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So sieht die Impfoffensive in den Kantonen aus – ein Besuch vor Ort

Ob in der IKEA, bei der Raststätte oder im Bergdörfchen: Mit einer Impfoffensive will der Bundesrat die Quote der Gepiksten im Land erhöhen. Ein Besuch vor Ort.
11.11.2021, 09:4912.11.2021, 07:37

Janine Zahner raucht. Und wartet. Mal im warmen Impfbus, mal am Geländer vor der Gemeinde, mit herrlicher Aussicht auf den Lauerzersee, Steinen, Seewen und ganz hinten im Tal Rickenbach. Noch zehn Minuten, dann geht es los.

Hier oben, im 800-Seelen-Dörfchen Steinerberg im Kanton Schwyz, ist es ruhig an diesem Dienstagmorgen. Die Sonne macht die steife Brise etwas erträglicher, in der Ferne leuchtet der grosse Mythen mystisch im Morgenlicht.

Postkarten-Idylle im Kanton Schwyz.
Postkarten-Idylle im Kanton Schwyz.bild: watson

«Das heisst ‹M-I-THÄ›», sagt Rettungssanitäter René Eichhorn und lacht. Die Truppe stimmt mit ein. Die gute Stimmung mutet etwas befremdlich an, denn eigentlich gibt es nicht viel zu lachen. Doch die Gelassenheit und den Humor lässt man sich hier nicht nehmen.

96 Millionen Franken hat der Bundesrat gesprochen für die nationale Impfwoche. Eine «Impfoffensive» soll es werden, die Kantone sollen kreativ sein. Und so gibt es diese Woche Freiluftkonzerte mit Schweizer Popgrössen, Impfschiffe und Impftaxis, Spritzen unter Hypnose und Impfnächte mit DJs und Daiquiris.

Die dritte Dosis besteht aus Wodka

Es ist der zweite Stopp an diesem Tag, der Impfbus steht quer vor der Gemeindeverwaltung. Viele Parkmöglichkeiten für ein so grosses Gefährt gibt es nicht im steilen Steinerberg. Eine Mitarbeiterin der Gemeinde bringt Kaffee, Tagesleiterin Janine Zahner schaut, dass alles bereit ist.

Der Impfbus vor der Gemeindeverwaltung in Steinerberg SZ.
Der Impfbus vor der Gemeindeverwaltung in Steinerberg SZ.bild: watson

«Zehn Personen haben wir eben in Sattel geimpft, und wir freuen uns ab jeder einzelnen», sagt Zahner. Ob in dieser einen Stunde in Steinerberg auch jemand geimpft wird, weiss niemand. Die Gemeinde hat Plakate an der Strasse aufgestellt und Flyer im Altersheim verteilt. Auch auf der Homepage wurde auf die Aktion hingewiesen.

Ein Jogger rennt vorbei. Blaue Weste, gelber Ohrenwärmer, Sonnenbrille.

«Kann ich den Booster haben?», fragt er.

«Sind sie schon 65?»

«Nein.»

«Dann nicht.»

«Macht nichts. Ich hab meine dritte Dosis schon. Zweimal Moderna, einmal Wodka.»

Widerstand in Whatsapp-Gruppen

Nicht alle sind so locker drauf im Urkanton. Zwei Securitys verstärken die Impfequipe, für den Fall der Fälle. Der Kanton Schwyz verzeichnet die zweittiefste Impfquote der Schweiz. Viele sind gegen die Spritze, das Zertifikat und vor allem: gegen den Bundesrat. Die Gemeinde Alpthal sorgte vor wenigen Tagen für Schlagzeilen, weil sie es dem Impfbus untersagte, im Dorf Halt zu machen.

Janine Zahner erzählt von Whatsapp-Gruppen, in denen sich Widerstand gegen den Impfbus formiert. Doch einschüchtern lässt sich niemand hier. Das Team scheint eine Taktik gefunden zu haben, die funktioniert: Humor, Freundlichkeit und einen unerschütterlichen Optimismus, dem man sich nicht entziehen kann.

«Es gibt viele Leute, die mit uns diskutieren. Aber dafür sind wir ja auch da», sagt Zahner. «Jedes Gespräch bringt was. Vielleicht lassen sich die Leute nicht sofort impfen, vielleicht auch nie, aber einige überlegen es sich zumindest.»

Im Innern des Busses wird sich aufgewärmt. Und manchmal auch geimpft.
Im Innern des Busses wird sich aufgewärmt. Und manchmal auch geimpft.bild: watson

Rettungssanitäter René Eichhorn ist gleicher Meinung. «Ich habe seit Beginn der Pandemie viele Leute in den Notfall gebracht. Viele sind auch gestorben. Und deswegen habe ich nach jeder Spritze das gute Gefühl, wieder jemanden vor der Intensivstation bewahrt zu haben».

Über die Impfgegner runzelt man zwar die Stirn. Auch die «Schwyzer Engstirnigkeit» sei in einer Pandemie eher kontraproduktiv, doch damit hat man sich abgefunden. «56 Prozent sind geimpft hier. Das ist die klare Mehrheit. Und die allermeisten sind wirklich interessiert und hören auch zu, wenn sie zu uns kommen», sagt Zahner.

Der SUV und der Mittelfinger

Vor dem Impfbus tut sich mittlerweile was. Eine Frau will sich impfen lassen. Sie wird begleitet von einem 57-jährigen Milchbauern, der sich eben in Sattel impfen liess. Er hat schütteres Haar und einen buschigen Schnauz. Viel zu sagen hat er nicht. Und wenn er spricht, dann leise, fast ein wenig beschämt. Am Ende jedes Satzes zuckt er leicht mit den Schultern, sodass seine groben, schwieligen Hände auf die Oberschenkel klatschen.

«Ich war mir nie sicher, ob ich es machen soll. Man hört ja so viele Sachen». Er kann den Blickkontakt nicht halten, schaut immerzu Richtung Boden. «Aber ich höre so gerne Musik und gehe an Konzerte. Mittlerweile macht es ja auch die ganze Welt, wieso soll ich dann nicht auch?»

Die Schwyzer Impfequipe. Links René Eichhorn, rechts Janine Zahner.
Die Schwyzer Impfequipe. Links René Eichhorn, rechts Janine Zahner.bild: watson

Insgesamt kamen zwei Leute, um sich in Steinerberg impfen zu lassen. Janine Zahner ist zufrieden, so wie sie es scheinbar immer ist. Im Bus schart man sich um den kleinen Ofen und diskutiert.

Währenddessen fährt ein SUV am Bus vorbei, der Mann am Steuer streckt den Mittelfinger aus dem Fenster.

Doch das stört niemanden hier.

Ob die «Impfoffensive» des Bundes tatsächlich den gewünschten Effekt erzielen wird, ist zu bezweifeln. Die Frage nach dem Kosten-Nutzen-Verhältnis stellt sich unweigerlich, wenn sich nach dem ersten Konzert in Thun herausstellt, dass sich lediglich 25 Personen haben impfen lassen.

Vielleicht hegt man aber auch einfach die falschen Erwartungen.

Noch eine Impfung zum Billy-Regal gefällig?

Irgendetwas stimmt hier nicht. Die Arztgehilfin und die Tagesleiterin schauen argwöhnisch, der Security kommt ins Zelt und übergibt forsch sein Telefon. Der Chef ist am Apparat. Beruhigungsversuche fruchten nur halbherzig, erst der Presseausweis des Reporters und ein Mail an den Kanton Luzern stimmt das Team milde.

«Schleppen Sie Ihre Einkäufe nach Hause – nicht Corona». Das mit der Werbung klappt schon mal.
«Schleppen Sie Ihre Einkäufe nach Hause – nicht Corona». Das mit der Werbung klappt schon mal.bild: watson

Niemand will mit seinem Namen hinstehen, aus Angst vor den Impfgegnern. Es sei schon mehrfach zu Anfeindungen gekommen – deswegen auch die Vorsicht gegenüber dem Medienschaffenden.

Nachdem sich die dicke Luft geklärt hat, wähnt man sich in einem Déjà-vu. Nicht wegen des Standorts. Der IKEA in Rothenburg ist nun wirklich nicht mit Steinerberg zu vergleichen.

Nein, es ist dieser in Stein gemeisselte Optimismus. Trotz allen Schwierigkeiten und Anfeindungen, trotz der schieren Aussichtslosigkeit des Unterfangens blicken auch hier alle voller Zuversicht nach vorne. Spritze für Spritze Richtung Ende der Pandemie. Und wenn es hilft, dann auch zwischen Billy-Regal und Köttbullar.

«Wissen sie, früher war ein Arzt ein Halbgott. Früher hat man weder mit ihm noch mit dem Polizisten noch mit dem Pfarrer diskutiert. Das waren Autoritäten. Man hat den Arm hingehalten und wurde geimpft», sagt eine Helferin, die in einem Alter ist, in dem man ihr glaubt, wenn sie von früheren Zeiten spricht.

Impfen zwischen Köttbullar und Billy-Regal im IKEA Rothenburg.
Impfen zwischen Köttbullar und Billy-Regal im IKEA Rothenburg. bild: watson

«Heute hat man glücklicherweise erkannt, dass niemand die Weisheit mit Löffeln gefressen hat.» Die Menschen wollen sich zuerst informieren, bevor sie etwas tun. Leider führe dies auch zum gegenteiligen Extrem, wie man bei den militanten Impfgegnern sehe. Umso wichtiger sei es, dass man jenen Menschen, die zu diesem späten Zeitpunkt der Impfkampagne kommen, mit Geduld und Verständnis begegne.

«Auch wenn wir mittlerweile genau wissen, dass die Impfung sicher und wirksam ist, dürfen wir den Menschen nicht mit Hochmut und Arroganz begegnen.» Diese Haltung scheint zu funktionieren. «Die Leute sind überrascht, wie umgänglich wir hier sind.» Man nehme sich Zeit für jeden. Egal wie lange. «Wir sehen die Angst in ihren Augen und respektieren sie.»

Es ist schwer, nicht beeindruckt zu sein ob solch einer Einstellung. Die meisten hier impfen bereits seit Beginn der Kampagne, führen jeden Tag Gespräche über Sinn und Unsinn der Spritze. Sie schlagen sich mit Menschen rum, die in das Zelt stürmen, «eine Impfdosis in die Hand nehmen und zitternd den Zorn Gottes heraufbeschwören».

Und wofür? «35 Impfungen haben wir gestern durchgeführt. Heute waren es bislang 20». Doch man ist zufrieden. «Jede Person, die wir vor der Intensivstation bewahren können, zählt».

Johnson & Johnson im Drive-Thru

Der Kanton Luzern zeigt sich in dieser Impfwoche besonders kreativ. Die kantonale Impfquote von 63 Prozent liegt zwar nur leicht unter dem nationalen Durchschnitt, trotzdem will man nichts unversucht lassen.

15 Autominuten vom IKEA entfernt befindet sich die Raststätte Neuenkirch. Neben Cars, Lastwagen und allerlei kleineren Autos steht da auch ein alter VW T2. «Blibed Sie gsond!», heisst es auf dem Heck. Gleich daneben ein Zelt, zwei Campingstühle und ein grosser, metallener Kanister mit Pfirsich-Punsch.

Gemütlich soll es sein bei Pius Schmid. Die Knollennase des pensionierten Agronoms leuchtet in der Kälte in einem ähnlichen Orange wie seine Cordhosen, doch das tut der guten Stimmung keinen Abbruch. «Ich geniesse es, mit den Leuten zu reden. Besonders, wenn sie sich dann auch noch impfen lassen.»

Pius Schmid und sein Impfmobil.
Pius Schmid und sein Impfmobil.bild: watson

Schmid versuchte sich nach seiner Pension als Reiseleiter, doch die Pandemie machte ihm einen Strich durch die Rechnung. Mit seiner freien Zeit wollte er etwas Gutes tun, und so berät er nun potenzielle Impflinge zur Spritze.

Pius Schmid hätte in früheren Zeiten auch einen guten Marktschreier abgegeben. Das Talent zum Verkaufen scheint ihm in die Falten eingraviert. Mal unterhält er sich mit einer grossen Reisegruppe aus Deutschland, mal bespricht er die Geschäftstätigkeiten einer lokalen Transportfirma, als hätte er selbst dort gearbeitet.

Die Menschen freut's. Sie kommen zwar mehrheitlich gezielt zur Raststätte, weil man hier ohne Voranmeldung Johnson & Johnson gespritzt bekommt. Doch es ist Schmid, der ihnen mit Punsch und lockeren Sprüchen ein Lächeln ins Gesicht zaubert.

Und vielleicht liegt auch genau hier die Stärke dieser Impfwoche. Es ist wie bei der Homöopathie: Die Menschen glauben daran, weil sie sich vom Naturheilpraktiker ernst genommen fühlen. Tee und Kekse bekommen, eine Stunde lang über ihre Probleme reden können und diese positive Erfahrung dann mit Freunden und Familie teilen. Etwas, das beim Hausarzt undenkbar wäre.

Vielleicht sollte man in dieser Woche also nicht von einer Impfoffensive sprechen, sondern von einer Charmeoffensive.

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