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Das Zelttuch 64, hier zu «Berliner» geknüpft, ist robust bei Sturm und im Schlamm. So robust, dass die Autorin regelmässig Platzangst kriegte.
Das Zelttuch 64, hier zu «Berliner» geknüpft, ist robust bei Sturm und im Schlamm. So robust, dass die Autorin regelmässig Platzangst kriegte.bild: keystone

Die Unzerstörbare ist am Ende – das gute alte Zelttuch 64 wird ausgemustert

Die neue Militärblache kommt aus China und hat ihre Mängel. Wenn im Lager die Sauna brennt, spielt die Qualität allerdings keine Rolle.
20.09.2016, 04:1920.09.2016, 08:59
sabine kuster / Aargauer Zeitung

Zu spät. Hinter den Zelten stieg Rauch auf. Die Lagerköche hatten sich einen gemütlichen Nachmittag machen wollen, denn die Pfadis waren auf einem Ausflug. Die Köche heizten die Sauna ein, die da war: ein paar zusammengeknüpfte Blachen, ein Kessel mit heissen Steinen, einer mit Wasser und eine Kelle. Ich weiss nicht mehr, wie es kam, dass die Blachen Feuer fingen. Jedenfalls war nichts mehr zu machen. Von zehn Blachen lagen nur noch die Ösen im schwarzen Gras. Immerhin. Die Köche sammelten die Ösen säuberlich in Plastiksäckchen ein, denn es hiess, wenn man der Armee alle Ösen zurückschicke als Beweis, dass die Blachen zerstört seien, dann müsse die Pfadi nichts bezahlen

Die Militärblache. Exakt 1,65 Meter mal 1,65 Meter gross, 32 Knopflöcher und 65 Aluminiumknöpfe. Trocken 1,25 Kilogramm schwer, nass das Doppelte. Das letzte Modell, das Zelttuch 64 im Tarnmuster, wurde 1964 eingeführt und wird seit den 90er-Jahren nicht mehr hergestellt. Doch in den Lagern der Pfadi, Cevi und Jungwacht Blauring (Jubla) werden sie noch immer zu grossen Aufenthaltszelten zusammengeknüpft. Sie sind Dächer über Lagerküchen, reissfestes Spielmaterial, und sogar zu Saunen kann man sie verwenden, wenn man aufpasst.

Die alten müssen ersetzt werden

Doch in den letzten Jahren mussten immer mehr ausgemustert werden. Der Bestand schrumpfte von 330'000 Blachen im Jahr 2007 auf nur noch 200'000 im letzten Jahr. Lange waren sie unverwüstlich, jetzt sind sie doch langsam fadenscheinig. Die Jugendverbände fürchteten, bald ganz darauf verzichten zu müssen. «Ohne Blachen wären wir aufgeschmissen gewesen», sagt Pascal Prétôt, Ausbildungsverantwortlicher bei der Cevi. Zum Glück beschloss der Bund neue Blachen zu beschaffen und bewilligte eine Million Franken für eine erste Lieferung von 185'000 neuen Zelttüchern.

Die Pfadi, Cevi und Jungwacht Blauring haben die neuen Blachen in den Pfingstlagern dieses Jahr getestet und gemerkt: Den neuen Blachen reissen auffallend schnell die Knöpfe ab und da und dort löst sich die Beschichtung des Stoffs. Die Logistikbasis der Armee legte darauf allen Bestellungen den Hinweis bei, dass nicht mehr als 25 Blachen zu einer Fläche geknüpft werden dürfen. Oder die Blachen müssten mit Seilen oder Unterbauten irgendwie entlastet werden. Die Lagerleiter mussten ein Formular unterschreiben, um zu bestätigen, dass sie diese Regelung befolgen werden.

Was ist bloss los mit den neuen Blachen? Früher hielten sie alles aus. Kinder wurden im Geländespiel darin über die Wiese geschleift. 75 Blachen wurden zu einem riesigen Gruppenzelt, einem Sarasani, zusammengeknüpft. Dass je Knöpfe absprangen, daran kann ich mich nicht erinnern.

Kein Problem: Die alten Blachen konnte man zu einem stabilen Gruppenzelt zusammenknüpfen.
Kein Problem: Die alten Blachen konnte man zu einem stabilen Gruppenzelt zusammenknüpfen.Bild: KEYSTONE

Wir waren uns als Pfadis bewusst, dass wir ein teures Qulitäts-Produkt nutzen dürfen. Und zwar wegen der Zeltschnüre. Sie war längs in der Mitte der Blache durch Schnürchen gefädelt. Zu Beginn des Lagers fädelten wir sie aus, damit ja keine verloren gehe, am Ende mussten sie wieder eingefädelt werden. Im Lager im Bedrettotal fehlte am letzten Tag dann eine. «Bevor die Zeltschnur nicht gefunden ist, gibt es kein Frühstück!», verkündete der Lagerleiter. 10 Franken koste so eine und drum werde sie das ganze Lager suchen. Irgendwo tauchte sie schliesslich auf. Eine ganze Blache durfte schon gar nicht fehlen. Die Zehner-Bünde am Lagerende mussten x-mal nachgezählt und umsortiert werden. Nie stimmte es von Anfang an.

Auf Wanderungen nahmen wir eine mit, im Fall, dass kein Bauer mit Heustock mit uns Erbarmen hätte. «Sarg» heisst das Gebilde, welches man zum Übernachten aus einer einzigen Blache bauen kann. Aus dreien lässt sich mit wackeligen Zeltstangen einen «Gotthardschlauch» für drei Personen bauen, mit acht reicht es für einen «Berliner». Platzangst hatte ich überall.

Von der Empa getestet

Die Armee, dachte ich als Mädchen, ist wie das Zelttuch 64: gut getarnt und unverwüstlich. Die Soldaten benützen es vorläufig noch. Jugend und Sport (J+S) hat schon mal neue erhalten. Aus China übrigens. Lieferant ist die Firma Habegger in Thun. Der Spezialist für Seilzugtechnik hat die Herstellung an einen Dritten in China weitergegeben.

Die Blache aus China war nicht die Favoritin der Jugendverbände. «Wir haben sechs verschiedene Blachen einen Tag lang in Magglingen auf Herz und Nieren geprüft», sagt Pascal Prétôt vom Cevi. Doch die Blache, die im Herbst geliefert wurde, war eine andere. «Wir waren erstaunt», sagt Prétôt. «Aber unser Urteil war nicht das einzige.» Die Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) testete die Blachen ebenfalls.

Auch beim Bundesamt für Sport (Baspo) sagt Reto Züblin, der dort bis Ende August Fachleiter bei J+S war: «Wir haben der Armasuisse bereits vor der Bestellung mitgeteilt, dass die Knöpfe nicht halten.» Bei den neuen Modellen sind die Knöpfe genietet statt angenäht. Genietete sind weniger aufwendig bei der Reparatur, aber nicht so robust. «Uns wurde gesagt, das mit den Knöpfen würde noch verbessert», sagt Zü- blin. Die Rückmeldungen aus den Lagern zeigen: Es ist nicht geschehen

Diese Qualität gibts nicht mehr

Doch die Qualität der alten Militärblache ist heute sowieso nicht mehr zu haben. Oder wenn, dann würde ein einzelnes Tuch 200 Franken kosten. Das hat Flaviano Medici von der Pfadimaterialfirma «hajk» berechnet. Als die Zelttücher knapp wurden, machte sich «hajk» daran, selber eine Blache herzustellen, für jene Pfadis, die eigene kaufen wollen und können. Diese Blache wird von einer deutschen Firma mit holländischem Stoff in Tschechien produziert und gilt immerhin als reissfester als jene aus China. Aber Medici sagt: «Diese Reissfestigkeit bringt man zu einem vernünftigen Preis nicht mehr hin.» Rund 60 Franken kostet das quadratische Allzwecktuch bei «hajk». Welcher Preis die Armee mit Habegger aushandeln konnte, ist nicht bekannt.

Vierzig Jahre im Einsatz wie manche Zelttücher 64, werden die neuen wohl nicht mehr sein. Aber in weissen Partyzelten müssen die Kinder künftig auch nicht sitzen: Damit die Jugendverbände längerfristig wieder genügend Blachen haben, beschafft die Armee 40000 weitere Zelttücher für J+S. Im Herbst 2017 sollen sie eintreffen. Wer sie liefert, ist noch nicht entschieden. Die Mängel seien analysiert worden und die Blachen würden bei der nächsten Produktion verbessert, sagt Gabriela Zimmer, Chefin Kommunikation

Jetzt auf

Zum Bau einer Sauna werden die Blachen taugen. Und: Ist ein Feuer heiss genug, schmelzen die Knöpfe zu kleinen Klümpchen. Egal ob genäht oder genietet.

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quelle: keystone/ti-press / benedetto galli
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