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Trash-TV auf einem neuen Niveau: «Paradise Hotel».
Trash-TV auf einem neuen Niveau: «Paradise Hotel».
montage: watson/screenshot: tvnow

Sex und Sexismus bei «Paradise Hotel»: Mit dieser Show geht RTL zu weit – und reagiert

RTL zeigte am Dienstagabend eine neue Trash-Show: «Paradise Hotel». Doch in der ersten Folge kommt es zu sexueller Belästigung. Das Schlimmste daran: RTL lässt die Szene unkommentiert laufen. watson hat beim Sender nachgefragt.
07.08.2019, 10:0007.08.2019, 12:22
Jessica Ruhstorfer / watson.de

Trash-TV spaltet die Deutschen. Während die einen Shows wie «Bachelorette», «Das Sommerhaus der Stars» oder das «Dschungelcamp» für hohl und wertlos halten, erfreuen sich andere Zuschauer eben gerade an dieser sanften Gehirnwäsche, die einen dank enormer Banalität von den Sorgen des Alltags ablenkt.

Normalerweise gehöre auch ich zu zweiter Fraktion und freue mich, wenn ich eine weitere Staffel lang der Bachelorette bei der Rosenvergabe zusehen darf, sich zum gefühlt 50. Mal entscheidet, wer Germany's Next Topmodel wird, oder sich ein Sender mal wieder an einem neuen (meist im Ausland eingekauften) Format versucht.

RTL adaptiert US-Format «Paradise Hotel»

So probiert nun auch RTL mit einer weiteren Dating-Reality-Show, neue Zuschauer auf die hauseigene Streamingseite TV Now zu locken. Ähnlich wie zuvor «Temptation Island» soll nun «Paradise Hotel» Trash-Liebhaber finden. Die erste Folge wurde am Dienstag auf RTL im Anschluss an «Das Sommerhaus der Stars» ausgestrahlt. Die restlichen Folgen erscheinen immer dienstags einzig auf dem Streamingdienst des Senders.

Klingt nach einem guten Konzept, das bereits bei «Temptation Island» aufging. Allerdings hoffe ich inständig für den Sender, dass es dieses Mal nicht klappt.

Denn die erste Folge des Formats ist sexistisch und frauenverachtend und übertrifft alles, was ich bisher an Reality-Shows gesehen habe – und glaubt mir, das war einiges.

Das Prinzip der Show erinnert stark an «Love Island»:

Eine Gruppe äusserst leicht bekleideter Singles lebt in einem Luxushotel und kämpft darum, am längsten drinzubleiben. Jede Woche müssen sich zwei Kandidaten zu einem Paar zusammenschliessen und sich ein Hotelzimmer teilen. Wer alleine bleibt, muss das Hotel verlassen und wird von neuen Kandidaten ersetzt.

Also eigentlich entspricht es exakt «Love Island» mit dem einzigen Unterschied, dass es in einem Hotel anstatt auf einer «Liebesinsel» stattfindet.

Brüste und Sex schon in der ersten Minute von «Paradise Hotel»

Das Prinzip der Show ist aber offenbar Nebensache, was jedem Zuschauer nach nur einer Minute klar sein sollte. Denn allein in den ersten anderthalb Minuten der ersten Folge zählte ich sechs Zungenküsse, zwei Sexszenen und zwei Paar nackte Brüste.

Wer denkt, dass das Niveau danach nicht noch weiter sinken könnte, irrt.

Denn was folgt, geht weit über den üblichen Reality-Trash nach dem Motto «Sex Sells» oder Ekelparade à la «Dschungelcamp» hinaus. Ja, selbst «Love Island» ist fernab dieses neuen Niveau-Tiefpunktes.

Schon in den Vorstellungen der einzelnen Kandidaten fallen Sätze wie «Schamgefühl hab ich nicht» (das wäre auch ein Hindernis für die Teilnahme gewesen) oder:

«Wenn der richtige Mann ins 'Paradise Hotel' einzieht, dann wickle ich ihn um den Finger und dann wird gevögelt.»

Schnell wird klar: Anders als etwa bei den RTL-Kuppelshowformaten «Bachelor» und «Bachelorette» wird Sex vor der Kamera hier nicht nur toleriert, sondern von Beginn an erwartet und sogar von den Kandidaten geplant. Behilflich sind dabei die Nachtsicht-Kameras, die auch schon bei «Love Island» oder «Promi Big Brother» zur Grundausstattung gehören.

Die Stimmung kippt, als ein Kandidat kein «Nein» akzeptieren möchte

Allerdings kippt diese «versexte» Stimmung schnell, als sich Kandidatin Jaqueline mit Kandidat Aaron gemäss Spielregeln ein Bett teilen muss. Nachdem sie ihn wenige Stunden zuvor erst kennengelernt hat, macht sie ihm dort mehrfach klar, dass er sie nicht weiter anfassen soll – was dieser ganz offenbar nicht akzeptieren möchte.

Jaqueline versucht Aarons Berührungen abzuwehren...
Jaqueline versucht Aarons Berührungen abzuwehren...
screenshot: tvnow

Die Diskussion der beiden im Bett verlief dann so:

  • Aaron: «Wir reden zu viel.»
  • Jaqueline: «Ich will aber nichts anderes machen als reden. Ich will jetzt schlafen.»
  • Aaron: «Nein, nein, nein. Wir reden zu viel drum herum. Gefall ich dir oder gefall ich dir nicht?»
  • Jaqueline: «Das hab ich doch nicht gesagt?»
  • Aaron: «Also was ist das Problem, sags mir? Also was willst du, was ich mach? Willst du, dass ich auf meiner Seite liege und nichts mache?»
  • Jaqueline: «Ich will, dass du einfach nur neben mir liegst.»
  • Aaron: «Oder willst du, dass ich angreife?»
  • Jaqueline: «Nein, ich will nicht, dass du angreifst.»
  • Aaron: «Können wir nicht diesen ganzen Part überspringen?»
  • Jaqueline: «Welchen ganzen Part?»
  • Aaron: «Den ganzen Part. Kennenlernen, dies, das, dies, das und so tun, als wären wir zusammen?»
  • Jaqueline: «Mhm, klar. *sie zeigt ihm den Vogel* Von was träumst denn du?... Was machst du denn? Bleib auf deiner Seite jetzt bitte.»
  • Aaron: «Ich will dich aber küssen.»
  • Jaqueline: «Nein.»
  • Aaron: «Wieso?»
  • Jaqueline: «Nein.»
  • Aaron: «Gegen die Kamera!»
  • Jaqueline: «Nein.»
  • Aaron: «Wieso?»
...doch der lässt nicht locker.
...doch der lässt nicht locker.
screenshot: tvnow

Diese Diskussion ging dann noch ein bisschen weiter, aber wir haben verstanden – im Gegensatz zu Aaron: Jaqueline hat offensichtlich keine Lust, von ihm berührt zu werden, ihn zu küssen oder sonstige körperliche Nähe ertragen zu müssen. Oder noch einmal kurz gefasst: Nein heisst nein.

Kritik an «Paradise Hotel» vom Verein «Frauen gegen Gewalt»

Eine Sprecherin des «Frauen gegen Gewalt e.V.» sagte gegenüber watson:

«Nein heisst immer Nein – egal in welcher Situation, ob im TV oder irgendwo anders. Das ist ja inzwischen auch rechtlich geregelt und ein wichtiges Signal für Frauen und alle Menschen. Wenn ein Nein nicht akzeptiert wird, ist das eine klare Grenzüberschreitung. Seit 2016 mit der Reform des Sexualstrafrechts ist auch sexuelle Belästigung in Deutschland strafbar, das war vorher nicht der Fall.»

Doch trotz Jaquelines klarem «Nein» liess der Kandidat nicht locker, rückte immer wieder an sie heran, berührte ihren Bauch und nahm mehrfach ihre Hand.

Der Sender zeigt diese Szenen ohne einordnenden Kommentar und lässt stattdessen die beiden Kandidaten in Einspielern sprechen.

RTL wolle Kandidaten «selber zu Wort kommen» lassen

Warum ausgerechnet diese Szenen unkommentiert ausgestrahlt wird, erklärte RTL so:

«Da in unserer neuen Sendung elf Singles auf Partnersuche im Mittelpunkt stehen, lassen wir in der Regel auch die Kandidaten selber zu Wort kommen. So auch bei der von Ihnen beschriebenen Bettszene, die von Aaron und Jacqueline – also von beiden Beteiligten – kommentiert und eingeordnet wird. Bei dem von Ihnen genannten, sich anschliessenden Gespräch über die Nacht – bei dem neben den anderen männlichen Kandidaten übrigens auch Miriam dabei ist – kann Aaron seine Sichtweise nochmal äussern, bekommt aber eben auch nicht ausschliesslich Bestätigung.»

Von einer Einordnung der Geschehnisse kann allerdings kaum die Rede sein. Jaqueline kommentierte die Szene einerseits mit: «Aaron ist total verpeilt. Ich glaube jetzt nicht, dass er dabei irgendwie seine Gehirnzellen eingeschaltet hat. Die sind nämlich komplett auf Stand-By», aber betont andererseits genauso: «Das geht gar nicht! Oh Gott

Von Aaron sind hingegen nur wenig geistreiche Kommentare wie «Ich habe so Heisshunger. Ich würde reinbeissen!» oder «Ich bin jetzt echt bisschen am... überlegen» in das Geschehen geschnitten worden.

Der Kommentator der Show schaltet sich erst nach der Situation wieder ein und schafft den Übergang zu einer Szene, die die Erektion eines anderen Kandidaten zeigt, mit den Worten: «So unbefriedigend der Abend für Aaron endet, beginnt auch der Morgen für Salvatore.» Von einer kritischen Einordnung des Fehlverhaltens des Kandidaten fehlt dabei jede Spur.

Im Anschluss dieser Szene sprechen dann beide Teilnehmer nochmal im Interview über die vergangene Nacht. Jaqueline merkt an, dass Aaron sie ständig gestreichelt und auf die Schulter geküsst habe. «Ich habe ihn immer weggeschoben vom Bett – also auf seine Seite.»

Aaron zeigt hingegen Unverständnis für die Situation. Er habe keinen Zugang finden können, obwohl er Jaqueline zuvor bereits beim Flaschendrehen geküsst habe. Er schliesst:

«Jaqueline hat das Image 'fuckable', aber sie ist nicht 'fuckable'.»

Er legt damit eine klassische Legitimierung und Verharmlosung sexueller Belästigung an den Tag: Die Art und Weise, wie sich ein Mensch kleide oder gebe, lade dazu ein, sich derartig übergriffig verhalten zu dürfen.

Die Sprecherin des Verbands «Frauen gegen Gewalt e.V.» erklärt:

«Betroffenen von Übergriffen, Belästigungen und Gewalt wird leider sehr häufig eine Mitschuld/ Verantwortung an dem gegeben, was passiert. Es gibt viele Mythen um sexuelle Übergriffe, einer davon betrifft das Aussehen und die Kleidung von Frauen. So, wie Sie es beschreiben, ist das auch in der Sendung passiert. Die Verantwortung trägt aber immer der Täter. Auch das ist ein wichtiges Signal für Frauen und Betroffene von Gewalt, die sich oft selbst auch eine Mitschuld geben, wenn es zu Grenzüberschreitungen, Übergriffen und Gewalt kommt.»

RTL gibt dem Kandidaten Raum, sein Verhalten weiter zu legitimieren

Dann schenkt RTL Aaron und seinen Mitstreitern auch danach nochmal die Sendezeit, sein falsches Verhalten weiter zu begründen. In der Diskussion mit den männlichen Kandidaten und Teilnehmerin Miriam schildert er nochmals den Abend und seine Verwirrtheit über den Korb:

«Ich habs richtig oft probiert, okay? Jetzt ist die Energie zwischen uns voll komisch. Sie hat mir nen Zungenkuss gegeben, verstehst du, was ich meine? Würdest du danach nicht...? Wenn du mit Unterhose im Bett liegst..., würdest du es dann nicht probieren?»

Dass eine Frau in erster Linie keine Person, sondern nur ein Sexobjekt für ihn sei, bekräftigt er dann noch mit dem Satz:

«Was soll ich (sonst) mit ner Frau? Soll ich nur dastehen und reden oder was?»

Als Mario kritisiert, dass es doch erst der erste Tag sei, kommt Salvatore (der war übrigens schon bei «Temptation Island» dabei) dazu und erklärt: «Aber Bruder, das ist doch unsere Mentalität!» Südländer wie er und Aaron würden einfach «schneller zum Zug» kommen und seien viel offener und direkter. Die deutsche Spiessigkeit sei hingegen ein Hindernis. «Denk mal an eine Italienerin, ey», bestätigt Aaron.

Auf den Vorwurf Salvatores, dass Jaqueline Aaron «geblendet» habe, erwidert Kandidatin Miriam:

«Oder es war eben so, dass sie für ihre Verhältnisse schon extrem aus sich herausgekommen ist und auf dich zugekommen ist, weisst du? Und dass das dann zu viel für sie war wieder.»

Darauf reagieren die anwesenden Männer nur mit Gelächter.

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