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Delirium – ein Erfahrungsbericht aus der Babypause

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bild: watson

Delirium

Willkommen in meiner zweiten Babypause, wo der Verwirrtheitsgrad hoch und der Schlaf gering ist.
04.03.2023, 19:1306.03.2023, 05:29

«In einem unbekannten Land
Vor nicht allzu langer Zeit ...»

Oder war's erst gestern? Was sind Tage, was sind Stunden. Alles zerrinnt, wird zu Brei, Brei in meinem Kopf, auf dem Tisch, wisch wisch, Kötzlein hier, Kötzlein da, schrubb schrubb, Gallseife gegen Gaggi.

Gaggi gewinnt.

Zeit ist Ohrenschmalz. Lampt er bereits aus der kindlichen Ohrmuschel raus, ist eher viel davon vergangen. Etwa so viel, wie Ottolenghis blöder Knollensellerie an Zuwendung brÀuchte, damit er so spektakulÀr wird, wie er behauptet.

Ja, ich weiss auch, dass ich nicht jeden Tag Ghackets und Hörnli kochen kann. Und ja, ich war offen, hab meine kulinarische Komfortzone verlassen, mach jetzt auch MĂŒsli mit Hafermilch, aber «simple» ist etwas anderes, mein lieber Schwan.

Und essen tut es das Kind auch nicht.
Und essen tut es das Kind auch nicht.

Schnipp schnapp Fenchel, Finger ab.

Alles ist zerhackt, meine HĂ€nde sind FĂŒsse, mein Busen gehört nicht mir, am Boden liegen Haare, futsch auch das Gesicht, von ungestutzten KinderfingernĂ€geln geschunden.

Zerfetzte Gedanken, halbe SĂ€tze, noch blutend, warten aufs Ende, das nicht kommt.

«Mami, chan dĂ€ Maa jetzt nĂŒme redĂ€?»
«Nei, leider nöd.»
«Wirum?»
«Well er tot isch.»
«Wirum isch dÀ Maa tot?»
«Sis HÀrzli hÀt ufghört pöpperle.»
«Wirum hÀts ufghört?»
«Es isch mĂŒed gsi.»


«Wirum?»

«Sohn, i mag nĂŒme rede, chömer jetzt endli schlofe?»
«Doch Mami, du magsch no, du bisch jo nöd tot.»


«Wo isch dÀ Maa jetzt?»
«Im Himmel.»
«HÀt d'Frau ihn nöd fescht ghebt, dass er nöd in Himmel goht?»

«Mami? Mamiii! Schlofsch?!?»


«Chani morn villicht dĂ€ Biene Maja mis FĂŒĂŒrwehrauto zeige?»

So viele Fragen. DafĂŒr reicht ein ganzes Leben nicht. Könnte ich sie dir im Schlaf beantworten, ich wĂŒrde es tun.

Endlich ist das Haus ruhig. Die Treppe knarrt ein letztes Mal unter den Pfötchen der Katze, die sich nach dem Liegen im unteren Stock oben ein bisschen hinlegt.

Hader in seinem Brioversum.
Hader in seinem Brioversum. bild: watson

Das Baby neben mir schlÀft so tief, dass man rein gar nichts hört. LEBT ES NOCH?

Schnell gucken, Gottseidank, das BĂ€uchlein geht auf und ab. Und auf und ab und ...

... noch schnell Handy gucken, scroll scroll ...

... na toll.

Vielleicht sollte ich besser noch ein paar Seiten aus dem «Buch, von dem du dir wĂŒnschst, deine Eltern hĂ€tten es gelesen (und deine Kinder werden froh sein, wenn du es gelesen hast)» lesen. Sonst bin ich damit fertig, wenn meine Kinder zu pubertieren beginnen – und dann ist es zu spĂ€t. Dann hab ich sie lĂ€ngst verkorkst. Andererseits verkorks ich sie sowieso. Ganz besonders, wenn ich jetzt nicht schlafe.

Ich kann nicht mehr schaukeln, ohne dass mir schlecht wird und hör jetzt Musik von Menschen, die jĂŒnger sind als ich. Menschen, denen Schaukeln noch Spass macht.

«Wann, bitte, wann hat das hier angefang'n?
Wann, bitte, wann hab ich mich verloren, man?»

Klopf klopf, Kopf, was trÀumst du da von einem klitzekleinen Baby, so winzig, dass es der Arzt nach der Geburt auf sein Tisch-Karussell setzt. «Frau Rothenfluh, so wird es gross», sagt er. Das Karussell dreht sich. Das Baby wird nicht gross. Ich pack's in den Kinderwagen, verlasse das Spital, alle gucken gierig rein, sagen «Jö, so herzig!» und meinen's nicht. Ich seh's in ihren Gesichtern, weiss, dass etwas nicht stimmt mit dem Kind.

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Hust hust, hallo Baby, du bist ja wieder wach und grinst mir deinen prallen Lebenshunger ins trĂ€ge Gesicht. Verschleimte LĂŒnglein, verstopftes NĂ€schen, dein Strahlen durchdringt selbst Blei, als wĂ€r's nichts. Oh unbezwingbare Heiterkeit, wehe, jemand nimmt sie dir jemals weg, ich werd ihn ins Jenseits jagen, wo zwei Geier an ihm nagen.

Aber lass uns erst beschwingt in den noch verdÀchtig nach Nacht riechenden Morgen tanzen!

Tripp trapp, Treppe hinab, durch ein Meer von Autos watend, wiu wiu macht die Sirene und aua aua der Fuss, der gerade in die spitze Handbremse des alten Opels getreten ist.

Warum liegt hier ein ausgespucktes ApfelstĂŒcklein, meine Beissschiene ... Stroh?

Und was ist das? Das hab ich hier noch nie gesehen ...

Winkt es mir?
Winkt es mir?bild: watson
Dies tut es.
Dies tut es.bild: watson
Unleugbar.
Unleugbar.bild: watson
...
...bild: watson
«Hallo au dir. Bisch chli penetrant.»
«Das isch mini Art.»

«Wer bisch du ĂŒberhaupt?»
«Einbeinigs Playmobil-Baby im Pingu-Dress mit easy viel Bissspure.»

«Wa machsch du i mim Huus?»
«Sache.»

«Was denn so zum Bispiel?»
«Ich find's chli indiskret, dass du mich das frogsch.»

«Du bisch aifach do uftaucht, denn dörfi doch wenigschtens wĂŒsse, was du i minere HĂŒtte tribsch!»
«Karussell fahre.»

«Du scheiss Creep!»
«Wieso? Ich verfolg jo nur min grosse Traum!»

«Und dÀ wÀr?»
«Gross werde.»

*wusch* Einbeinigs Playmobil-Baby im Pingu-Dress mit easy viel Bissspure fliegt in hohem Bogen aus dem Fenster.

Ding dong, Home-Lieferung ist da, Hundert Millionen Windeln, ja gern, danke, tschĂŒss.

BĂ€h bĂ€h, Baby brĂŒllt, stracks in die KĂŒche, fĂŒnf Milchpulver-Löffel auf 140 ml Wasser, schĂŒttel schĂŒttel BĂ€umeli, es fallen schöne TrĂ€umeli.

Sipp sipp, Sackzement, bist du schwer geworden, kleines MĂ€dchen, machst mich zum Hulk, guck, mein linker Bizeps, Piz Bernina aus Stahl, vielleicht mach ich Emily endlich im ArmdrĂŒcken platt.

Schlaf, Kindlein, schlaf, mein schnĂŒsiges Speck-Gnocchi, mein samtig-seidenes SchmusebĂ€lklein, dich ring ich mit StirnkĂŒssen und singenden Zwergen nieder.

«Far over the misty mountains cold
To dungeons deep and caverns old
We must away
ere break of day
To find our long forgotten gold ...
»

Wrr wrr, was das fĂŒr ein GerĂ€usch? Mein Sohn massiert Rollirampf mit dem elektrischen MilchaufschĂ€umer. «Lueg Mami, da hĂ€t er fescht gern.»

Unsere KrĂ€he Rollirampf – des Sohnes bester Freund, fĂŒr die nĂ€chsten zwei Tage jedenfalls.
Unsere KrĂ€he Rollirampf – des Sohnes bester Freund, fĂŒr die nĂ€chsten zwei Tage jedenfalls.bild: watson

KrĂ€chz krĂ€chz, krĂ€chzte einst auch Rollirampf, die komische KrĂ€he, sicher lebte sie mal in Dottikon-Dintikon, hing am Bahnhof rum und belĂ€stigte die Dottikon-Dintikönner:innen – bis es einer satthatte.

Seither trÀgt sie Plastikaugen und wird tÀglich sanft durchwalkt.

Gib mir deine Plastikaugen, ich kleb sie mir auf die schlafenden Lider.

Tick tack, was sind Tage, was sind Stunden. Schon strecken Schneeglöckchen ihre Köpfchen aus dem frostigen Boden. FrĂŒhling auf den frischen FriedhofsgrĂ€bern – und schon summt ...

... eine Biene sehr bekannt
Von der sprach alles weit und breit
Und diese Biene, die ich meine, nennt sich Maja
Kleine, freche, schlaue Biene Maja ...

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gif: tenor

PS: I'm back. Und ich freu mich riesig, in jenen geschĂŒtzten vier WĂ€nden des watson-GrossraumbĂŒros ab und an wieder ganze SĂ€tze zu denken und zu schreiben, ohne unterbrochen zu werden.

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Bilder, die beweisen, dass Kinder viele Nerven kosten 😅
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Bilder, die beweisen, dass Kinder viele Nerven kosten 😅
Irgendwie ist es ja sĂŒss, aber irgendwie auch sehr nervig.
quelle: reddit
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Frau wĂŒtet an Flughafen wegen verschwundener Kinder – du errĂ€tst nie, wo sie waren
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