Schweiz
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Die Laeuferinnen starten zur 10 km Strecke mit Gabi Nyffeler-Berger, erste links, am 31. Schweizer Frauenlauf, am Sonntag, 11. Juni 2017 in Bern. (KEYSTONE/Thomas Delley)

Welche von diesen Läuferinnen wissen schon, dass der Berner Frauenlauf (jeweils im Juni) ihre Daten an die Krankenkasse KPT weitergibt? Bild: KEYSTONE

Veranstalter von Laufevents geben heikle Daten an Krankenkassen weiter

Im Gegenzug für die Unterstützung erhalten Versicherer von Volksläufen Kontaktangaben der Teilnehmer. Unwissend stimmen diese dem im Kleingedruckten zu. Der Konsumentenschutz fordert Anpassungen.

Barbara Inglin / ch media



Um die 14'000 Läuferinnen und Läufer stehen in rund vier Wochen am Luzerner Stadtlauf am Start. Was die meisten von ihnen wohl nicht wissen: Mit der Anmeldung zum Lauf haben sie eingewilligt, dass ihre Kontaktdaten an Drittfirmen weitergegeben werden. Dazu gehören nicht nur Firmen, die im Anschluss an den Lauf persönliche Fotos und Läufervideos verschicken, sondern auch die Krankenkasse ÖKK, welche den Lauf sponsert.

Die Versicherung darf die Läufer im Anschluss an den Lauf gezielt mit Werbung eindecken. Was sich die ÖKK die Läuferdaten kosten lässt, wollen die Veranstalter auf Anfrage nicht offenlegen. Die Krankenkasse dürfe die Daten aber nur «einmalig und zu einem genau bezeichneten Zweck» brauchen, betont der Veranstalter. Und sie kontaktiere nur Personen, von denen ein Einverständnis für die Kontaktaufnahme bestehe.

Nur – dass sie ihr Einverständnis gegeben haben, dürfte den wenigsten Läufern bekannt sein. Bei der Anmeldung müssen sie zwar den Datenschutzbestimmungen zustimmen. Diese umfassen aber über 12 000 Zeichen, was eine ganze Zeitungsseite füllen würde. Kaum jemand wird sich im juristischen Dschungel bis zum Punkt 10, «Weitergabe von Daten an Drittfirmen», durchkämpfen. Dort ist denn auch erst vermerkt, dass man per Mail oder Post die Datenweitergabe verbieten könnte. Gerade einmal fünf Läufer pro Jahr machen davon Gebrauch.

Sportler als beliebte Klientel

Ähnliche Bestimmungen wie der Luzerner Stadtlauf kennen viele grosse Schweizer Läufe. Beim Schweizer Frauenlauf in Bern mit ebenfalls rund 14 000 Läuferinnen etwa heisst es: «Die Teilnehmerinnen willigen ein, dass der Veranstalter die von ihnen angegebenen Personendaten zu Marketingzwecken bearbeiten und an Dritte weitergeben darf (beispielsweise Zusenden von Prospekten, Kontaktaufnahme durch Call Center).» Auch beim Frauenlauf fliessen die Daten an die Krankenkasse, welche den Anlass sponsert, in diesem Falle die KPT.

«Läufer sind zum grossen Teil gesundheitsbewusst und fit. Das ist für die Krankenkassen ein ideales Becken, um neue Kunden zu angeln»

Cécile Thomi, Konsumentenschutz

Diese darf die Daten für den eigenen Direktversand und andere Marketingzwecke benützen. Auch hier wird der Datenfluss über das Sponsoring abgegolten, zu einem nicht kommunizierten Betrag. Und auch hier gibt es – wohl aufgrund des Unwissens – kaum Läuferinnen, welche die Datenweitergabe verbieten.

Andere Veranstalter, wie der Grand Prix von Bern oder die Sola Stafette in Zürich, verzichten gemäss eigenen Angaben auf eine Datenweitergabe, obwohl auch sie sich von Krankenkassen sponsern lassen.

Cécile Thomi, Leiterin Recht beim Konsumentenschutz, erstaunt die Zusammenarbeit der Krankenkassen mit den Laufveranstaltern nicht. «Läufer sind zum grossen Teil gesundheitsbewusst und fit. Das ist für die Krankenkassen ein ideales Becken, um neue Kunden zu angeln», sagt sie. Dasselbe gelte für Benutzer von Fitness-Trackern, Ernährungsblogs oder Sport-Apps. «Wenn hier eine Krankenkasse als Sponsor auftritt, ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass Daten fliessen.»

Bedenklich sei dabei vor allem, sagt Thomi, dass das Vorgehen der Kassen vermutlich völlig legal ist. «Wenn auf Seite 25 der Datenschutzbestimmungen rechts unten und ganz klein vermerkt ist, dass die Daten zu Marketingzwecken weitergeleitet werden können, geht man davon aus, dass der Konsument sein Einverständnis gegeben hat. Obwohl die meisten sich dessen kaum bewusst sind.»

Käufer würden ihre Seele verkaufen

Dass die Vertragsmonster kaum gelesen werden, zeigte eindrücklich ein Aprilscherz der Firma Gamestation. Wer am 1. April 2010 beim britischen Spielehändler einkaufte und den Vertragsbedingungen zustimmte, übergab dem Unternehmen damit die Besitzrechte an seiner Seele. Fast 90 Prozent der Käufer waren damit einverstanden.

Gamestation verzichtete in der Folge freilich auf die Übernahme der 7500 Seelen. Eine britische Studie legte offen, dass Datenschutzbestimmungen im Schnitt gerade einmal eineinhalb bis zwei Sekunden lang gelesen werden. Würden die Allgemeinen Geschäftsbedingungen alle tatsächlich studiert, müsste jeder Mensch rund drei Monate im Jahr nichts anderes tun – Tendenz steigend.

Die Laeuferinnen starten zur 10 km Strecke am 29. Schweizer Frauenlauf, am Sonntag, 14. Juni 2015 in Bern. (KEYSTONE/Alessandro della Valle)

Am Berner Frauenlauf rennen 14'000 Sportlerinnen mit. Bild: KEYSTONE

Der Konsumentenschutz fordert bei der laufenden Revision des Datenschutzgesetzes deshalb Anpassungen. Statt seitenlangem Juristenfutter sollen die Konsumenten in einer kurzen, einfach formulierten Übersicht die wichtigsten Punkte vorgelegt bekommen – mit der Option, einzelne davon auszuschliessen.

Ob dies überhaupt gewünscht ist, ist eine andere Frage. Zumindest wenn ihnen ein finanzieller Vorteil winkt, sind viele Konsumenten bereit, nicht nur ihre Kontaktangaben, sondern auch Gesundheitsdaten preiszugeben. Eine aktuelle Umfrage des Vergleichdienstes Comparis zeigt, dass bereits heute 9 Prozent der Schweizer ihre Angaben aus Smartphone oder Fitnesstracker an ihre Versicherung liefern. Gegen eine Belohnung von 50 Franken würden gar 70 Prozent ihre Daten offenlegen.

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    Alle Leser-Kommentare
  • sikki_nix 08.04.2019 12:23
    Highlight Highlight Am meisten schockiert bin ich darüber, dass es tatsächlich 5 Menschen gibt, welche AGBs durchlesen. Was sind das bloss für leute?! Der Rest ist keine Überraschung!
  • Restless Lex 08.04.2019 10:24
    Highlight Highlight Auch das vollständige Lesen der AGBs von Datasport, welche die Anmeldung und Erfassung für viele Schweizer Läufe übernimmt, nutzt nur bedingt etwas. Man hat die Möglichkeit seine Daten beim Veranstalter über einen Privacy- Antrag einschränken zu lassen. Muss dies jedoch für jeden einzelnen Lauf vornehmen. Was aber eigentlich störend daran ist, dass man mit der Angabe "an Dritte" versteht, dass die persönlichen Angaben nur im Zusammenhang mit dem Lauf verwendet werden (z.B. für Fotos, Medaillen- oder Nummernversendungen usw.)!
  • Ass 08.04.2019 09:24
    Highlight Highlight Verwenden die Krankenkassen die Prämien überhaupt noch um medizinische Kosten zu begleichen oder geht alles für Löhne, Provisionen, Werbung, Sponsoring, Detektive,... drauf??????
  • Bijouxly 08.04.2019 09:18
    Highlight Highlight "Kaum jemand wird sich im juristischen Dschungel bis zum Punkt 10, «Weitergabe von Daten an Drittfirmen», durchkämpfen. "

    Tue ich immer. Sorry aber : Wem seine Daten nicht so wichtig sind, nicht die AGBs zu lesen im 21 Jhd ist selber schuld.
    • Out of Order 08.04.2019 12:40
      Highlight Highlight Das ist Quatsch. AGB und Datenschutzerklärungen sind für den Otto-Normalbürger unverständlich und nicht zumutbar. In Einzelfällen mag das funktionieren.

      Es braucht Gesetze, die den Nutzern auf klare und verständliche Art und Weise erklären welche Daten erfasst werden und wohin diese gehen. Ausserdem braucht es die direkt Opt-Out-Möglichkeit ohne Bindung an den Service (wie z.B. bei Gewinnspielen/Newslettern).

      Und ja, ich lese die AGB und Datenschutzerklärungen auch immer und habe auch oft Mühe damit. Ich mute das niemandem zu und das ist nicht realistisch, das zu fordern.
  • Kant 08.04.2019 08:31
    Highlight Highlight Sind solche AGBs überhaupt gültig?
  • nib 08.04.2019 08:19
    Highlight Highlight Mein Arzt hat sogar die Gesundheitsakte meiner ganzen Familie an eine andere Arztpraxis verkauft. Man mag von der EU denken was man will, aber mit GDPR hätte man endlich mal etwas mehr Kontrolle über seine Daten.
  • Xumidi23 08.04.2019 08:19
    Highlight Highlight Aber der/die dumme/r Schweizer/inn wollte einfach keine Einheitskasse!
    • Bits_and_More 08.04.2019 08:45
      Highlight Highlight 1. Gibt es berechtige Kritik an einer Einheitskasse
      2. Es zeugt nicht von einer guten Diskussionskultur, Menschen mit einer anderen Meinung als "Dumm" zu bezeichnen.
    • Michael Mettler 08.04.2019 08:51
      Highlight Highlight Der/die dumme/r Schweizer/in weiss dass dann die Krankenkassen noch aggressiver werden. Da man die Kosten für die Administration nicht mehr in die KVG-Prämie einrechnen kann wird der Druck nach mehr Versicherten noch grösser. Das gibt dann noch mehr Anstrengungen im Wettbewerb. Tscheggsch?
  • Nick_ 08.04.2019 08:06
    Highlight Highlight Titel: "Veranstalter geben HEIKLE Daten weiter"
    Text: Es werden nur die Kontaktdaten weitergegeben für Zusendung von Werbung.

    OK. Das sind ja mal sehr heikle Daten.

    Sie sollten die Weitergabe der Daten besser offenlegen (aktive Zustimmung) - aber sooooo dramatisch und heikel sind jetzt Kontaktdaten auch nicht.
  • egemek 08.04.2019 08:00
    Highlight Highlight Mich hat mal nach einem Lauf jemand von einer KK angerufen. War weder aufdringlich noch frech, also viel weniger nervig als die doofen Callcenter, die sonst immer anrufen.
  • Normi 08.04.2019 07:21
    Highlight Highlight 😂😂😂
    Benutzer Bild
    • @schurt3r 08.04.2019 07:40
      Highlight Highlight ...
      Benutzer Bildabspielen
    • Normi 08.04.2019 10:38
      Highlight Highlight Ihr könnt das gerne für morgen den fail Dienstag verwenden 😁😉
  • Michael Mettler 08.04.2019 06:40
    Highlight Highlight Echt? Da werden Daten weitergegeben?

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