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Portrait von Thomas Kessler, Integrationsdelegierter des Kantons Basel-Stadt, aufgenommen am 3. Juni 2008 in Basel, Schweiz. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

Kurz bevor er abtritt, stellt der Basler RegierungsprĂ€sident Guy Morin seinen Stadtentwickler Thomas Kessler (im Bild) vor die TĂŒr.  Bild: KEYSTONE

Der beste Stadtentwickler der Schweiz wurde entlassen! Weshalb wir ihn vermissen werden 😱

Thomas Kessler war immer fĂŒr ein Interview gut. Ob zu Drogen, Migration, Stadtentwicklung oder auch zum «alemannischen Waldmenschen» – der Basler Chefbeamte gab pointiert Auskunft. Das ist eine Seltenheit in den eher zugeknöpften Schweizer Ämtern. Und damit ist jetzt (leider) Schluss. 



Die Medienmitteilung ging am Mittwoch raus: RegierungsprĂ€sident Guy Morin sei mit Stadtentwickler Thomas Kessler gemeinsam zum Schluss gekommen, dass der richtige Zeitpunkt fĂŒr einen Wechsel an der Departementsspitze gekommen sei. 

Ganz so freundlich dĂŒrfte Kesslers Abgang aber nicht vonstatten gegangen sein. Vielmehr sei Kessler «gegangen worden», wie die Basler Zeitung schreibt. Es sei schon im Vorhinein klar gewesen, dass die neue PrĂ€sidentin Elisabeth Ackermann nicht mit Kessler zusammen arbeiten wolle. 

Klar ist: Nicht alle fanden es gut, dass Kessler in seinen 26 Jahren Amtszeit zur national gefragten Auskunftsperson zu allen möglichen Themen avancierte: Drogen, Stadtentwicklung, Migration. Als er öffentlich forderte, die Ladenöffnungszeiten an der Basler SchifflĂ€nde zu verlĂ€ngern, verpasste Morin ihm einen Maulkorb. Auch dass er gewisse Asylsuchende gegenĂŒber dem «Tages-Anzeiger» als «Abenteuermigranten» bezeichnete, kam nicht gut an.  

Nichtsdestotrotz war Kesslers Art, mit den Medien umzugehen, erfrischend und eine zu grosse Seltenheit in der Schweiz. Wir erinnern uns an Kesslers beste Aussagen: 

Im Interview mit watson im Mai vor zwei Jahren verteidigte Kessler die strikten LĂ€rmregeln der Stadt Basel und stellte dazu seine interessante Theorie von unserer Spezies – dem «alemannischen Waldmenschen» – vor:

«Der alemannische Waldmensch besÀuft sich im Wald, tobt sich aus, ungestört, unflÀtig, unbeachtet. Der urbane Lateiner hat keinen Wald. Sein Raum ist die dichte Stadt, wo er es lustig hat, wo er sich frei bewegt, wo er sich aber eben kultiviert bewegt.»

watson, 14.05.2015

Interessant! Auf der Spur dieser Waldmenschen war Kessler aber schon lange. 2012 Ă€usserte er sich im «Tages-Anzeiger» zu den «Tanz dich frei»-Partys in Basel, Bern und ZĂŒrich: 

«Wir stehen am Übergang von der alemannisch-ruralen zur urban-mediterranen Lebensweise: Wir seit Jahrtausenden von lĂ€ndlicher Weite geprĂ€gte Alemannen nehmen nach mediterranem Vorbild plötzlich Strassen und PlĂ€tze unserer engen StĂ€dte als Erholungs- und Unterhaltungsraum ein und geniessen die VorzĂŒge und die vermeintliche Leichtigkeit dieses Lebensstils.» 

Tages-Anzeiger, 05.06.2012

Und wĂ€hrend wir das tun seien wir alle – die Jungen und die Alten – die genau gleichen Spiesser: 

«Dabei ist das Spiessertum auf beiden Seiten schön verteilt. Auch die jungen Menschen, die meinen, sie seien sehr progressiv, verkennen, dass es um einen Freiheitsdiskurs geht und nicht um die egoistische Durchsetzung der eigenen Interessen.»

Tages-Anzeiger, 05.06. 2012

Solch spannende Theorien vermisst man normalerweise bei Chefbeamten. Doch Kessler scheute sich nicht vor steter Gesellschaftskritik. Zum Beispiel in der Tageswoche 2015: 

«Heute werden die Leute hingegen nicht mehr von existenziellen Problemen, sondern von ihren eigenen AnsprĂŒchen herausgefordert. Wenn es heute bereits Einsprachen gegen Nutzungen durch ein â€čquartierfremdes Publikumâ€ș gibt und beliebte Gartenbeizen schon um 20 Uhr schliessen mĂŒssen, wird's doch absurd.»

Tageswoche, 26.11.2015

Dabei schonte er aber auch seine Basler Kollegen nicht. Als Kessler nach einer ruhigeren Phase der «Basler Zeitung» wieder mal ein Interview gab, kritisierte der Stadtentwickler sofort, dass die Diskurse ĂŒber Infrastrukturprojekte hierzulande nicht gerade visionĂ€r gefĂŒhrt wĂŒrden: 

«Die Stimmen der tragenden gesellschaftlichen KrĂ€fte, die Ideen liefern und schliesslich auch die finanziellen Mittel zur VerfĂŒgung stellen, fehlen heute weitgehend. Die Misanthropen und BedenkentrĂ€ger dominieren die öffentliche Wahrnehmung. Die Stadt Basel ist aber dank genialen Projekten und weitsichtigen Investitionen zu dem geworden, was sie heute ist.»

Basler Zeitung, 17.07.2010

National Ă€usserte sich Kessler immer wieder zur Migrations- und Asylthematik – mit durchaus spannenden AnsĂ€tzen. Im September 2015 erklĂ€rte er beispielsweise der «Aargauer Zeitung», warum kleine Gemeinden besser mit FlĂŒchtlingen umgehen können als grosse: 

«HĂ€ufig werden auch in mittelgrossen Gemeinden Lösungen verunmöglicht. Erstens, weil sie zu gross sind, als dass der GemeindeprĂ€sident die Leute und ihre BedĂŒrfnisse genĂŒgend kennt. Und zweitens, weil die Verwaltung mangels Ressourcen zu wenig professionalisiert aufgestellt ist und deshalb schnelle pragmatische Lösungen verunmöglicht.»

GegenĂŒber der Tageswoche kritisierte er anfangs 2014 die «Dichtestress-Hysterie» und wartete mit einem völlig neuen Ansatz auf, warum die Pendler sich morgens jeweils gegenseitig dichte-stressen: 

«Die GrĂŒnde dafĂŒr, dass so viele Leute gleichzeitig morgens in den Zug steigen, sind kultureller und sozialer Art: Man will zusammenkommen und sich zeigen. Viele Arbeitnehmer leben auch alleine. Die freuen sich auf die erste Kaffeepause, der 7.30-Uhr-Stress ist dann das erste Thema in der Kaffeepause.»

Tageswoche, 9.1.2014

Übler stolperte er aber im «Tages-Anzeiger», als er in einem Rundumschlag darlegte, warum heutzutage die «falschen» FlĂŒchtlinge vom System profitieren wĂŒrden: 

«Die heutige Situation pervertiert den FlĂŒchtlingsbegriff. Wir haben Arbeits- und Abenteuermigration auf Kosten der wirklich Verfolgten. Das mĂŒsste doch die SP auf den Plan rufen: Sie mĂŒsste die erste Partei sein, die aus SolidaritĂ€t mit den wirklich Betroffenen ausruft.»

Tages-Anzeiger, 21.01.2012

Egal wen Elisabeth Ackermann also neu ins Amt einsetzt, so pointierte Aussagen kann man vom Neuen wahrscheinlich nicht erwarten. Schade eigentlich. (rar)

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