Wegen diesen Schlupflöchern versagten Kontrollen im «Constellation» jahrelang
Seit der Übernahme des Lokals durch Jacques und Jessica Moretti im Jahr 2015 wurde der Betrieb mehrfach kontrolliert. Der im Untergeschoss verbaute Schaumstoff, der in der Brandnacht Feuer fing, blieb dabei jedoch unbeachtet. Wie «24 Heures» berichtet, trugen mehrere administrative Schlupflöcher dazu bei, dass der Betrieb trotz Mängeln weiterlaufen konnte.
Bereits 2015 bauten die Betreiber das frühere «Constellation» zu einer Lounge-Bar um. Die Arbeiten erfolgten ohne Baubewilligung, obwohl den Behörden bekannt war, dass Umbauten stattfanden. In dieser Phase wurde auch der später brandgefährliche Schaumstoff angebracht. Der damalige Eigentümer erklärte, für Innenumbauten sei keine Bewilligung nötig gewesen. Nach Walliser Recht sind solche Änderungen zwar grundsätzlich bewilligungsfrei, entscheidend ist jedoch deren Umfang. Ob die Arbeiten hätten gemeldet werden müssen, ist Gegenstand der laufenden Untersuchung.
Kein Brandschutzkonzept verlangt
Am 26. August 2015 erteilte die damalige Gemeinde Chermignon die Betriebsbewilligung. Sie prüfte den französischen Strafregisterauszug von Jacques Moretti, der leer war, obwohl er 2008 in Annecy verurteilt worden war. Zudem bestätigte die Gemeinde seine fachliche Eignung aufgrund einer Wirteausbildung in Pully aus dem Jahr 2011.
Ein Brandschutzkonzept wurde nicht verlangt. Laut dem Berner Brandschutzexperten Urs Käser wäre ein solches üblich gewesen. Auch bei einer späteren Kontrolle im Jahr 2019 existierte kein Brandschutzkonzept. Der Waadtländer Experte Olivier Burnier hält fest, das Projekt sei nie gemeldet worden, weshalb weder eine Prüfung noch ein verpflichtendes Brandschutzkonzept erfolgt seien.
Eingeschränkte Kontrollen und fehlende Pläne
Ende 2015 wurde eine Veranda angebaut, dafür lag eine Baubewilligung vor. Die brandschutzrechtliche Stellungnahme des Kantons Wallis bezog sich ausschliesslich auf diesen Anbau. Der restliche Betrieb, insbesondere das Untergeschoss, wurde nicht geprüft. Jacques Moretti wurde dabei als verantwortlich für die Qualitätssicherung im Brandschutz eingesetzt. Ob er über die nötigen Kenntnisse der Schweizer Vorschriften verfügte, ist unklar.
Während der Arbeiten verlangte das kantonale Feuerinspektorat Gesamtpläne des Lokals. Diese wurden laut Recherchen von RTS und «NZZ am Sonntag» nie eingereicht. Der Kanton erklärte, die Gemeinde habe den Beginn der Arbeiten nicht gemeldet, weshalb davon ausgegangen worden sei, dass sie nicht ausgeführt wurden. Die Veranda wurde dennoch gebaut und entwickelte sich in der Brandnacht zur tödlichen Falle.
Mängel bekannt, Risiko übersehen
Bei Kontrollen in den Jahren 2018 und 2019 stellte die Gemeinde verschiedene Mängel fest, darunter bauliche Probleme, fehlende Schulungen und keine Evakuationsübungen. Der Betrieb durfte unter Auflagen weitergeführt werden. Der Schaumstoff wurde in den Berichten nicht erwähnt. Nach 2019 fanden keine weiteren Kontrollen mehr statt, die nächste war für das Frühjahr 2026 vorgesehen.
Jacques Moretti erklärte später, er habe selbst einen Brandtest durchgeführt und sei von der Rauchentwicklung überrascht gewesen. Der Schaumstoff wurde dennoch nicht ersetzt. Die Ermittlungen müssen nun klären, wer die Verantwortung trägt. Nach Walliser Recht liegt diese primär beim Betreiber, aber auch Eigentümer und Behörden haben Aufsichtspflichten. Beschuldigt sind derzeit Jacques und Jessica Moretti. Die Staatsanwaltschaft schliesst nicht aus, das Verfahren auf weitere Personen auszuweiten. (mke)
