Deshalb lieben Frauen schwule Filme und Serien – und was Fanfiction damit zu tun hat
Damit hat wohl niemand gerechnet: Aus einer unbekannten kanadischen Serie mit kleinem Budget und unbekannten Schauspielern ist eines der grössten queeren Mediaphänomene geworden.
Aber nicht nur die LGBTQ-Community liebt «Heated Rivalry», die Serie über schwule und bisexuelle Eishockeyspieler hat auch viele weibliche Fans. Rund zwei Drittel der Zuschauerschaft sind Frauen, gibt der Streamingdienst HBO bekannt.
Auch ein Blick in die sozialen Medien zeigt, dass auch online vor allem Frauen Fanvideos zur Serie hochladen und sich darüber austauschen.
Doch um herauszufinden, weshalb diese Story (und viele andere schwule Filme) ausgerechnet bei (heterosexuellen) Frauen Resonanz finden, müssen wir ein paar Jahrzehnte zurückgehen.
Fanfiction: Die Geschichte des Phänomens
Seit den 1960er Jahren ist es gut dokumentiert, dass Liebesgeschichten zwischen Männern besonders beim weiblichen Publikum gut ankommen. Eines der frühesten Beispiele dafür ist «Star Trek», als weibliche Fans begannen, sich eine Beziehung zwischen Captain Kirk und Spock vorzustellen. In ihren eigenen Geschichten machten sie die beiden Figuren zu einem Liebespaar und schufen damit eine neue Form von Fanfiction, in der Menschen desselben Geschlechts eine Beziehung führen.
In Zeiten vor dem Internet war die Verbreitung von Fanfiction aber schwieriger. Die Frauen tauschten ihre selbstgeschriebenen Geschichten über Spock und Kirk auf Conventions oder privaten Fantreffen aus. In den 90er Jahren verlagerte sich das Schreiben und Veröffentlichen von Fanfiction dann ins Internet.
Eines der beliebtesten Pärchen für Fanfiction sind Dean Winchester und Castiel von «Supernatural», die sich über mehrere Staffeln hinweg schmachtende Blicke zuwerfen. Offiziell passiert allerdings nichts zwischen den beiden – die Fans interpretieren das aber anders. Auf der Fanfiction-Webseite AO3 gibt es weit über 100'000 romantische Geschichten über Castiel und Dean – oder Destiel, wie sie von ihren Fans liebevoll genannt werden.
Nicht nur im Westen wollen Frauen schwule Liebesgeschichten lesen – in Japan bildete sich in den 70ern eine Gruppe Mangaautorinnen namens Year 24 Group. Sie sind die Schöpferinnen der sogenannten Shōjo-Mangas – japanische Comics für Mädchen, die sich unter anderem mit gleichgeschlechtlichen Beziehungen zwischen Männern befassten.
Daraus entwickelte sich die Yaoi- oder Boys-Love-Szene, die sich ausschliesslich auf Geschichten über sexuelle Beziehungen zwischen Männern konzentriert und in der Regel von Frauen geschrieben und gelesen wird. Shōjo-Mangas befinden sich regelmässig auf Bestsellerlisten und verkaufen sich millionenfach. Zu den berühmtesten gehören etwa «Sailor Moon», «Boys over Flowers», «Nana» und «Fruits Basket».
Auch in den USA und Europa setzten Verlage immer mehr auf schwule Romanzen. Besonders beliebte Nischenvariante ist die Hockey-Romanze, zu der auch die Buchvorlage von «Heated Rivalry» gehört. Die Sportwelt ist ein ideales Setting dafür, weil es aufregend ist, wenn die Männer, die in bester körperlicher Verfassung sind, sich heimlich in ihre Rivalen verlieben. Oft basieren diese Bücher auch auf beliebten Fanfiction-Pärchen, wie zum Beispiel Bucky Barnes und Steve Rogers, aka Captain America.
Eine Flucht vor Misogynie
Warum (heterosexuelle) Frauen gerne homosexuelle Medien konsumieren, hat mehrere Gründe. Zum einen hat es mit Ästhetik zu tun. Denn «was ist besser als ein gutaussehender Mann? Zwei!», schreibt Catherine Hughes, Journalistin bei The New Statesman über «Heated Rivalry».
Eine andere Theorie (und eine viel tiefgründigere) besagt, dass Frauen so romantische (und erotische) Geschichten konsumieren können, ohne selbst sexualisiert zu werden. «Ich habe noch nie ein Buch gefunden, in welchem die Frau von Anfang an gut behandelt wird», erzählt Dawn, eine queere Frau, gegenüber The Guardian. Selbst in lesbischen Büchern und Filmen «geht es fast immer darum, dass Frauen bei der Arbeit, im Gespräch mit ihren Familien und im Alltag mit Verachtung und traumatischen Erlebnissen konfrontiert werden», sagte sie.
Die ständige Erinnerung an Frauenfeindlichkeit und Ungleichheit mache es unmöglich, sich zu entspannen und eine Geschichte zu geniessen. Das sei bei schwulen Medien und speziell bei «Heated Rivalry» kein Problem. «Die Frauen, die darin vorkommen, werden alle mit Respekt behandelt. Es liegt nicht an uns, die Emotionen von Männern in Ordnung zu bringen, uns zu verteidigen oder uns Sorgen zu machen. Wir als Frauen können uns das einfach ansehen und entspannen.»
Kommen bald mehr schwule Filme und Serien?
Während der Markt für Liebesgeschichten zwischen Männern in der Verlagswelt exponentiell gewachsen ist, hat Hollywood diese Entwicklung nur zögerlich aufgegriffen. 2005 ebnete «Brokeback Mountain» mit Heath Ledger und Jake Gyllenhaal den Weg für weitere gleichgeschlechtliche Liebesgeschichten auf der grossen Leinwand. Doch es ging danach nur schleppend voran.
Das könnte sich aber nun mit dem Megaerfolg von «Heated Rivalry» ändern. Schon 2023 hat «Red, White and Royal Blue», eine andere Buchverfilmung, bewiesen, dass es für schwule Filme einen grossen Markt gibt. Der Film über den Sohn der amerikanischen Präsidentin, der sich in den englischen Prinzen verliebt, wurde in Rekordgeschwindigkeit zu einem der meistgestreamten Streifen auf Amazon. Und fand ebenfalls grossen Zuspruch bei Zuschauerinnen.
Eines ist klar: «Heated Rivalry» wird die Popkultur nachhaltig prägen. Die beiden Hauptdarsteller Connor Storrie und Hudson Williams wurden über Nacht zu Stars, liefen von einem roten Teppich zum nächsten und erhielten sogar Einladungen zu den Oscars. Kein Wunder, dass die Serie schon für eine zweite Staffel verlängert wurde.
Nach dem riesigen Erfolg von «Heated Rivalry» ist sehr gut vorstellbar, dass nun auch grosse Filmstudios versuchen, sich einen Teil des Kuchens abzuschneiden und ähnliche Filme und Serien produzieren werden. Einen Mangel an Storys haben sie nicht – dafür haben Jahrzehnte von Fanfiction auf jeden Fall gesorgt.
