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Der Bundesrat auf seiner diesjährigen «Schulreise» in Locarno.<br data-editable="remove">
Der Bundesrat auf seiner diesjährigen «Schulreise» in Locarno.
bild: Keystone

Bundesrat ist ein Scheissjob – trotzdem wollen ihn alle haben

Drei SVP-Kandidaten wollen am nächsten Mittwoch in den Bundesrat gewählt werden. Das Amt ist heiss begehrt, obwohl manche Magistraten an der Belastung zerbrochen sind.
05.12.2015, 12:5805.12.2015, 14:13

Ein Bonmot bringt es auf den Punkt: «Mindestens 200 der 246 Parlamentarier denken, wenn sie am Morgen im Badezimmer in den Spiegel schauen: ‹So sieht ein Bundesrat aus›.» Wer es erfunden hat, ist nicht ganz klar. Dem früheren CVP-Generalsekretär und Politikberater Iwan Rickenbacher wird es genauso zugeschrieben wie dem SP-Doyen Helmut Hubacher. Letztlich spielt es keine Rolle. Der Satz umschreibt bestens die Faszination, die das Regierungsamt ausstrahlt.

Zehn Bewerber haben sich bei der SVP offiziell als Kandidaten für die Nachfolge von Eveline Widmer-Schlumpf (BDP) angemeldet. Drei hat die Partei offiziell nominiert: Die Nationalräte Thomas Aeschi (Zug) und Guy Parmelin (Waadt) sowie den Tessiner Lega-Regierungsrat Norman Gobbi, der erst seit kurzem SVP-Mitglied ist. Die Unterlegenen haben das Verdikt mehr oder weniger gelassen akzeptiert. Mancher hofft wohl, das Parlament wähle ihn doch noch.

Blick in das Bundesratszimmer.<br data-editable="remove">
Blick in das Bundesratszimmer.
Bild: KEYSTONE

Bundesrat ist ein Traumjob. Dabei sind Bundesräte schwache Figuren. Die Schweiz leistet sich eine Schmalspur-Regierung mit nur sieben Mitgliedern. Das ist gewollt, denn ein System mit direkter Demokratie verträgt sich nur bedingt mit einer mächtigen Exekutive. Kritiker bemängeln, dass die wahre Macht bei der Verwaltung und ihren Chefbeamten liege. Wer seinen Spielraum jedoch auszunützen weiss, kann in dem Siebnergremium durchaus einiges bewegen.

Beträchtliches Ansehen

Hinzu kommt der Glanz, den der Titel Bundesrat ausstrahlt. Man ist wer, wird umworben, kann die Schweiz in der Welt vertreten. Und obwohl der Respekt vor den Magistraten geschwunden ist, geniessen sie ein beträchtliches Ansehen. 63 Prozent der Bevölkerung haben laut dem aktuellen CS-Sorgenbarometer Vertrauen in den Bundesrat. In Ländern mit repräsentativer Demokratie können Regierungen von solchen Werten meist nur träumen.

«Ein Traumjob? Sicher – aber zu einem sehr hohen Preis.» Dies sagte Franz Egle, der ehemalige Informationschef von Bundesrat Flavio Cotti, der «Neuen Luzerner Zeitung». Bundesrat ist auch ein Scheissjob. Die Arbeitslast ist enorm. Bundesräte müssen nicht nur über ihr eigenes Departement Bescheid wissen, sondern auch über die Geschäfte der anderen. Häufig beginnt ihr Arbeitstag am frühen Morgen mit Aktenstudium und endet am späten Abend an irgend einer «Hundsverlochete».

90 Stunden pro Woche

CVP-Bundesrätin Doris Leuthard bezifferte den Arbeitsaufwand auf 90 Stunden pro Woche. Diese körperliche und seelische Belastung haben längst nicht alle gut verdaut. Zwischen 1848 und 1919 verstarben fast 40 Prozent der Bundesräte im Amt, schrieb der Historiker und Bundesratskenner Urs Altermatt in der NZZ. Hauptgrund war, dass Bundesräte keine Rente erhielten. Oft arbeiteten sie sich aus finanziellen Gründen buchstäblich zu Tode.

Rudolf Friedrich (l.) und Alphons Egli blieben nur wenige Jahre im Bundesrat.<br data-editable="remove">
Rudolf Friedrich (l.) und Alphons Egli blieben nur wenige Jahre im Bundesrat.
Bild: KEYSTONE

Später stieg die Belastung durch die zunehmende Zahl und Komplexität der Geschäfte. In den 1980er Jahren häuften sich die physischen Probleme. Der Zürcher Fritz Honegger (FDP) litt unter Herzbeschwerden, nach nur fünf Jahren trat er 1982 zurück. Sein Nachfolger Rudolf Friedrich hielt es knapp zwei Jahre aus. Der gleichzeitig mit ihm gewählte Luzerner Alphons Egli (CVP) ging nach vier Jahren «aus gesundheitlichen Gründen». Der populäre Arbeiter-Bundesrat Willi Ritschard starb 1983 nur zwei Wochen nach seiner Rücktrittserklärung an Herzversagen.

Grosse Reformen blieben aus

In der Folge wurden vermehrt jüngere Persönlichkeiten in den Bundesrat gewählt. Ausserdem kam es zu bescheidenen Reformen: Departemente wurden umstrukturiert, und bereits Ende der 1970er Jahre erhielten die Bundesräte die Möglichkeit, zwei persönliche Mitarbeiter anzustellen. Grosse Würfe aber blieben aus. Zusätzliche Staatssekretäre lehnte das Volk 1996 ab, eine Aufstockung der Regierung auf neun oder elf Bundesräte und ein mehrjähriges Bundespräsidium scheiterten im Parlament. Oder am Bundesrat selbst, der seine Macht nicht teilen oder beschränken wollte.

Ein weiteres Problem: Das Parlament tendiert dazu, mediokre Figuren zu wählen. Herausragende Politiker wie der St.Galler Kurt Furgler (CVP), dessen intellektuelle Brillanz öfters in Arroganz umschlug, schafften es nur selten. Lieber der graue Neuenburger Francis Matthey als die schillernde Genferin Christiane Brunner (1993). Lieber Otto Stich als Lilian Uchtenhagen (1983). «Die Parlamentarier gönnen den anderen Parteien keine Galionsfiguren», schreibt die «Weltwoche».

Bundespräsidenten der letzten 20 Jahre

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Bundespräsidenten der letzten 25 Jahre [1.2.19/jaw]
quelle: epa/epa / florian wieser
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Kein Wunder: Wenn alle glauben, sie wären für das Amt geeignet, wollen sie niemanden wählen, der offenkundig besser ist. Wobei man einräumen muss, dass die Hemmschwelle zur Wahl von überdurchschnittlichen Bewerbern in den letzten Jahren gesunken ist. Ein Grund dafür mag ein relativ neues Kriterium sein, das sich «Arena-Tauglichkeit» nennt. Wer im Fernsehen eine gute Figur macht, hat einen Startvorteil gegenüber den «grauen Mäusen».

Trotzdem bleiben Bundesratswahlen mehr oder weniger unberechenbar. Auch das macht ihre Faszination aus. Bundesrat ist ein Traumjob. Und ein Scheissjob. Und alle wollen ihn haben. 

Bundesratsfoto

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