typ. Oft zieht er sich zurück, um seine Texte zu üben. Mit Flipflops im Anmarsch begrüsste er mich jeden Morgen mit einem Handschlag: «Morning Bro». Nie hätte ich gewagt zu träumen, mit jemandem wie ihm vor der Kamera zu stehen.

Der Schauspieler Dominic Purcell im Netflixfilm «Blood Red Sky».
Der Schauspieler Dominic Purcell im Netflixfilm «Blood Red Sky».
bild: netflix

Gibt es etwas, das er dir auf den Weg mitgegeben hat?
Er riet mir, mich voll und ganz auf die Texte zu konzentrieren. Man fände alles im Text, der Rest kommt dann ganz von alleine. Wir hatten leider nicht so viele Drehtage zusammen. Das war natürlich etwas schade.

Was hast du für dich selbst gelernt? In einer Szene konntest du auf Knopfdruck weinen, gibt es da einen Trick?
Ich identifiziere mich jeweils mit dem Charakter meiner Rolle. Manchmal kann es einem helfen, wenn man sich eine Vorgeschichte baut, damit man weiss, wohin der emotionale Bogen geht. Man wird zudem sehr genau instruiert, was man tun soll. In einigen Handlungen hat man aber gelegentlich auch etwas Spielraum. Ich musste beispielsweise Angst zeigen, wie ich diese Angst dann rüberbrachte, war mir selbst überlassen. So wirkt es für den Zuschauer auch am authentischsten.

Sonst noch ein paar Tricks, die dir aufgefallen sind?
Einmal hatte man mir Sprühschweiss ins Gesicht gesprüht, damit es so aussieht, als wäre ich ausser Atem.

bild: Nader Ben-Abdallah

Wann hast du den Film das erste Mal gesehen und wie war das für dich?
Das war am Filmfest München. Davor hatte ich den Film noch nie gesehen. Nur bei der nachträglichen Tonaufnahme hatte ich ganz kurz ein paar Einblicke bekommen. Aber wirklich nicht viel. Es war vor allem toll zu sehen, dass nichts rausgestrichen wurde. Als Nebendarsteller weisst du bis zur Premiere nämlich nicht, ob du überhaupt im Film vorkommst. Zu sehen, dass sie all meine Szenen reingenommen haben, war ein sehr schönes indirektes Feedback. Vor der Premiere hatte ich aber ein ganz anderes Problem ...

Oh, was für eins?
Ich wusste nicht, was ich zur Premiere anziehen soll. Ich wollte mich elegant kleiden, aber sowas wie ein Jackett besass ich nicht. Nach langem Überlegen entschied ich mich dann für ein Hemd und verzichtete auf die Jacke. Ein Fehler, wie sich danach rausstellte. Kurz bevor der Film losging, fing es in Strömen an zu regnen. Sasha Bühler, Direktorin der internationalen Netflix-Produktionen aus Deutschland, bemerkte höchstpersönlich, dass mir etwas kalt wurde und hatte mir kurzerhand ein Jackett ihres Sohnes organisiert. Das war sehr beeindruckend.

Und dann ging der Film los. Ist es eigentlich seltsam, sich selbst vor grosser Leinwand zu sehen?
Man realisiert das anfangs gar nicht so richtig. Beim zweiten und dritten Mal gucken entdeckte ich dann ein paar Kleinigkeiten, die ich lieber anders gemacht hätte. Aber ich glaube, das gehört auch zum Perfektionistischen in mir drin.

Wie hat deine Familie reagiert, als sie sich den Film anschaute?
Die sind natürlich super stolz. Mein Papa meinte zudem ganz pragmatisch, ich soll doch noch wegen eines kostenlosen Netflix-Accounts nachfragen (schmunzelt).

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