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Mit der SBB-Polizei im Einsatz gegen Maskenverweigerer
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«Ohne wäre es besser» – das erleben SBB-Polizisten an einem Abend in Zürich

Im öffentlichen Verkehr gilt die Maskenpflicht. Die Polizei der SBB trifft bei Kontrollen auf Vergessliche, Aggressive und Querulanten. Vor allem eine Gruppe zeigt sich oft uneinsichtig. Ein Augenschein.
14.01.2022, 18:0414.01.2022, 18:15
Stefan Ehrbar / ch media

An Ruhe fehlt es ihm nicht, aber an der Maske. «Darf ich Sie bitten, eine anzuziehen?», fragt Alexander Meyer den jungen Mann, der an diesem Donnerstag gegen 18 Uhr in Zürich-Stadelhofen gelassen im Eingangsbereich der S7 steht. «Ich habe keine», erklärt der etwa 20-Jährige. «Dann muss ich Sie bitten, diesen Zug zu verlassen», entgegnet Meyer.

Zusammen mit der Polizistin Chiara Schmid und Polizist Tobias Keller* patrouilliert er an diesem Abend in Zügen und Bahnhöfen. Meyer ist Stützpunktchef der SBB-Transportpolizei (TPO) im Zürcher Hauptbahnhof. Ihm unterstehen 25 Polizistinnen und Polizisten. In der ganzen Schweiz beschäftigt die TPO 208 uniformierte Mitarbeitende auf 13 Stützpunkten. Seit eineinhalb Jahren haben sie eine weitere Aufgabe: die Maskenpflicht zu kontrollieren. Das Thema ist aufgeladen.

Ermahnt Maskensünder: Polizist Alexander Meyer* in der Zürcher S-Bahn.
Ermahnt Maskensünder: Polizist Alexander Meyer* in der Zürcher S-Bahn.bild: severin bigler

Die SBB stehen im Kreuzfeuer der Kritik. Passagiere werfen ihr vor, zu wenig konsequent vorzugehen. Auf Twitter fordern Hunderte ein Essensverbot im Bahn, Bus und Tram, damit die Pflicht nicht durch das mitgebrachte Gipfeli umgangen werden kann. Andere boykottieren den ÖV, weil sie glauben, dass die Zugreise wegen der Aerosole und der Ansteckungsgefahr zu gefährlich geworden ist.

Die Nase bleibt frei

Die Bahn reagiert mit einer Kampagne. Seit kurzem kleben Schilder auf den Zug-Türen. «Maske tragen. Verantwortung tragen», steht darauf. Die Maskenpflicht bezeichnen die SBB als «die wichtigste Massnahme des ÖV-Schutzkonzeptes». Sie werde nach wie vor «sehr gut» eingehalten.

Der Rundgang mit der TPO zeigt ein differenzierteres Bild. Um 16.44 Uhr besteigen die Polizisten die S2, die vom Hauptbahnhof an den Flughafen fährt. Der Zug ist mässig gefüllt, die Maskendisziplin hervorragend. Das bleibt nicht so. Am Flughafen angekommen wechselt Meyers Team auf den Intercity 1 zurück Richtung Stadt. Hier fällt auf: In jedem Wagen hat mindestens eine Person die Maske nicht korrekt angezogen. Meistens bleibt die Nase frei.

«Ohne wäre es besser»

Kaum erblicken diese in sozialen Medien auch «Nasenbären» genannten Personen die Uniformierten der TPO, ziehen sie die Maske routiniert und korrekt über die Nase. Es gibt aber auch jene ganz ohne Gesichtsschutz. Im Intercity ist das eine Gruppe von drei jungen Männern.

Ihnen hängt die Maske am Kinn. «Bitte ziehen Sie sie an», versucht es Meyer freundlich – und hat Erfolg. Erst als die Polizisten ausser Reichweite sind, schickt einer der Männer einen abwertenden Spruch hinterher. Ein paar Abteile weiter hat eine junge Frau die Maske vergessen und korrigiert das sofort, als Meyer vorbeigeht. «Ohne Maske wäre es besser», sagt sie und lächelt. «Ja, wäre es», sagt Meyer und lächelt zurück.

Die Maskenpflicht macht das Reisen im Zug nicht angenehmer. Trotzdem ergibt sie Sinn. Sie hilft, Infektionen zu verhindern. FFP2-Masken schützen ihre Träger dabei noch besser als Hygienemasken. Daten zur Wirkung hat unlängst das «Wall Street Journal» veröffentlicht. Wenn sich eine infizierte und eine nicht infizierte Person ohne Maske in einem Abstand von 1.8 Metern zueinander befinden, kann demnach bereits nach 15 Minuten eine Infektion ausgelöst werden.

Sind beide Personen mit einer Hygienemaske ausgerüstet, dauert es viermal so lange. Tragen sie je eine FFP2-Maske, sind es mindestens 25 Stunden. Diese Daten wurden vor der Dominanz der Omikron-Variante erhoben, die sich schneller verbreitet. Trotzdem verdeutlichen sie die Schutzwirkung.

Viele junge Männer ohne Maske

Meyer, Schmid und Keller verlassen in Zürich-Oerlikon den IC 1 und durchschreiten den Bahnhof. «Präsenz markieren», nennt das Meyer. «Die Leute sollen merken, dass wir da sind.» Immer wieder werden sie um Hilfe gebeten – manchmal für sehr simple Fragen, etwa, wo ein bestimmtes Perron liegt. «Die meisten würden das auch ohne uns schaffen», sagt Polizist Keller. «Aber sobald sie unsere gelbe Weste sehen, sind wir eine Art rettende Insel.»

Weiter geht es in der vollen S6. Auch hier tummeln sich einige Nasenbären. Eine Gruppe junger Männer - eine laut Meyer überrepräsentierte Gruppe unter den Maskenlosen - unterhält sich lautstark und maskenlos. Nach einer höflichen Ermahnung ändert sich das. Doch für wie lange?

Ein Abteil weiter schaut ein älterer Herr aus dem Fenster. In der Hand hält er ein Bier, seine Maske trägt er am Kinn. Polizist Keller braucht ihn nur anzuschauen, und der Mann schiebt die Maske pflichtbewusst nach oben. Daumen hoch von Keller.

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Personal darf keine Bussen verteilen

Wer ohne Maske im Zug erwischt wird, hat nichts zu befürchten, wenn er nach der Ermahnung eine solche anzieht. Die rechtliche Grundlage für die Maskenpflicht im ÖV bildet die entsprechende Verordnung über Massnahmen in der Pandemie.

Soweit die Theorie. In der Praxis beginnen die Probleme damit, dass die Kundenbegleiter der SBB keine Bussen verteilen dürfen. Sie können Passagiere des Zuges verweisen, wenn diese die Maskenpflicht ignorieren. Bleiben sie im Zug, muss das SBB-Personal aber die TPO oder lokale Polizeikräfte aufbieten.

Ermüdende Diskussionen

Diese können die Verweigerer wegen Widerhandlung gegen die Covid-Verordnung an die zuständigen Behörden rapportieren. Das geschehe als «letztes Mittel», sagt Meyer. Im vergangenen Jahr war das bei der TPO 1400 mal der Fall. Beschuldigte müssen in der Folge meist eine Busse und kantonal unterschiedlich hohe Gerichtskosten berappen.

Verweigern sich renitente Passagiere den Anordnungen der TPO, können sie sich zudem des «Ungehorsams» schuldig machen, wie es im «Bundesgesetz über die Sicherheitsorgane der Transportunternehmen im ÖV» definiert ist. Die Folge kann eine Busse von bis zu 10'000 Franken sein. Immer wieder ziehen Maskenverweigerer vor Gericht. Zu Freisprüchen kommt es nur selten.

Erhält eine Ermahnung: Der junge Mann rechts trägt seine Maske falsch.
Erhält eine Ermahnung: Der junge Mann rechts trägt seine Maske falsch.bild: severin bigler

Von den Renitenten kann Meyer ein Lied singen. «Die einen haben einen ganzen Ordner mit Schriften dabei, die belegen sollen, dass die Maskenpflicht gegen die Bundesverfassung und die Ethik verstösst», sagt er. Solche Diskussionen seien ermüdend. Sie rauben der TPO zudem Zeit, weil die Mitarbeitenden im Strafverfahren aussagen müssen. Auf die Maskensünder treffen sie dort nur selten: «Weil sich diese oft auch im Gerichtsgebäude nicht an die Maskenpflicht halten und gar nicht reinkommen», sagt Meyer.

Tätliche Angriffe aufs Personal

Daneben gebe es ein paar, die die TPO immer wieder auf Trab halten. Schlagzeilen machte etwa Chrigi Rüegg. Der Hundetrainer aus dem Zürcher Oberland geniesst Kultcharakter in der Kritiker-Szene und streamt auch mal live, wie er ohne Maske Zug fährt. Im März provozierte er im Hauptbahnhof einen Konflikt mit dem Sicherheitspersonal. Sein Masken-Attest wollte er nicht zeigen. Es kam zum Pfefferspray-Einsatz und Handgreiflichkeiten.

Auch Meyers Leute wurden schon tätlich angegriffen. Selbst Kundenbegleiter trifft es. Etwa einmal am Tag rückt die TPO in der Region Zürich deswegen aus. Unabhängig von der Maskenpflicht stelle er eine sinkende Hemmschwelle fest, sagt Meyer. «Das Gewaltpotenzial ist höher.»

Die Maske ist das kleinste Problem

Zwar hatte die TPO in den letzten Monaten weniger zu tun mit renitenten Fussballfans, weil Spiele nicht stattfanden. Viele Jüngere können aber abends nicht mehr in Clubs gehen und treffen sich draussen. Einige seien frustriert. «Die Stimmung ist aggressiver geworden», sagt Meyer.

Einer dieser Hotspots, an dem sich an Wochenenden teils Tausende Jugendliche treffen, ist das Zürcher Seebecken mit dem Bahnhof Stadelhofen. Regelmässig kommt es zu Schlägereien. Meyer sagt:

«Hier ist die Maske an Wochenendabenden das kleinste Problem. Da muss man die fünf auch einmal gerade sein lassen.»

Wenn die Polizei Masken verteilt

In Sachen Maskenpflicht stehen die SBB nicht alleine in der Verantwortung. Andere Betriebe machen eher weniger. Die Verkehrsbetriebe Zürich teilten CH Media kürzlich mit, Kontrollen nur mit Fokus auf die Maskenpflicht gebe es bei ihnen nicht. Ähnlich tönte es bei Postauto.

Das Bundesamt für Verkehr (BAV) schreibt, es habe «beim Vollzug des Schutzkonzepts keine Rolle», intervenierte aber andererseits sofort, als die Bergbahnen Sörenberg keine Atteste akzeptieren und die Maskenpflicht konsequent durchsetzen wollten.

Der junge Mann vom Anfang muss die S7 dann doch nicht verlassen. «Möchten Sie eine Maske von uns?», fragt ihn Polizistin Schmid. «Sehr gerne», antwortet er. Zuvor hatte er behauptet, selbst eine dabei zu haben, sie aber nicht zu finden. Ob das stimmt? Als die Polizisten den Zug eine Station später wieder verlassen, sitzt die geschenkte Maske auf jeden Fall noch immer perfekt.

* Die Namen aller Beteiligten wurden auf ihren Wunsch geändert. (bzbasel.ch)

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