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Jeans im Strassenverkauf in Abidjan.
Jeans im Strassenverkauf in Abidjan.
Bild: keystone
Kommentar

Wie ich mit 44 Jahren (endlich) die Sensation von Stretch-Jeans entdeckte

29.09.2021, 13:2801.10.2021, 06:02

Man kann ja nicht in jedem Bereich «up to date» sein. Als sporttreibender berufstätiger Familienvater sowieso nicht. Prioritäten setzen, heisst das Stichwort. Und deshalb gebe ich nicht ohne Stolz zu, dass die letzten Trends an der Hosenfront an mir vorbeigezogen sind wie die Sonne am vergangenen Sommer.

Ich bin Mittvierziger – ein klassischer Dad. Als Mittvierziger sollte man sich in Sachen Hosen wirklich nicht auskennen. Wer es trotzdem tut, ist nicht vertrauenswürdig. Entweder macht er etwas vor oder die Prioritätensetzung hat Schiffbruch erlitten. Beides ist suspekt. Wer sich als Dad mit Hosen beschäftigt, hat die Kontrolle über seine Prioritäten verloren.

Und noch ein Artikel über Mode von einem, der nicht über Mode schreiben sollte

Das sind natürlich alles Ausreden. Dafür, dass ich jahrzehntelang Cargohosen trug. Der regelmässige Spott perlte an meinem Desinteresse und dem Irrglauben ab, ich würde tatsächlich eines schönen Tages einmal etwas in die dummen Seitentaschen tun.

Aber ich hatte auch zwei Paar Jeans. Mehr braucht es nicht. Eine trägt man, die andere liegt im Wäschekorb. Gerade noch so tolerierbar ist eine dritte Hose. Wer aber als Dad mehr als drei Alltagshosen besitzt, hat sich definitiv die falsche Midlifecrisis ausgesucht.

Jaja, ich hör’ ja schon auf. Zurück zum Thema:

Jeans gehen kaputt. Sie reissen im Schritt. Der zu wählende Ansatz für die Lösung dieses Problems ist: Man gebe die Hose der Schwiegermutter mit einer Bernina, Singer oder Pfaff. Eine Brother tut es auch. Doch auch die geflickten Hosen reissen. Im Schritt natürlich.

Ansatz Nummer zwei ist: Man kaufe die haargenau gleichen Jeans erneut und gut ist. Soweit die Theorie. In der Praxis ist es allerdings so, dass es die exakt selben Jeans nicht mehr gibt. An den Schalthebeln der Hosenindustrie sitzen keine Pragmatiker. Es sind Madmen, Chaotiker. Was gut ist, darf nicht gut bleiben. Kompletter Irrsinn. Und deshalb muss eine neue Hose her. Katastrophe.

Doch es gibt auch für extreme Krisenfälle gangbare Lösungen: Man kaufe sich zwei Paar gleiche Jeans von zwei verschiedenen Marken. Die besseren behält man, die anderen werden retourniert. Damit ist man dann zwei Jahre lang safe. Profi-Dads kaufen gleich 10 oder 20 Stück derselben Hose. Die ungebrauchten werden im Estrich gelagert. Damit ist das Thema für Jahrzehnte gegessen und man gewinnt wertvolle Zeit, um den Interdiscount-Katalog zu studieren. Ich bereue noch heute, diese Taktik bei meinen Lieblingsschuhen versäumt zu haben – und bezahle nun bitterlich ein Leben lang den Preis. Zu dieser Story aber ein andermal, zurück zu den Hosen:

Zum Glück bleiben wenigstens die Bezeichnungen gleich. «Regular fit» bleibt «regular fit». «Straight leg» ist «straight leg». «Slim fit», soviel ist gerade noch hängen geblieben, ist nichts für Dads, sondern nur etwas für drogensüchtige Schotten. Ausserdem will ich ja nicht aussehen, als hätte ich mich aus Barishnikovs Turnbeutel bedient.

Anyway.

Das Beste an der heutigen Zeit ist ja, dass man den Akt des Hosenkaufens in zwei Minuten und einem Dutzend Klicks erledigen kann. Die neuen Jeans sind unterwegs. Graue «regular fit». Perfekt, um überall absolut kein Statement abzugeben. Wer für ein Statement eine Hose braucht, hat schlechte Argumente.

Schreckmoment zwei Tage später beim Auspacken. Sämtliche vier Jeans sind leicht elastisch. Nur ein bisschen. Zwei und ein Prozent Elastan lese ich ungläubig. Dies scheint der neue Standard zu sein. Um «Jeggins», einer Mischung aus Jeans und Leggins, handelt es sich dabei noch nicht. Das erfahre ich von Kathrin auf hoseonline.de. Das sind jetzt also diese dunklen Seiten des Internets. Und ich merke: Ein Blick in die Bewertungen hätte gereicht, um den Fauxpas zu vermeiden. Dort zetert bereits ein anderer Dad. Old man yells at jeans.

Doch noch schlummert etwas Punk in mir. Widerstandsgeist und Abenteuerlust regen sich. Wieso eigentlich nicht wieder einmal etwas riskieren?

Plastik weg, Bein rein und …

... mmmmmmmmh.

Dieses «Mmmh» ist keines dieser spitzen «Mmmh» wie vom Hautarzt, dem man einen Abszess zeigt. Es ist ein «Mmmh» von Samuel L. Jackson, der sich nach langem Kampf durch den Blizzard zu Hause ins dampfende Badewasser sinken lässt. Dazu kneift er die Augen zusammen wie ein Berner Sennenhund, den man im Nacken krault: «Hmmmmmmmmm».

Hörst du es, wie es sich anfühlt? Spürst du, wie die Kälte langsam von einer schweren Wärme zurückgedrängt wird? Wie sich die Welt plötzlich entschleunigt und das Geschrei der Kinder langsam verhallt? So fühlt es sich an, wenn man zum ersten Mal in Jeans mit zwei Prozent Elastan steigt. Was. Für. Ein. Klassenunterschied.

Die alten Hosen hätten zur Not ja auch als Gipsverband getaugt. Und die neuen? Es ist die Jeans gewordene Kuscheldecke.

Als ich mich in den Volvo hieve, zeigt mein neues Beinkleid eine Nachsichtigkeit, die ich seit Nelson Mandela niemandem mehr zugetraut habe. Absolutes Vertrauen bereits nach wenigen Momenten. Es ist Liebe auf den ersten Sitz. Mit feuchten Augen bücke ich mich im Kinderzimmer nach Legosteinen. Ach Kinder, wenn ihr nur wüsstet. Auch der Griff in die Hosentasche fühlt sich nicht mehr an, als würde man nach einem Kartonbündel tasten. Irene Cara muss Stretch-Jeans getragen haben, als sie «What a feeling» intonierte.

Und so breche ich mit einem der Dad-Gebote. Ich besitze nun vier Paar Jeans. Ich habe keine Hose retourniert und alle behalten. Ha! Ich Rebell, ich. Es fühlt sich fast so an wie damals, als ich das erste Mal die Ramones hörte.

Ist dieser Frevel überhaupt noch tolerierbar? Habe ich nun, wie selbst erklärt, die Kontrolle über meine Prioritäten verloren?

Pah. Über dieses Gefasel kann ich nur noch lachen.

Ich trage jetzt Stretch-Jeans.

Damit sehe ich die Dinge nicht mehr ganz so eng.

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