Putin unter Druck: In Russland sind «Gurken das neue Gold»
Wladimir Putin gibt gerne den starken Mann. In einer Rede sagte er: «Unsere Truppen marschieren mit Zuversicht vorwärts und zermürben die feindlichen Streitkräfte.» Und US-Präsident Donald Trump glaubt es ihm gerne. «Die Russen haben die Oberhand, das hatten sie immer», sagte Trump einmal. «Sie sind viel grösser, sie sind viel stärker.»
Ein Ex-General in der Ukraine spricht hingegen von «alten KGB-Spielchen». Der heutige Militärberater Volodymyr Haverlov warnt, dass sich die USA und Europa von Putins Bluff nicht täuschen lassen dürfen. Er spiele nur den Unbesiegbaren, um sie zum Aufgeben zu bewegen. Die Ukraine achte nicht auf Putins Propaganda. Makaber begründet Haverlov dies so: «Wir töten seine Soldaten jeden Tag.»
Es ist daher für Putin sowohl peinlich als auch gefährlich, wenn Zeichen russischer Schwäche seiner Darstellung widersprechen. Wenn etwa eine Studie nichts erkennen kann von seinen an der Kriegsfront «mit Zuversicht vorwärts marschierenden Soldaten», sondern zu dem aus seiner Sicht geradezu boshaften Urteil gelangt: «Massive Verluste und winzige Gewinne für eine Macht im Niedergang.»
Die boshafte Studie wurde vom Zentrum für strategische und internationale Studien, CSIS, erstellt. Es veranschlagt die Verluste der russischen Streitkräfte auf 1,2 Millionen Soldaten – also Getötete, Verletzte oder Vermisste. Das CSIS-Zentrum veranschaulicht die immense Zahl von 1,2 Millionen mit folgendem Vergleich:
Für diese historisch hohen Verluste hat Putin laut Studie historisch wenig vorzuweisen. In den vergangenen zwei Jahren ist Putin bei seinen grössten Offensiven jeweils pro Tag nur um 15 bis 70 Meter vorangekommen. «Das ist langsamer als in den brutalsten Offensivkampagnen des letzten Jahrhunderts – darunter die berüchtigte blutige Schlacht am französischen Fluss Somme während des Ersten Weltkriegs.»
Die Wirtschaft ächzt unter der Last des Krieges
Die Wirtschaft ist ein anderer Schauplatz, auf dem Putin das gleiche KGB-Spielchen spielt. Laut dem Institut für Kriegsforschung (ISW) will er den Eindruck erwecken, die russische Wirtschaft könne den Krieg mit Leichtigkeit finanziell tragen.
In Wahrheit ächzt und krächzt die Wirtschaft unter der Last des Krieges. Insbesondere die Inflation plagt die Russinnen und Russen.
Einige weinen im Supermarkt. Andere sind wütend. Sie verzichten. Sie kaufen abends ein, wenn die sonst schlecht werdende Ware billiger angeboten wird, wie die «Moscow Times» berichtet. Humorbegabte Menschen jagen vor laufender Kamera Tauben nach oder werfen ihnen hungrige Blicke zu. Videos mit Beispielen für solchen Galgenhumor fluten die sozialen Medien.
Laut der britischen «Times» sind Gurken in diesen Videos zum inoffiziellen Symbol der Inflationsplage geworden. «Sie sind mittlerweile ein Luxusgut», klagt einer. Eine andere Person meint, sie esse stattdessen jetzt Mangos und Drachenfrüchte. Noch jemand hebt den schwarzen Humor eine Stufe höher:
Tatsächlich zeigen auch die offiziellen Zahlen, dass Gurken im Januar mit 34 Prozent den grössten Preisschub hatten. Nach mehreren solchen Sprüngen ist ihr Preis nun bei 400 bis 500 Rubel pro Kilogramm angelangt oder umgerechnet 5 Franken. Damit sind sie ähnlich teuer wie Schweinefleisch.
Den offiziellen Zahlen zufolge gibt es keinen Grund zu weinen. Zwar stiegen die Preise in den ersten drei Kriegsjahren um durchschnittlich zehn Prozent und 2025 nochmals um etwa halb so viel. Doch die Löhne sind weit stärker gestiegen. Die Russen sollten sich Gurken weiterhin leisten können.
Doch die Haushaltsbudgets erzählen eine andere Geschichte. Der «Moscow Times» berichtet eine Mutter, sie müsse auf Schönheitssalons verzichten und könne sich kaum mehr leisten, die Kinder in ihre Ausbildung und Kurse zu schicken. Ein Rentner isst nicht mehr auswärts und daheim nur noch selten Fleisch oder Fisch. Ein anderer war ein Jahr lang nicht mehr in einem Café und hat sich seit drei Jahren keine neuen Kleider gekauft.
Inflation zweimal so hoch wie in den offiziellen Zahlen
Ausländische Experten sind zum Urteil gelangt, dass die offiziellen Zahlen eine viel zu niedrige Inflation ausweisen. Eine Gruppe britischer Universitäten schätzt in einer Studie, dass die wahre Inflation in den ersten drei Kriegsjahren etwa doppelt so hoch war. Damit ergibt sich ein komplett anderes Bild von der russischen Wirtschaft.
Sie hat dann in den ersten Kriegsjahren keinen Boom erlebt. Korrigiert um die tatsächliche Inflation ist sie entweder stagniert oder leicht geschrumpft. Die Kaufkraft der Russen ist nicht angestiegen, sondern durchschnittlich um etwa 5 Prozent gesunken. Sogar Verluste von bis zu 20 Prozent gab es für Rentner und Arbeitnehmende in Berufen, die nicht vom Krieg profitierten.
Deshalb hat Putin es zunehmend mit einer wütenden Bevölkerung zu tun. Das musste ein regionaler Finanzminister erfahren, der im Übereifer den Februar zum Monat des Verzichts ausrief, wie die «Times» berichtet. Seine Mitbürger sollten das Sparen doch bitte als Spiel betrachten, meinte er. Seine Mitbürger geigten ihm daraufhin im Internet ihrerseits die Meinung. Er entschuldigte sich schnell.
Putin hat jedoch noch andere Sorgen als die Inflation. Die Ölpreise sinken und damit auch seine Einnahmen. Der Wirtschaft mangelt es an Arbeitskräften. Es gelingt ihr kaum, westliche Industriewaren durch eigene zu ersetzen. Die Bevölkerung altert rasch. Zudem türmen sich wacklige Kredite, weil er die Banken zu verlustbringenden Krediten an die Rüstungsindustrie zwingt.
Bankrotte verlaufen schleichend, dann schnell
Wenn alles so schlimm sein soll, kann man sich allerdings fragen, warum der russische Staat nicht längst in eine finanzielle Krise geraten ist? Dieser Frage ist auch ein Forscher eines polnischen Instituts nachgegangen, im Auftrag der Europäischen Kommission. Seine Antwort: Putin habe bereits vor Jahren damit begonnen, sich auf die Konfrontation mit den USA und der EU vorzubereiten – mindestens seit seiner Annexion der Krim im Jahr 2014.
Dafür habe Putin etwa ein eigenes Zahlungssystem aufbauen lassen. So machte er sich vom Dollar unabhängig und schützte sich somit vor US-Sanktionen. Zudem liess er eine Infrastruktur errichten, um das Internet zu kontrollieren. Doch allmählich laufe Putin die Zeit davon. Er könne das Überleben vielleicht noch ein oder zwei Jahre verlängern, ohne eine wirtschaftliche Krise zu riskieren.
Entgegen Putins Bluff hat Russlands Wirtschaft also schwer am Krieg zu tragen. Wie lange sie dem standhält, weiss niemand. Sicher ist, dass wirtschaftliche Krisen einem bestimmten Muster folgen. Dieses hat der amerikanische Schriftsteller Ernest Hemingway in einem Roman treffend beschrieben. Die Frage, wie er bankrottgegangen sei, beantwortet seine Romanfigur so:
(aargauerzeitung.ch)
