Schweiz
Crans-Montana

«Das Leben muss weitergehen»: Die Skirennen Adelboden zwischen Jubel und Trauer

«Das Leben muss weitergehen»: Die Skirennen in Adelboden zwischen Jubel und Trauer

Keine zwei Wochen nach der Brandkatastrophe von Crans-Montana steigt in Adelboden ein Ski-Fest. Es ist eine Gratwanderung. Und wie wirkt sich die Absage des Freitagsprogramm finanziell aus? OK-Chef Christian Haueter klärt auf.
10.01.2026, 22:3410.01.2026, 22:35
Emiliano Alvarado, Adelboden / ch media

Über 20'000 Menschen drängen sich auf den Rängen. Fahnen wehen, die Tribünen beben, ein ohrenbetäubender Jubel liegt über dem Chuenisbärgli. Als Marco Odermatt im Riesenslalom von Adelboden seinen historischen fünften Sieg feiert, könnte man meinen, alles sei wie immer. Doch dem ist nicht so. Noch zu nah ist die Tragödie von Crans-Montana.

Vor dem Rennen wird eine Schweigeminute abgehalten, eingeleitet von einer Rede, die viele auf den Rängen sichtbar berührt. Manch einer wird emotional. Doch dann nimmt der Rennbetrieb Fahrt auf. Kaum zehn Minuten  später, als der Brasilianer Lucas Pinheiro Braathen im Ziel ankommt, ist es, als wäre nichts geschehen – laut, ausgelassen, beinahe unbeschwert. Und doch bleibt die Tragödie allgegenwärtig, erst recht nach dem nationalen Trauertag am Freitag.

Die Schweigeminute erfolgte kurz vor dem Start.
Die Schweigeminute erfolgte kurz vor dem Start.Bild: keystone

Keine zwei Wochen sind seit dem Inferno in der Bar «La Constellation» vergangen. Vierzig teilweise minderjährige Personen kamen in Crans-Montana ums Leben. Auch in Adelboden denken die Leute trotz Feierlaune an das Unglück in der Silvesternacht.

Feiern während Trauern?

Im Chuenis-Dörfli, dem Ort des Rennens, an dem sich zugleich die Feierlichkeiten abspielen, befindet sich auch ein «Ort der Stille». In einer kleinen Kapelle wurde eine Gedenkstätte für die Opfer von Crans-Montana eingerichtet – und sie wird rege besucht.

«Es war wichtig, einen solchen Ort zu schaffen. Einen Ort, an dem man innehalten und gedenken kann», sagt Claudia, die soeben die Kapelle verlassen hat. Auch sie trägt die Ereignisse noch mit sich. Auf die Frage, ob es pietätlos sei, nach einer solchen Tragödie ein Sportfest zu veranstalten, antwortet sie: «Man muss das abgrenzen. Es ist legitim, hier zu feiern. Das Leben muss weitergehen, auch nach einer solchen Tragödie.»

Der Ort der Stille im Chuenis-Dörfli.
Der Ort der Stille im Chuenis-Dörfli.Bild: keystone

Diese Haltung teilen viele. «Was passiert ist, ist eine Tragödie, aber es muss weitergehen», sagen Aldo und Nathalie aus Sitten. Einigkeit herrscht unter den Besuchenden darüber, dass am Freitag die Absage des Programms richtig war. «Das wäre nicht richtig gewesen», finden die beiden.

Am Samstag jedoch zeigt sich ein anderes Bild. «Adelboden und Party – das gehört einfach dazu», meint ein junger Mann. Durch das Chuenis-Dörfli zieht sich diese Meinung, auch wenn die Tragödie trotzdem präsent ist.

«Finanziell nicht von Feiern abhängig»

Dass die Feierlichkeiten nicht wie gewohnt stattfinden würden, war dem Organisationskomitee früh bewusst. Bereits am Dienstag teilten die Veranstalter mit, dass für Freitag sämtliche Programmpunkte abgesagt würden. «Aus Respekt und Anteilnahme am nationalen Trauertag verzichtet die Veranstalterin am Freitag auf das gesamte Programm», heisst es im Communiqué.

Der Grat zwischen dem Vertretbaren und dem Unangemessenen ist schmal, erklärt OK-Chef Christian Haueter. «Deshalb haben wir uns entschieden, sämtliche Feierlichkeiten und auch die Auslosung der Startnummern abzusagen.»

Ursprünglich sei über ruhigere Side-Events nachgedacht worden. «Doch wir haben gemerkt, dass ein adäquater Rahmen schwierig wird an einem vom Bundespräsidenten ausgerufenen nationalen Trauertag. Am Ende wären wir niemandem gerecht geworden.» Der richtige Entscheid, wie die Resonanz zeigt.

Durch die Absage stellen sich unweigerlich auch finanzielle Fragen. Viele Grossanlässe sind auf Einnahmen aus Gastronomie und Festbetrieb angewiesen. Treffen die finanziellen Ausfälle auch die Rennen in Adelboden schwer? «Nein», betont Haueter. «Wenn wir so kurz vor dem Anlass den Buchhalter spielen müssten, wäre das unseriös. Die finanziellen Auswirkungen spielten bei diesem Entscheid und nach solch einer Katastrophe nie eine Rolle.»

Klar sei aber auch: Umsatz geht verloren. «Wir sprechen von einem Betrag im fünfstelligen Bereich.» Zu diesem würde man natürlich nicht Nein sagen. Doch die Skirennen am Chuenisbärgli seien solide aufgestellt, betont Haueter.

Ausgelassene Siegerehrung

Am Samstagabend herrschen bei der Siegerehrung Jubel und Freude über den Schweizer Sieg. Zu Beginn erwähnt der Moderator kurz die Ereignisse von Crans-Montana. Danach folgt der feierliche Teil der Zeremonie, geprägt von Applaus, Emotionen und ausgelassener Stimmung.

Nach der Siegerehrung beginnt das Feiern erst richtig. Die Menge verteilt sich, auch in die Festzelte, wo bis spät in die Nacht ausgiebig gefeiert wird – vielleicht auch, um für einen Moment den Alltag und die schweren Gedanken hinter sich zu lassen.

Ausgelassene Stimmung bei der Siegerehrung.
Ausgelassene Stimmung bei der Siegerehrung.Bild: keystone

Es bleibt der Eindruck, dass der vom Organisationskomitee eingeschlagene Weg – die Feierlichkeiten am Freitag abzusagen und das Programm am Samstag durchzuführen – von vielen mitgetragen wird und der richtige war.

In Adelboden wurde gefeiert, jedoch stets im Bewusstsein und im Gedenken an die Opfer. Zwischen Sport, Party und Trauer zeigt sich, wie schmal dieser Grat ist – und wie schwierig es sein kann, einen Weg zu finden, der möglichst vielen gerecht wird. Adelboden ist ihn erfolgreich gegangen. (aargauerzeitung.ch)

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