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Pictured is Phil Zimmermann

Philip Zimmermann entwickelte PGP, das wichtigste Programm zur Verschlüsselung von E-Mails.
Bild: PRZ

Vater der E-Mail-Verschlüsselung warnt: «Überwachung verleitet eine Regierung dazu, die Privatsphäre der Bürger zu verletzen»

Seit heute werden Unterschriften gegen das neue Nachrichtendienstgesetz gesammelt. Das ist ganz im Sinne von Philip Zimmermann. Der Privatsphären-Pionier ist im Januar mit seiner Firma in die Schweiz gezogen, um den US-Behörden zu entkommen.



Der Geheimdienst bespitzelt das eigene Volk, auf Whistleblower warten drakonische Strafen, Gerichte zwingen Unternehmen zur Herausgabe von privaten Kundendaten: Philip Zimmermann, Erfinder der E-Mail-Verschlüsselung PGP, wurde es in den USA zu bunt – darum zog er Anfang Jahr in die Schweiz. Gerade rechtzeitig, um Zeuge zu werden, wie das Parlament die Kompetenzen des Schweizer Geheimdienstes verschärfen will.

Der Schweizer Geheimdienst erhält mehr Macht. Findest du das okay?

«Wir müssen unser Recht auf Privatsphäre einfordern», sagt Zimmermann zu watson. «Ich arbeite an der nötigen Technologie dafür, aber das ist nicht genug.» Die Menschen müssten ihre Regierungen unter Druck setzen, so der Pionier. Genau dies geschieht in der Schweiz: Die Gegner des neuen Nachrichtengesetzes haben heute mit der Unterschriftensammlung für das Referendum begonnen.

Der US-Amerikaner Zimmermann fühlt sich in Genf wohl. «Die Schweizer legen viel mehr Wert auf ihre Privatsphäre als meine Landsleute», sagt er. Auch der Schweizer Regierung gibt er gute Noten. Hier werde das Volk nicht wie in anderen Ländern unterdrückt. Aber: «Damit es so bleibt, muss man genau darauf achten, was sie tun.»

«Es ist wie beim Spam: Früher gab es kaum unerwünschte Briefe – jetzt werden unsere E-Mail-Fächer überflutet.»

Philip Zimmermann

Wenn einmal ein Überwachungsstaat eingerichtet ist, könne es schnell gehen. «Was, wenn jemand an die Macht kommt, der es mit den Menschenrechten nicht so genau nimmt?», so Zimmermann. Und: «Der Überwachungsapparat verleitet Regierungen dazu, die Privatsphäre der Bürger zu verletzen.»

Barack Obama sei ein gutes Beispiel dafür. Dieser habe sich vor seiner Wahl noch gegen eine Bespitzelung des Volkes ausgesprochen. Dann habe er einen Überwachungsapparat von der Bush-Regierung übernommen, sei der «Versuchung der Macht erlegen» und habe diesen noch ausgebaut.

Keine Freiheit ohne Privatsphäre

Zimmermann vergleicht die Gefahren der technischen Überwachung mit unerwünschter Werbepost, mit Spam. «Früher gab es vielleicht einen oder zwei Briefe pro Woche, das war kein grosses Problem.» Aber mit der E-Mail-Technologie änderte sich das schlagartig. Seither landen täglich Unmengen an Spam-Nachrichten in unseren Mailboxen.

«Die technischen Möglichkeiten verleiten dazu, sie zu missbrauchen. Das ist bei der Überwachung genau gleich wie beim Spam», sagt Zimmermann. Mit einem mächtigen Überwachungsapparat werde die Arbeit der Geheimdienste und der Polizei reibungslos – dabei sei es gut, wenn sich diese bei ihrer Arbeit ein bisschen anstrengen müssen.

«Die Privatsphäre ist ein Menschenrecht. Sie erlaubt es uns, andere Freiheiten wie die Redefreiheit auszuüben», sagt Zimmermann. Wer weiss, dass er jederzeit überwacht werden kann, beginne, sich selbst zu zensieren. «Ohne Privatsphäre vor dem Staat gibt es keine Freiheit, und politische Opposition ist unmöglich.»

PGP («Pretty Good Privacy»)

«Heute können E-Mails automatisch nach bestimmten Schlüsselwörtern gescannt werden, in einem grossen Rahmen. Es ist wie das Fischen mit einem Netz.» Der Satz, den Philip Zimmermann 1991 schrieb, erscheint heute geradezu visionär. Er gehört zu der Anleitung der ersten Version von PGP, oder «Pretty Good Privacy».

​Zimmermann schrieb das Programm damals, damit Menschen, vor allem Aktivisten, verschlüsselte Nachrichten austauschen können und so vor den Augen der Geheimdienste geschützt sind.

Heute ist PGP die meistgenutzte Software, um E-Mails zu verschlüsseln. Sie wird von Aktivisten, Journalisten, Anwälten und Whistleblowern​ auf der ganzen Welt verwendet. Edward Snowden wartete Monate, bis der «Guardian»-Enthüller Glenn Greenwald endlich lernte, das Programm zu benutzen, bevor er überhaupt mit ihm kommunizierte. (rey)

Zimmermann hat sein Unternehmen «Silent Circle» nach Genf umgesiedelt, um sich vor den US-Behörden in Sicherheit zu bringen. Obwohl es sich nicht konkret abzeichnete, wollte er dem Schicksal des sicheren E-Mail-Dienstes Lavabit entgehen. Lavabit machte dicht, nachdem ein Gericht das Unternehmen zwang, private Benutzerdaten herauszugeben. «Silent Circle» bietet verschlüsselte Internet-Telefonie und abhörsichere Smartphones («Blackphones») an.

«Ohne Privatsphäre vor dem Staat gibt es keine Freiheit, und politische Opposition ist unmöglich.»

Philip Zimmermann

Der Ruf der Schweiz leidet

Dass etwas Vergleichbares hierzulande geschieht, ist unwahrscheinlich. Trotzdem sind Cybersicherheits-Unternehmen, die sich bewusst die Schweiz als Standort ausgesucht haben, unglücklich über die geplante Gesetzesänderung. Andy Yen, Gründer von Protonmail, sagte bei einer früheren Gelegenheit zu watson: «Privatsphäre und Cybersicherheit gehören traditionell zu den zwei grössten Stärken der Schweiz. Es ist ein grosser Fehler, sich davon abzuwenden».

Gegen das neue Nachrichtendienstgesetz haben mehrere linke Parteien und Gruppierungen das Referendum ergriffen. Sie haben bis zum 14. Januar 2016 Zeit, 50'000 Unterschriften einzureichen. Mit dem Gesetz dürfte der Nachrichtendienst des Bundes (NDB) Telefone abhören, Privaträume verwanzen und in Computer eindringen. Die Befürworter sind der Ansicht, der Nachrichtendienst brauche mehr Kompetenzen und zeitgemässe Mittel.

Das «Bündnis gegen den Schnüffelstaat», bestehend aus Juso, Grünen- und SP-Vertretern sowie Organisationen wie der Digitalen Gesellschaft oder Grundrechte.ch fürchten tiefgreifende Eingriffe in die Privatsphäre. Ohne Verdacht könnten die Behörden das Leben von Bürgerinnen und Bürgern überwachen. 

Auch der Menschenrechtskommissar des Europarats kritisiert das Gesetz. In einem Brief an Verteidigungsminister Ueli Maurer spricht Nils Muižnieks von einer «ernsthaften Bedrohung für das Recht auf Respekt des Privatlebens».

(Mit Material der Nachrichtenagentur SDA)

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