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Wie die Schweiz das Coronavirus mit Big Data eindämmen will

Das Bundesamt für Gesundheit plant, per Handydaten zu prüfen, ob die Schweizer Bevölkerung die Anweisungen des Bundesrats befolgt.

Fréderic Härri / ch media



Big Data

Das Bundesamt für Gesundheit plant, per Handydaten zu prüfen, ob die Schweizer Bevölkerung die Anweisungen des Bundesrats befolgt.

Jeder von uns hat es Tag für Tag in der Hosentasche: das Smartphone, das uns ausfindig macht, das via GPS, WLAN und Mobilfunk verrät, wo wir sind und wo wir waren. Im Versuch, die Verbreitung des Corona-Virus zu bremsen, will sich das der Bund zu Nutze machen. Um zu überprüfen, ob sich die Menschen an die neuen Vorgaben des Bundesrats halten, könnte er schon bald auf digitale Überwachung zurückgreifen.

Am letzten Donnerstag sagte Daniel Koch vom Bundesamt für Gesundheit (BAG), man prüfe, ob man via Handydaten herausfinden könne, ob und wo sich die Leute zu nahe kommen. Ein Sprecher des Datenschutzbeauftragten bestätigte am Folgetag, dass beim BAG ein entsprechendes Projekt in Planung sei. Die Schweiz würde damit dem Beispiel anderer Staaten folgen, die bereits Informationen über die Bewegungen der Bevölkerung sammeln und daraus Profile erstellen.

China: Handys in Echtzeit geortet

Die chinesischen Behörden haben Millionen von Smartphones getrackt. Damit wurden Bewegungsprofile erstellt und Infektionsketten zurückverfolgt. Fälle werden aktiv gesucht. Die drei grossen Telekomanbieter teilen die Daten unter anderem mit der Nationalen Gesundheitskommission. Jeder Bürger, der ein Handy bei sich trägt, kann jederzeit geortet werden. Laut den Behörden wurde die Pandemie durch das «Mobile Tracking» grossflächig gestoppt, es gebe keine lokalen Infektionen mehr. (frh)

Marc Ruef, IT-Sicherheitsexperte bei der Zürcher Firma Scip, weiss, wie solche Bewegungsprofile aussehen. Er betrachtet sie als geeignete Mittel, um die Ausbreitung von Covid-19 einzudämmen. «Grössere Ansammlungen von Menschen könnte man frühzeitig erkennen und von der Polizei auflösen lassen.» Zudem liessen sich auf diese Weise Infektionswege nachvollziehen. Bewegungsprofile würden allgemein helfen, gesellschaftliches Verhalten besser zu verstehen, sagt Ruef, der auch an künftige Krisensituationen denkt: «Bei kommenden Pandemien könnten wir effizienter reagieren.»

An der technischen Machbarkeit dürfte die Nutzung von Big Data indes nicht scheitern. Ruef erklärt, es sei vergleichsweise wenig aufwendig, die Daten der Mobiltelefone zu sammeln. «Technologie und Infrastruktur sind vorhanden, Mobilfunkanbieter können die Bewegungsdaten direkt an die Bundesstellen weitergeben.»

Südkorea: Patienten auf der Livekarte

Die Regierung Südkoreas verschickt SMS auf Handys, um die Menschen zu sensibilisieren. Mit Hilfe anonymisierter GPS-Daten, Kreditkartenhistorien, Bildern von Überwachungskameras sowie Patientenbefragungen werden detaillierte Reisemuster erstellt. Auch Alter und Geschlecht von Patienten werden veröffentlicht. Auf einer Livekarte ist verzeichnet, wo sich infizierte Personen aufhalten. Zudem gibt es eine App, die kontrolliert, ob sich Bürger an die Vorgaben der Quarantäne halten. (frh)

Letztlich liegt es aber am Bund, der entscheiden muss, wie weit er bei der Bekämpfung des Virus geht. Rein rechtlich bleibt ein grosser Spielraum: Da seit letzter Woche die ausserordentliche Lage gilt, haben die Behörden weitreichende Kompetenzen bei der Beschaffung von Personendaten. Dass Fragen bezüglich Datenschutz da nicht weit sind, liegt auf der Hand.

An einer Medienkonferenz am Samstag beschwichtigte das BAG. Der Bundesrat prüfe die Möglichkeit, anhand der Mobiltelefon-Bewegungen eine Karte zu erstellen, um Corona-Fälle zu identifizieren. Es gehe aber nicht darum, ein Tracking-System aufzubauen wie im asiatischen Raum, sagte Daniel Koch. Die Daten blieben anonymisiert, die Behörden hätten kein Tool, womit sie den Aufenthaltsort der Menschen in Echtzeit verfolgen können. Man werte immer nur Vergangenheitsdaten aus.

Noch geht der Persönlichkeitsschutz vor

Auch Martin Dumermuth, Direktor des Bundesamts für Justiz, wischte datenschutztechnische Bedenken beiseite: «Die Daten können nicht mit realen Personen verknüpft werden.» Das BAG bestätigt diese Informationen auf Anfrage von CH Media. Ein Sprecher ergänzt: «Allfällige Massnahmen müssen immer konform mit dem Datenschutzgesetz sein.»

Israel: Vom Geheimdienst überwacht

Israel nutzt bei der Bekämpfung des Corona-Virus Methoden, die an den Anti-Terror-Kampf erinnern. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hat die Geheimdienste ermächtigt, Handy-Daten zu sammeln, um Personen auszumachen, die mit Infizierten in Kontakt standen. Eine israelische Sicherheitsfirma, die bekannt für ihre Spionagesoftware ist, hat ein Tracking-Tool entwickelt. 400 Menschen wurden am Donnerstag, dem ersten Tag der Massenüberwachung, in Quarantäne geschickt. (frh)

Den gleichen Ton schlägt auch Marc Ruef an: «Datenschutz wird in der Schweiz grossgeschrieben.» Der Persönlichkeitsschutz soll also so weit wie möglich aufrechterhalten werden. Das bedeutet aber keineswegs, dass damit das letzte Wort gesprochen ist. Wahrnehmungen könnten sich schnell ändern und die gesetzlichen Rahmenbedingungen kurzfristig angepasst werden, sagt Ruef. «Wir sind in einem Ausnahmezustand.» (aargauerzeitung.ch)

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