Die Deutsche Bahn zockt im Bistro Schweizer Kunden ab
Eine Reise im ICE der Deutschen Bahn ist immer wieder für eine Überraschung gut. Zum Beispiel beim Gang ins Boardrestaurant. Ein Blick auf die Preise in Euro und Franken lässt den Schweizer und die Schweizerinnen die Stirne runzeln.
«Gipfeli» teurer als Croissant
So kostet etwa ein grosser Milchkaffee 5 Euro – aber 6 Franken. Für das französische Frühstück mit Croissant, zwei Bio-Brötchen, zwei Stück Butter und Konfitüre zahlt man 7.90 Euro – aber 9.50 Franken. Für den Haferkater Porridge Bio Blaubeere oder Apfel-Zimt 4.90 Euro – aber 5.90 Franken. Und für ein Szegediner Gulasch mit Kartoffelstampf 15.90 Euro – aber 19.10 Franken.
Das heisst: Wer in Franken bezahlt, blättert 20 Prozent mehr hin als in Euro. Obwohl der Schweizer Franken aktuell stärker ist als der Euro: Für einen Euro erhielt man am Freitag nur knapp 0.92 Franken.
Ist es Vergeltung?
Zockt also die Deutsche Bahn heute Schweizer Kunden mit dem Wechselkurs ähnlich ab, wie es die Schweizer Tourimusdestinationen in den 2000er Jahren mit europäischen Gästen tat?
Von 2000 bis 2008 war der Euro noch deutlich stärker als der Franken. Für einen Euro erhielt man zwischen 1,45 und 1.65 Franken. Doch Bergbahnen, Skigebiete, Hotels, Restaurants, Souvenirshops und Autobahnen nutzten ihr Recht extensiv, den Wechselkurs selbst zu bestimmen zu dürfen. Wer bar in Euro zahlen wollte, war faktisch zu einem 1-zu-1-Kurs gezwungen. Damit verloren europäische Touristen 30 und 40 Prozent ihrer Kaufkraft. Wer für 100 Franken einkaufte, hätte damals fairerweise 65 bis 70 Euro bezahlt. Verlangt wurden aber oft 100 Euro. Ein klassischer Fall von Marktmacht in Touristenhochburgen.
«Schweizer kassieren Euros 1 zu 1»
Das brachte der Schweiz viele Negativschlagzeilen ein, vor allem aus Deutschland. Das Boulevardblatt «Bild» titelte 2006 «Abzocke in den Alpen! Euro zählt wie Franken» und 2008 «Schweizer kassieren unsere Euros 1:1». Und der «Spiegel» lieferte die Schlagzeile: «Abgerechnet wird in Franken – kassiert in Euro»
Aus Deutschland, Italien und Frankreich gab es Beschwerden und teilweise Boykottaufrufe gegen Schweizer Ferienorte . Der Konsumentenschutz kritisierte die fehlende Transparenz und forderte eine klare Kennzeichnung (1 Euro = 1 Franken).
Macht nun die Deutsche Bahn 2026 dasselbe wie die Schweizer Tourismusindustrie in den 2000er Jahren? Wenn auch auf bescheidenerem Niveau?
Nein, sagt die Deutsche Bahn. «Unsere Kunden und Kundinnen im deutsch-schweizerischen Grenzverkehr können in der Bordgastronomie sowohl in Euro als auch in Schweizer Franken zahlen – in bar und mit Karte», betont ein Bahnsprecher. Zum Stichwort Wechselkurs hält er fest: «Wir bilden hier über einen längeren Zeitraum einen Mittelwert, da eine Echtzeit-Abbildung technisch nicht möglich ist.» Es sei der Deutschen Bahn «nicht bekannt», dass es zu diesem Thema vermehrt Kundenbeschwerden gebe. «Im Gegenteil», hält der Bahnsprecher fest. «Das niedrigere Preisniveau der DB-Bordgastronomie wird von unseren Fahrgästen in der Schweiz sehr geschätzt.»
Was sie unter dem «längeren Zeitraum» für den Mittelwert des Kurses versteht, gibt die Deutsche Bahn nicht bekannt. Klar ist: Der Euro war letztmals am 15. Januar 2023 stärker als der Schweizer Franken. Ein Euro war damals 1.0051 Franken wert. Seither ist der Franken stärker als der Euro. 2023 und 2024 bekam man im Schnitt 1.04 Euro für einen Franken. 2025 sogar 1.059 Euro. Über die drei Jahre hinweg also im Mittel 1,046. Damit kommen zum Frankenpreis, den die DB im Bistro verrechnet, noch jene 4,6 Prozent hinzu, die der Euro gegenüber dem Franken an Wert verloren hat. Schweizer Kunden zahlen also mit dem Franken total 25 Prozent höhere Preise: Wer für 100 Euro Essen und Getränke bestellt, bezahlt 125 Franken.
Die Schweizerischen Bundesbahnen SBB berücksichtigen die Kursrealitäten besser – und zwar sogar zu ihrem Nachteil. Sie verrechnen in ihrem Bahnrestaurant Getränke und Speisen zum Wechselkurs von 1 zu 1. Obwohl der Franken am Freitag 1.09 Euro wert war. (bzbasel.ch)
