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Sami, Joe und ich

Bild: Outside the box

Review

Jugend ohne Corona ist auch ein Alptraum – im neuen Schweizer Teenie-Film

Eigentlich wollen die drei Freundinnen in «Sami, Joe und ich» den geilsten Sommer ihres Lebens feiern. Doch was dann geschieht ...



Am Anfang stand ein Bild des Rütlischwurs. Die drei Eidgenossen mit den zum Himmel gereckten Schwurfingern. Ausgerechnet die. Als Blueprint für einen Film über eine Mädchenfreundschaft von heute in der Zürcher Agglo. Doch für die Regisseurin Karin Heberlein ist der Rütlischwur «ein subversiver und solidarischer Moment: Ein geheimer Schwur voller Kraft, der für Freundschaft und Zusammenhalten steht.»

Das stimmt. Und noch was macht am Schweizer Mythos Sinn: Denn Sami, Joe und Leyla, die drei aus einem Hochhausquartier in Affoltern, stehen wie die alten Innerschweizer für eine neue Schweiz, die aus neuen «Urkantonen» gegründet wird. Eine Schweiz von heute. Eine mit Migrationshintergründen. Eine, für die Selbstverwirklichung nicht selbstverständlich ist.

Ihre Schwurfinger sind die Sturmhauben, mit denen im Film alles beginnt.

Doch vor allem sind Samira, Jocelyn und Leyla jung, und was Jungsein heisst, muss man sich jetzt gerade ja schon fast tragischerweise im Kino anschauen, weil es auf der Oberfläche unserer pandemischen Tage nur noch so schwer möglich ist.

Der Trailer zum Film

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Video: YouTube/Outside the Box

«Sami, Joe und ich» gewann letztes Jahr am Zurich Film Festival den Publikumspreis und wurde glücklicherweise 2019 gedreht, als wir alle nichts von Corona wussten. Deshalb sind die drei Freundinnen auch nicht in einem lähmenden Stillstand gefangen, sondern immer in Bewegung, sie rennen, fahren, tanzen und alles immer vorwärts, jedenfalls ist dies ihre Absicht, denn es ist Sommer und zwar nicht irgendeiner, nein, er soll «der geilste» Sommer ever werden.

Die drei sind 16 und gerade fertig mit der Schule, sind auf dem Weg zur ersten Lehrstelle – das Angebot ist aufgrund ihrer schulischen Bildung und ihrer Familiennamen eher begrenzt – und dabei, sich dem Erwachsenenleben zu stellen.

Der Sommer ist ihre bisher grösste und vielleicht letzte Freiheit, sie sind, um Patent Ochsner anzuwenden, sowas wie bockstössigi Himbeermeitschi.

Sie trinken ihr Bier am liebsten mit Sirup, sind laut und besoffen vom Leben, euphorisch, an jeder Ecke stehen irgendwelche Jungs, von denen vielleicht jeder ein paar Gefühle wert sein könnte, was weiss man schon.

Sami, Joe und ich

Bild: Outside the box

Man weiss zu wenig. Denn natürlich geht alles schief. Schliesslich ist «Sami, Joe und ich» eine Coming-of-age-Fiktion, eine Vorstadt-Fantasie, ein Film darüber, wie gefährlich und ausweglos gewisse Strassen im Roadmovie des Lebens so sein können. Sami gerät an einen allzu einfühlsamen Freund ihres Bruders, der radikale Pläne mit ihr hat, und Joe wird vom Vorgesetzten ihrer Mutter missbraucht. Das Bild, das Heberlein dafür findet, brennt sich ein: Joe wird gegen eine Wand gedrückt, statt Tränen sieht man Wasser rinnen, aus dem Putzschwamm, an dem sie sich in ihrer Verzweiflung festkrallt.

Die Clashs mit der bösen Welt ausserhalb der Clique wirken etwas überkonstruiert, aber erstens kann man dem Film nicht vorwerfen, dass nichts passiert, und zweitens liegt seine Energiequelle eh woanders, nämlich bei Sami, Joe und Leyla.

Das Wort Magie zu bemühen, hat immer etwas Esoterisches, aber was die drei Laienschauspielerinnen miteinander aufgebaut haben, ist tatsächlich magisch, so ansteckend, so natürlich, so selbsterklärend in allem, wozu sie sich gemeinsam entschliessen. Auch wenn dies gelegentlich die dümmste aller Möglichkeiten ist und eine Sturmhaube trägt.

Sami, Joe und ich

Bild: Outside the box

Gefunden hat Karin Heberlein (wer bei ihrem Namen an die Rechtsanwältin und FDP-Politikerin Trix Heberlein denkt, liegt nicht falsch, die Regisseurin ist ihre Tochter) die drei an den unterschiedllichsten Orten. Anja Gada (Sami), die heute ein Praktikum bei der SP macht, studieren will und als Klimaaktivistin unterwegs ist, entdeckte sie beim Glacé-Essen vor dem Zürcher Jugendhaus Dynamo. Jana Sekulovska (Leyla) wurde vom Fussballplatz weg engagiert. Und Rabea Lüthi (Joe) kommt vom jungen theater basel, wo auch schon Sarah Spale erste Erfahrungen sammelte.

«Sami, Joe und ich» ist das Gegenteil des andern grossen Schweizer Pubertäts-Mädchen-Dramas der letzten Jahre, nämlich von Lisa Brühlmanns «Blue My Mind». Dort vollzog sich das Unheimliche des Erwachsenwerdens in der Protagonistin selbst und stülpte sich dann in einer fantastischen Verwandlung nach aussen. Hier greift es von aussen an. Und die Mädchen? Schlagen zurück.

Und wenn diese Bitte jetzt nicht zu verwegen ist und nicht plötzlich alle eine internationale Film- und Serienkarriere einschlagen wie Brühlmann und ihre Hauptdarstellerin Luna Wedler nach «Blue My Mind», so sei an dieser Stelle der dringende Wunsch nach einer Fortsetzung geäussert. Please!

«Sami, Joe und ich» läuft jetzt im Kino.

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