Fehlende Aufmerksamkeit der Gen Z? Kino zeigt Film in 1,5-facher Geschwindigkeit
Es gab Zeiten, da war es schwierig, an einem Samstagabend kurzfristig ein Kinoticket zu ergattern. Der Gang in das Lichtspielhaus gehörte zur Standardauswahl für die Abendunterhaltung. Doch diese Zeiten sind vorbei. Die Bespassungskonkurrenz ist grösser geworden – insbesondere auf dem eigenen Bildschirm zu Hause. Netflix, Disney Plus, Youtube und Co. haben in den vergangenen Jahren dafür gesorgt, dass selbst bei Filmpremieren Kinosessel frei bleiben.
Diese Entwicklung setzte sich 2025 fort. Mit 9,45 Millionen fiel die Zahl der Eintritte gegenüber dem Vor-Pandemie-Jahr 2019 um 24 Prozent tiefer aus. Gegenüber dem Vorjahr entspricht es einem Minus von 8 Prozent. Dieses Jahr dürften manche Streifen für volle Säle sorgen, wie «The Devil Wears Prada 2» mit Meryl Streep, das Biopic «Michael» oder «The Odyssey» mit Matt Damon. «The Devil Wears Prada 2» und «Michael» sorgten soeben gar fürs beste Kinowochenende «seit dem Ausbruch von Corona 2020», wie der Kinoverband Procinema festhält. Insgesamt liegen die Eintritte in den grösseren Schweizer Städten derzeit bei knapp 30 Prozent über Vorjahr. Doch grundsätzlich sind die Aussichten trüb.
Nun hat das Filmfestival Rendez-vous Québec Cinéma im Kampf um die Gunst des Publikums einen neuen Weg eingeschlagen. Erstmals wurde ein Kinostreifen in der 1,5-fachen Geschwindigkeit abgespielt. Denn insbesondere die jüngeren Generationen sind sich das schnellere Abspielen von Videos von Social-Media-Apps wie Tiktok, Instagram oder Youtube gewohnt, zum Teil sogar in der 2-fachen Geschwindikeit. Doch auch Streaming-Plattformen wie Netflix bieten diese Option inzwischen an.
Könnte dies die Lösung sein, um die Aufmerksamkeit der Gen Z (geboren zwischen 1995 und 2012) und Gen Alpha (nach 2010 geboren) zu gewinnen, für welche die herkömmliche, reale Geschwindigkeit möglicherweise zu langsam ist und zu wenig Dopamin auslöst? Denn beim schnellen Swipen oder Scrollen von Onlinevideos mit raschen Schnitten wird genau dieses Glückshormon im Gehirn als Belohnung generiert.
CH Media hat bei Kinobetrieben in der Schweiz nachgefragt. «Wir beobachten Trends und Entwicklungen laufend», sagt Michael Fenner, Sprecher der Swisscom-Tochter Blue. Doch aktuell sei das so genannte Speedwatching für Blue kein Thema. Ähnlich tönt es beim Konkurrenten Pathé.
Pathé-Sprecher Herzog verweist dabei auf die künstlerische Intention: «Wir zeigen die Filme so, wie die Kreativen ihre Werke erstellt haben.» Alle Elemente eines Kinofilms seien darauf ausgerichtet, mit der regulären Geschwindigkeit gesehen zu werden – vom Schnitt über das Sounddesign bis zu den visuellen Effekten.
«Eine veränderte Wiedergabe wäre nur mit einer entsprechend gemasterten Version und der ausdrücklichen Zustimmung der Rechteinhaber zulässig», sagt Herzog. Zudem gäbe es auch technische Herausforderungen, da die Filme nicht auf das schnellere Abspielen ausgelegt seien.
Matt Damon und Popcorn reichen nicht
Welche anderen Massnahmen werden also ergriffen, um die jüngeren Leute ins Kino zu locken? Neben der Filmauswahl sowie reduzierten Preisen für Teenager und Studierende setze man stark auf das Multitainment, sagt Blue-Sprecher Fenner. Was er mit dem Begriff meint: In manchen Blue-Kinotempeln gibt es auch andere Unterhaltungsangebote wie Lasertag, Computerspiele in der virtuellen Realität, Bowling oder eine Sportsbar. Es gehe darum, emotionale Erlebnisse für die jüngere Zielgruppe zu schaffen. Meryl Streep oder Matt Damon und eine Packung Popcorn reichen nicht mehr.
Pathé zeichnet allerdings ein etwas weniger düsteres Bild, als es die statistischen Kino-Zahlen vermuten lassen. «Wir erleben ein sehr differenziertes Bild», sagt Herzog. Die Zielgruppe der über 35‑Jährigen gehe seit der Covid‑Pandemie klar selektiver ins Kino. Sie scheint sich also an das Streaming zu Hause besonders stark gewöhnt zu haben.
Beim jungen Publikum zeige sich hingegen ein erfreulicher Trend. Die Gen Z sei in den Pathé-Kinos überdurchschnittlich vertreten, weil sie den Filmbesuch als soziales Erlebnis schätze. Dennoch beobachtet auch Pathé die Trends in den sozialen Medien – und reagiert darauf. So habe man auch schon K-Pop- oder J-Pop-Konzerte auf den Leinwänden gezeigt, sagt Herzog. Und ab Juni werde man die Fortsetzung des Youtube-Phänomens «The Amazing Digital Circus» in allen Kinos zeigen. Ohne Matt Damon, ohne Meryl Streep.

