Dearest Gentle Reader ... «Bridgerton» ist der schönste und bescheuertste Schund der Welt
Dearest Gentle Reader
Nennt mich vermessen, nennt mich unangemessen, doch seid vergewissert, dass es mir ein ungetrübtes Vergnügen ist, mich heute mitten unter euch zu vergessen. Lasst mich für einmal nicht mit frisch geschärfter Feder die Eskapaden unserer exquisiten Londoner Gesellschaft sezieren. Lasst mich gänzlich eingenommen schwärmen. Eingenommen, weil ich besiegt, niedergerungen, bezwungen bin. Alles andere wäre zu schwach, um mein Ausmass der Begeisterung zu beschreiben, das ich für das Treiben unseres an Klatsch dauerträchtigen Trosses hege.
Ich gestehe, liebste Leserin, liebster Leser, ich bin verliebt. Noch nie hat eine unter uns wandelnde Person den Namen «Bridgerton» lieblicher ausgesprochen als die entzückende Miss Sophie. So weich, so perlend, plätschernd, vielsagend wispernd beinah. Wenn Champagner klingen, wenn ein Glacé-Handschuh flüstern könnte, Sophies «Bridschrdn» wäre ihre Erkennungsmelodie ...
So, Schluss mit diesem billigen Lady-Whistledown-Imitat-Versuch. Zur Information von «Bridgerton»-Banausen: Lady Whistledown ist die Erzählerin in «Bridgerton», eine lange anonym agierende Londoner Beziehungs-Tratsch-Kolumnistin, also quasi eine Carrie Bradshaw avant la lettre, die ihre Episteln stets mit «Dearest Gentle Reader» beginnt. In Staffel drei fliegt sie auf, in Staffel vier gibt sie auf, in Staffel fünf wird sie möglicherweise auferstehen, einfach ganz anders.
Gesprochen wird sie von der grossen britischen Schauspielerin Julie Andrews (sie war Mary in «Mary Poppins» und Maria in «The Sound of Music»), was insgesamt keinen Sinn macht, weil Julie Andrews mit ihren 90 Jahren eine tolle alte Märchentanten-Stimme hat, Lady Whistledown jedoch eine rund 70 Jahre jüngere Person ist.
Doch das macht nichts. In «Bridgerton» sind Sinn und Unsinn das Gleiche. Man darf beides nicht hinterfragen. Oder um es mit der Antwort zu sagen, die mir ChatGPT gab, als ich es aufforderte, eine knackige «Bridgerton»-Kritik zu schreiben: «Dass dabei historische Genauigkeit zugunsten von dramatischer Wirkung geopfert wird, sei verziehen – schliesslich verlangt das Publikum nach Herzklopfen, nicht nach Fussnoten.» Fussnoten! Eine schlimmere, nach elitärem Dünkel riechende Drohgebärde kann ChatGPT nicht machen.
Herzklopfen also. Sowas wie «Sex and the City», aber in einer fernen Märchenzeit, noch köstlicher kostümiert (je aufwendiger das Kostüm, desto unbefriedigter die Frau, die darin steckt), dekoriert bis zum Erbrechen und mit einer richtig grossen Sexszene pro Staffel. In Staffel drei findet sie in einer Kutsche, in Staffel vier in einer Badewanne statt, beides wirkt latent unbequem, aber wie heisst es so schön? Per aspera ad astra. Nur die Harten kommen in den Garten.
Fast alles ist immer gleich: Pro Staffel verliebt sich (mindestens) ein Mitglied der kinderreichen Familie Bridgerton, stets ist es eine Liebe mit Hindernissen, die erst in den letzten Minuten der letzten Folge mit einer Hochzeit aus der Welt geräumt werden. Bis dahin: Schmachten, Seufzen, Tee, Tratsch, Jane-Austen-artige Ironie, Bälle, die Queen ist hässig, Tee, noch mehr Bälle, die Perücken der Queen sind geil, wie viel Tee kann man trinken?
Dazwischen sitzen Menschen auf Sofas, Chaiselonges, Recamièren und was der bebeinten Sitzmöbelchen, die den kleinen Hunden der Queen gleichen, mehr sind. Sie diskutieren, was die feine Gesellschaft im Innersten zusammenhält: den Heiratsmarkt. Ehe muss sich hier auf Ehre reimen.
Klingt langweilig? Klingt komplett bescheuert! Und? Ist es das auch? Nein! Ja! Irgendwie. Es ist doof, es ist «so dumm!», um es mit einer Freundin zu sagen, doch dann geschieht, was noch in jeder Staffel zuverlässig geschehen ist, man nimmt glühend Partei (#teamsophie!!!) und atmet erst wieder auf, wenn die grosse Liebe allen Hindernissen zum Trotz vor dem Altar steht.
Und wieso? Nein, nicht, weil die Story so toll ist. Die Story ist ein Abklatsch von jedem Märchen, das auf «und wenn sie nicht gestorben sind» endet. Wieso also? Ich würde ja sagen: Weil «Bridgerton» mit genauso viel Liebe gemacht ist, wie es darin zu sehen gibt. Weil die Sorgfalt, mit der jeder Winkel und jeder Augenaufschlag inszeniert ist, schlicht betörend ist. Gefühl und Dekor sind hier eins. Ein vergessener Handschuh wird zur Sehnsuchtsbombe.
Da werden Träume schamlos übererfüllt, von denen man gar nicht wusste, dass man sie überhaupt haben kann. Nur der Sex muss immer warten. So lange, bis den Betreffenden fast die Geschlechtsteile abfallen vor lauter Hochdruck. «Bridgerton» ist ein geradezu satirischer Kontrapunkt zur komplett unromantischen Dating-Plattform- und Heated Rivalry-Rammelei unserer Tage. Und Ultrakitsch, der sich selbst nicht ernst nimmt, aber dennoch mit allerhöchstem Qualitätsbewusstsein umgesetzt wurde.
Für Vieles interessiert sich «Bridgerton» nicht. Die Queen? Muss Bälle organisieren oder Bälle besuchen und ist klatschsüchtig. Sonst nichts. Arbeit? Ist der Unterschicht vorbehalten. Die Oberschicht repräsentiert und konserviert. Was genau? Ihre Fassade. Der Rest ist Gefühl.
Zuviel erträgt man davon nicht, es ist okay, dass nur alle zwei Jahre acht Folgen erscheinen, denn die sind eine unvergleichliche Völlerei. Sowas wie die Essenz der Binge-Kultur. Schliesslich heisst «to binge» schlemmen, sich vollstopfen, verschlingen, ein exzessives Gelage abhalten. «Bridgerton» ist die reinste Feier von Weltflucht und Genusssucht. Schöner Schund. Guilty Pleasure.
Dearest Gentle Reader
Mit überbordendem, ja ekstatischem Wohlwollen berichte ich euch, dass in der bemerkenswert fruchtbaren Familie Bridgerton ein weiteres Herz in Flammen steht. Der künstlerisch entrückte und dennoch so weltliche Benedict Bridgerton, der sich zu gern in Bordellen und hinter Leinwänden verborgen hat, scheint endlich seine wahre Muse gefunden zu haben. Wird er dafür als erster seiner Familie die dornigen Mauern von Stand und Herkunft überwinden?
In unverbrüchlicher Ergebenheit
Lady Whistledown
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