Leben
User Unser

Kein Nachtzuschlag mehr: Was sind deine Nachtzug-Geschichten?

User Unser

Unsere besten Geschichten aus Nachtzügen und Nachtbussen – was sind deine?

Das Nachtnetz ist insbesondere in urbanen Regionen der Schweiz ein zentraler Bestandteil des Nachtlebens. Es bringt beduselte Nachtschwärmer relativ günstig und sicher wieder nachhause. Und das birgt mächtig Unterhaltungspotenzial.
02.07.2021, 19:0103.07.2021, 17:09
Team watson
Team watson

Viele von uns, die in der Nähe einer Stadt aufgewachsen sind, werden die eine (Zug) oder andere (Bus) Form des Nachtnetzes kennen. Und so dankbar man als übermüdeter, betrunkener Nachtschwärmer auch ist, wenn man realisiert, dass der nächste Nachtzug/-bus demnächst fährt, so verstörend sind die Erlebnisse, die darin gesammelt werden.

Von etwas zu intim schmusenden Pärchen, über spontane Jam-Sessions, bis hin zu hitzigen Wortgefechten – die Geschichten, die man zu hören kriegt, sind stets wild, bunt und riechen nach Fastfood und Döner. Und da das Nachtnetz heute zum ersten Mal seit dem Lockdown des letzten Jahres wieder vollumfänglich den Betrieb aufnimmt (mittlerweile gar ohne den Nachtzuschlag), teilen wir Nachtnetz-Erfahrungen mit euch, die uns irgendwie geblieben sind.

Vanessa Hann

Jesses, Nachtzug-Geschichten. Also gut. Diese hat sich allerdings im Nachtbus ereignet: Da bin ich regelmässig eingedöst, das eine Mal so tief, dass ich bis an die Endhaltestelle fuhr. Als mich der Busfahrer weckte, war ich gut zwei Dörfer von meinem entfernt (und ja, auch im Zürcher Oberland sind zwei Dörfer weit). In meinem Delirium sagte ich glaub irgendetwas wie "Scheeeisse, jetzt muss ich alles zurücklaufen (denn nein, im Zürcher Oberland gibt es kein Uber, das in 5 Minuten bei dir ist). Zu meiner Überraschung sagte der Busfahrer dann, er könne mich schon zurückfahren, er müsse eh in diese Richtung ins Depot. Und dann hat mich der gute Mann bis knapp vor die Haustüre gefahren.
Nachtbusse und Nachtzüge nehmen ab dem 2. Juli 2021 wieder ihren Betrieb auf.
«Im Nachtbus hei» – Vanessas Buschauffeur nahm den Slogan ernst.Bild: keystone

Jodok Meier

Der Samstagabend wurde gerade zum Sonntagmorgen, als ich mir im Nachtzug vom Zürich HB nach Erlenbach genüsslich einen Nap gönnte. Beim Aufwachen um ca. 9:30 Uhr begrüsste mich ein freundliches «Willkommen in Deutschland»-SMS von der Swisscom. Wie sich herausstellte, befand ich mich in Thayngen an der deutschen Grenze. Die im Laufe der Rückfahrt stetig zusteigenden Grosseltern mit ihren Enkeln, Spazier-Grüppli und Brunch-Couples erniedrigten mich allesamt mit diffamierenden Blicken und stellten sicher, dass ich als einziger im Zug ein ganzes Abteil für mich genoss, was auf meine Ausdünstungen zurückzuführen sein dürfte. Naja, war auch schon stolzer in meinem Leben.
Der Dorfplatz in Thayngen an der Grenze zu Deutschland.
Der Dorfplatz in Thayngen, der Wahlheimat von Jodok.Bild: wikimedia

Maurice Thiriet

Also, das war so. Ich sass also im Nachtzug beim Eingang da bei den Sitzen im unteren Stock nach Hause in Richtung Zürich von Rapperswil. Da haben weiter hinten im oberen Stock schon zwei Gruppen von Jugendlichen oder Anfangzwanziger hitzig sich gegenseitig verbal aufs Dach gegeben. Dann sind zwei Kontrolleure durchgelaufen und haben gesagt, sie sollen aufhören und sich beruhigen, weil es komme sonst nicht gut. Da haben die den Kontrolleuren gesagt, sie sollen sich verziehen und kaum sind die weitergelaufen, hat der lauteste von der einen Gruppe ein paar auf die Fresse bekommen und geschrien, wie am Spiess. Die beiden Kontrolleure waren da auf der Treppe schon in meiner Richtung und der lacht nur und sagt zum anderen: «Siehst du, ich hab ja gesagt, der fängt ein paar.» HILARIOUS!
Sicherheitspersonal am Zürich HB.
Nicht nur um Sicherheit, sondern auch um Vorhersicht bemüht: das Sicherheitspersonal am Zürich Hauptbahnhof.Bild: keystone
Dann ein anderes Mal früher, da hat es 1 Skandal gegeben in einem Schulhaus in Zürich-Seebach wegen einer angeblichen Massenvergewaltigung einer Schülerin, die gefilmt worden ist. Die grosse Gangbang-Sause war in allen Medien wochenlang. Hatte sich im Nachhinein alles als erfunden rausgestellt. Jedenfalls waren da zu etwa der Zeit eine Gruppe Jungs und eine Gruppe Mädchen im Nachtzug von Zürich in Richtung Oberland und eine Gruppe Jungen, alles Teenies. Und die Mädchen haben die Jungen massiv gereizt und sie gefragt, was man denn mit ihnen so anfangen könne im Bett und was sie da alles so draufhätten und die Jungen haben Sachen aufgezählt, von denen sie offensichtlich keine Ahnung hatten und waren immer überforderter, weil die Mädchen nie zufrieden waren. Irgendwann wurde es dem stillsten der Jungen, der nie was gesagt hat und immer nur beschämt zum Fenster rausgekuckt hat, zu viel und er schrie: «SEID IHR EIGENTLICH VON SEEBACH, ODER WAS?!»
Staatsanwalt Daniel Kloiber stellt sich am Freitag, 4. April 2008, nach der Urteilsverkuendung im Fall "Seebach" vor dem Zuercher Bezirksgericht den Fragen der Journalisten. (KEYSTONE/Steffe ...
Staatsanwalt Daniel Kloiber nach der Urteilsverkündung im «Fall Seebach». Bild: KEYSTONE

Anonym

Einer meiner besten Freunde schlief oft ein. So auch im Nachtbus. Einmal schon praktisch, als er sich setzte. Aus irgendeinem Grund wachte er dann bei der ersten Haltestelle auf und stürmte aus dem Bus, weil er meinte, er hätte seine Haltestelle längst verpasst. Er merkte dann: Shit, ich bin in Wetzikon, muss aber nach Hinwil. Dann joggte er halt heim.
Die Strecke zwischen Wetzikon und Hinwil.
All jene, die den legendären Nachtsprint nachempfinden wollen, hier die schnellsten Routen.Bild: google maps

Salome Woerlen

Nach einer eher laschen Party sass ich eines Nachts im Nachtbus, während mein Magen mit aller Kraft versuchte, zuvor Verspiesenes und Getrunkenes meine Speiseröhre hochzupressen. Kurzum: Mir war speiübel. Nicht etwa, weil ich zu viel getrunken hätte, sondern weil ich naiverweise einen kohlesäurehaltigen Drink konsumiert hatte. Ich vertrag keine Kohlensäure. Weil ich nicht rülpsen kann. Aber das ist eine andere Geschichte.
Jedenfalls muss man mir den Kampf mit der Übelkeit angesehen haben, denn der Security fragte mich, ob alles in Ordnung sei. War es nicht. Ich erklärte ihm mein Malheur, welches er schmunzelnd und mit hochgezogenen Augenbraugen quittierte. Verständlich irgendwie. Wer im Nachtbus fast kotzt und dann sagt "IcH biN imFaLL nÖd beTruNKe" hat einen schweren Stand. Trotzdem zeigte der nette Herr Mitleid mit mir und wies mich an, es ihm zu melden, falls es denn nicht mehr ginge.
Wenige Minuten später war es so weit. Die Hand auf den Mund gepresst stand ich ruckartig auf und flüsterte in Richtung Security ein "Jetzt". Dieser rannte, ohne zu zögern, nach vorne zum Busfahrer, welcher sofort auf die Bremse trat. Die Strasse war glücklicherweise leer. Ich stürzte aus den sich öffnenden Türen, nahm am Strassenrand in unangenehmer Erwartung eine gebückte Haltung ein und... wartete. Und wartete. Jede Sekunde fühlte sich an wie eine Ewigkeit. Nach gefühlten 47 Minuten erhob ich mich innerlich fluchend. Die Übelkeit war wie geblasen.
Während sich schlagartig Scham in mir breit machte, eilte ich zum Bus zurück. Mit einem gequälten Lächeln krächzte ich ein leises «Sorry und Danke» in Richtung Busfahrer und hob entschuldigend meine Hand. Noch bevor ich mich wieder setzen konnte, rief mich dieser nach vorne. Erfüllt von Unbehagen schlich ich zu ihm, wo er wortlos einen Rucksack auf seine Knie hievte. Daraus kramte er eine Plastiktüte hervor, entnahm die darin verstaute Lunchbox und reichte mir mit einem wohlwollenden Lächeln das Plastiksäckchen. Meine Scham stieg angesichts dieser netten Geste ins Unermessliche. Ich bedankte mich, beteuerte wahrscheinlich nochmals, dass ich wirklich nicht betrunken sei und setzte mich vor noch immer glotzenden Menschen zurück an meinem Platz. Seither achte ich immer darauf, eine Plastiktüte mit mir mitzuführen. Für alle Fälle. (Auch wenn ich nicht betrunken bin).
Salomes treuer Begleiter: der Plastiksack.
Salomes treuer Begleiter: der Plastiksack.Bild: pixabay

Und nun du! Was sind deine denkwürdigsten Nachtnetz-Momente?

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Städte, die du ab Zürich mit dem Nachtzug (also dem richtigen Nachtzug) erreichst
1 / 13
Städte, die du ab Zürich mit dem Nachtzug erreichst
Der See Bled in Slowenien mit der berühmten Insel.
quelle: shutterstock
Auf Facebook teilenAuf X teilen
«Corona schisst a»: Eine Nacht am Bahnhof Stadelhofen
Video: watson
Das sind die 100 besten TV-Shows des 21. Jahrhunderts – sagt die «New York Times»
Die «New York Times» hat die 100 besten TV-Shows des 21. Jahrhunderts gekürt. Wir stellen die Top-10 genauer vor.
Nach den besten Büchern und Filmen kürt die «New York Times» nun die 100 besten TV-Shows des 21. Jahrhunderts.
Zur Story