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Christoph Blocher in seinem neuen unterirdischen Privatmuseum. Von diesem Standort aus hat man einen einzigartigen Blick und sieht vier von insgesamt acht Räumen. bild: chris iseli

SVP-Doyen Blocher zeigt sein neues unterirdisches Museum und spricht über Reichtum und Tod

Mit 80 Jahren hat Christoph Blocher soeben sein neues unterirdisches und privates Museum eröffnet. Der vielleicht prägendste Schweizer Politiker seit dem Zweiten Weltkrieg spricht offen über Reichtum, seine Familie und den Tod.

Othmar von Matt / ch media



Museum der Schönheit

Das unterirdische Museum erreicht man über eine Treppe. Christoph Blocher hat es eben erst fertiggestellt. Der Fotograf darf keine Bilder von der Eintrittstüre machen. Das ist zu heikel.

Es ist mucksmäuschenstill in den acht Räumen. Statt Holzböden gibt es Teppichböden, statt Tageslicht nur Kunstlicht. Blochers Frau Silvia hat die Räume mit einem Architekten so gestaltet, dass sie zum Museum des Durchblicks werden: Sie ziehen den Besucher von einem Raum in den nächsten. Stumpfe Winkel sorgen für eine perfekte Sicht, eine geschickte Beleuchtung von zwei ineinander verschachtelten Decken erzeugt in den Räumen die Illusion von Gewölben.

Blocher hat in den letzten Jahrzehnten eine Sammlung von Schweizer Malern aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert angelegt. Total 600 Bilder kaufte er. Ihr Wert wird auf über hundert Millionen geschätzt.

Gleich drei Räume im Museum sind Albert Anker (1831 bis 1910) gewidmet, dem Berner Maler des Schweizer Volkslebens. Zwei Räume hat Ferdinand Hodler (1853 bis 1918) erhalten, ein Maler des Symbolismus und des Jugendstils. Und je einen die Giacomettis, Adolf Dietrich (1877 bis 1957, naive Malerei) und Robert Zünd (1827 bis 1909, Naturmaler).

Zentrum seines Bild-Universums ist Albert Anker. Von ihm besitzt Blocher 360 Ölbilder, Aquarelle, Zeichnungen und Skizzen. Es ist die weltweit grösste Anker-Sammlung.

«Mit 80 Jahren habe ich langsam herausgefunden, warum mich die Anker-Bilder so stark anziehen», sagt Blocher. «Sie strahlen Seelenwärme aus, die aus dem Inneren kommt.» Anker zeige die «Schönheit des Alltags», mache deutlich, dass die Welt nicht verloren sei: «Siehe, die Welt ist nicht verdammt.»

«Mit 80 Jahren habe ich langsam herausgefunden, warum mich Anker-Bilder so stark anziehen. Sie strahlen Seelenwärme aus.»

Für Blocher ist Ankers Aussage und Arbeit von «grosser biblischer Wahrheit» – und sie ist die «unternehmerische und politische Grundlage meiner Arbeit». Schon mit 20 Jahren wollte Blocher Anker-Bilder kaufen, hatte aber kein Geld dafür. 1975 erstand er an einer Auktion für 900 Franken eine Bleistiftzeichnung. Sie ist heute gut 3000 Franken wert.

Für den Bau des Museums galt die Devise «Schönheit, nicht Rentabilität», sagt Blocher. «Was wir hier gemacht haben, bleibt.» Seine Kinder haben zugestimmt, das Museum auch nach seinem Tod weiterzuführen. Es ist ein Privatmuseum, ein Bilderlager, nicht öffentlich zugänglich. Von hier aus sollen die Bilder in die ganze Welt ausgeliehen werden.

Reichtum der Blochers

Christoph Blocher konnte sein privates Museum bauen, weil die Familie Blocher heute zu den reichsten Familien der Schweiz zählt. 15 bis 16 Milliarden Franken beträgt ihr Vermögen gemäss «Bilanz». Die Blochers lagen damit 2020 auf Rang 5. Ihr Familienvermögen wuchs in diesem Jahr um sagenhafte 4 Milliarden – so viel wie kein anderes in der Schweiz.

Ob es 16 Milliarden sind, weiss Blocher nicht. «Ich kann nicht sagen, ob das stimmt.» Doch was bedeutet ihm Geld? «An sich nichts», behauptet er. «Es ist nur ein Mittel, um es einzusetzen.» Er habe stets gewusst, dass er Geld brauche, um Schulden zu tilgen und die Unternehmen weiterzuentwickeln. «Ein armer Unternehmer ist ein schlechter Unternehmer. Es braucht nicht Geld – sondern Vermögen.»

«Ein armer Unternehmer ist ein schlechter Unternehmer. Es braucht nicht Geld - sondern Vermögen.»

1983 übernahm Blocher die Aktienmehrheit der Ems-Chemie. Dafür musste er bei der Bankgesellschaft 24 Millionen Franken aufnehmen. Er erhielt sie unter einer Bedingung: dass er alles einschoss, was er besass – rund eine Million Franken, das heisst sein Haus. Es standen 3000 Arbeitsplätze auf dem Spiel. Das US-Unternehmen General Electrics wollte die Ems-Chemie zwar für 20 Millionen Franken kaufen, aber die Hälfte der Belegschaft entlassen. Blocher forcierte das Geschäft mit neuen Kunststoffen. In den nächsten Jahren expandierte er und übernahm mehrere Firmen, unter anderem 1987 die Schweizerische Sprengstoff-Fabrik AG (SSF), den heutigen Chemiekonzern Dottikon ES.

Als Christoph Blocher am 10. Dezember 2003 in den Bundesrat gewählt wurde, verkaufte er seine Mehrheitsbeteiligung an der Ems-Chemie Holding per 30. Dezember 2003 an seine vier Kinder. Seine Tochter Magdalena Martullo, heute 51 Jahre alt, übernahm die Leitung des Unternehmens. Sie sollte den Wert der Ems-Chemie in den kommenden 17 Jahren vervielfachen.

2005, noch als Bundesrat, versammelte Blocher die Familie. «Vielleicht werde ich 100 Jahre alt», sagte er – und blickte seine älteste Tochter Magdalena an. «Und wenn ich 100 bin, bist du über 70, und erst dann würdest du Unternehmerin.» Deshalb schlage er vor, das Erbe aufzuteilen, gedanklich fünf Häufchen zu machen: eines für ihn und seine Frau und je eines für die vier Kinder. «Nicht Geld gibt es zu verteilen, sondern Unternehmen», sagte Blocher. «Dann seid ihr schon sofort Unternehmer.»

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Die Familie Blocher. Vordere Reihe von links: Magdalena Martullo-Blocher, Christoph Blocher, Rahel Blocher. Hintere Reihe von links: Silvia Blocher, Markus Blocher, Miriam Baumann-Blocher bild: Marc Wetli (Herrliberg, 8. November 2002)

Damit waren alle einverstanden. So übernahm Markus Blocher (50) 2005 die alleinige Mehrheit der börsenkotierten Spezialchemiefirma Dottikon ES, deren Geschäftsführer er ab 2003 war. Miriam Baumann-Blocher (46) übernahm 2007 das Läckerli Huus in Frenkendorf BL. Und Rahel Blocher (44), Geschäftsführerin von Robinvest, ist inzwischen Verwaltungsratspräsidentin der Zeitungshaus AG und der Swiss Regiomedia AG.

Das Unternehmerblut haben die vier Kinder von Blocher. Es muss damit zusammenhängen, dass sich die Kinder jeweils im Pyjama auf der Eckbank in der Küche versammelten, wenn er gegen 20.30 Uhr aus dem Büro zurückkehrte und seine Geschichten erzählte. Die Kinder sogen sie auf. «Vielleicht haben sie da ihre Führungseigenschaften erhalten», sagt Blocher.

Nicht immer herrschte nur eitel Sonnenschein bei Blochers. Gerade Magdalena Martullo rebellierte in der Pubertät gegen den Vater. Sie werde sicher nie für ihn bei der Ems arbeiten, sagte sie. Das müsse sie auch nicht, entgegnete Blocher.

«Ich habe genug gute Leute.»

Er sagte den Kindern jeweils, sie sollten Psychologie oder Soziologie studieren. «Ich wusste: Dann machen sie genau das Gegenteil», erzählt er lachend. «Und so kam es.»

Magdalena Martullo geht noch heute ihren eigenen Weg. «Sie will eine eigenständige Persönlichkeit sein, nicht immer die Tochter des Vaters», sagt Blocher. Und hält fest, dass er und Magdalena politisch wenig Kontakte haben – auch wenn man das nicht glauben könne.

Wie kommt es, dass die Blochers alle so erfolgreich sind? «Ich weiss es auch nicht», sagt Christoph Blocher. Der Filmer Jean-Stéphane Bron versuchte im Dokumentarfilm «L’Expérience Blocher» zu ergründen, welches Geheimnis hinter Blocher steht. Doch auch ihm blieb nur ein Rätsel. Blocher meint: «Ich kann dazu nur sagen: Siehe, die Welt ist nicht verdammt.»

Apologet der Souveränität

Unabhängigkeit und Souveränität der Schweiz ist für Blocher seit den 1980er-Jahren das dominierende politische Thema. 1992 erreichte es mit dem EWR-Nein einen ersten Höhepunkt. Noch heute sieht sich Blocher die Schweiz an wie ein Anker-Bild – und fragt sich: «Weshalb steht dieses kleine, von Natur aus mausarme Land ohne Bodenschätze und Meeranschluss und mit einer komplizierten Struktur besser da als andere Länder?» Das Geheimnis sind für ihn die dauernde bewaffnete Neutralität, der Föderalismus, die direkte Demokratie, die freiheitliche Verfassung.

ARCHIVBILD ZUR MELDUNG, DASS SICH CHRISTOPH BLOCHER VOLLSTAENDIG AUS DER POLITIK ZURÜCKZIEHEN WIRD --- Nationalrat und EWR-Beitrittsgegner Christoph Blocher, mit Zigarre im Mund, laeutet am 30. November 1992 in Buetschwil, Kanton St. Gallen, mit Hilfe der Mosnacher

Nationalrat Christoph Blocher läutet im November 1992 den Endspurt zur EWR-Abstimmung ein - mit den Mosnacher «Trichlerfründe». Bild: keystone

29 Jahre nach dem EWR-Fight, am 26. Mai 2021, hat Christoph Blocher wieder «einen grossen Tag» erlebt, wie er einräumt. An jenem Tag beerdigte der Bundesrat den Rahmenvertrag. Blocher schlägt versöhnliche Töne an, wie man sie sich von ihm nicht gewohnt ist, lobt den Bundesrat. «Ich hätte nie gedacht, dass er den entsetzlichen Rahmenvertrag kippt, der zum Untergang der Schweiz geführt hätte», sagt er. Diese Leistung der Regierung müsse gewürdigt werden, immerhin habe sie über ihren Schatten springen müssen.

Das Begräbnis feiert die SVP mit einem «Gedenktag» am 26. Juni. Der Gedenktag ist aber auch ein Mahntag, wie Blocher betont: «Hütet euch. Noch ist die Schweiz nicht gerettet.»

Damit beginnt für den 80-Jährigen ein neuer Auftrag. «Was muss ich tun?», fragt er rhetorisch. «Wache stehen!» Das sei nötig – und das will Blocher auch tun, bis der Bundesrat jenen Satz beschliesst, auf den der SVP-Doyen ein halbes Leben lang wartet: «Wir schliessen in Zukunft keine bilateralen Verträge ab, die eine institutionelle Anbindung der Schweiz bezwecken.»

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Christoph Blocher (zweiter von links) schwört den Amtseid als neu gewählter Bundesrat. bild: keystone

Keinen Durchbruch schaffte er aber bei der Souveränität in seiner Bundesratszeit. «Bei der institutionellen Anbindung an die EU stiess ich im Bundesrat immer an», räumt er ein. «Aber zu jener Zeit konnte kein Rahmenvertrag beschlossen werden.»

«Bei der institutionellen Anbindung an die EU stiess ich im Bundesrat immer an. Aber zu jener Zeit konnte kein Rahmenvertrag beschlossen werden.»

Soll dereinst Tochter Magdalena Martullo im Bundesrat vollenden, was Blocher nicht schaffte? «Ich hoffe nicht, dass Magdalena Bundesrätin wird», sagt er. «Aber ich habe keine Angst. Sie muss und will nicht.»

Einen kleinen Spalt lässt er dennoch offen. «Wenn sie muss, wird sie es tun. So, wie ich es auch tat.»

Tod und Auferstehung

Winston Churchill und Konrad Adenauer hat Christoph Blocher Zeit seines Lebens als Vorbilder hingestellt. Beide, sowohl der bedeutendste britische Staatsmann des 20. Jahrhunderts wie der erste Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, starben erst mit 91 Jahren. Möchte auch Blocher so lange leben?

Auf die Frage geht er gar nicht erst ein. Er antwortet mit einer allgemeinen Aussage: «Ich bin heute in der Lage zu sagen: Jeder Tag ist ein Geschenk.» Er zeigt in Richtung Berner Alpen, die von Herrliberg aus zu sehen sind. «Da leuchten die Berner Oberländer, angefangen vom Finsteraarhorn bis zur Silberlücke, Mönch, Eiger, Jungfrau. Und in der Mitte ist das Rosenhorn.»

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«Wir sterben und sind erlöst»: Christoph Blocher. bild: chris iseli

Das sei der wichtigste Gipfel der Berner Alpen, meint er lachend: «Er liegt in meiner Heimatgemeinde Schattenhalb.» Dorthin war sein Ururgrossvater Johann Georg Blocher 1833 als Reformpädagoge eingewandert. 1861 erhielt er dort das Bürgerrecht – gegen zwei Jahreslöhne.

Als theologisch gebildeter Mensch hat Blocher «ein ungequältes Verhältnis zum Tod», wie er sagt. «Der Tod ist Teil des Lebens. Ich bin nicht beunruhigt, dass ich sterbe – und das vielleicht schon bald.» Er wisse: «Wir sterben, und wir sind erlöst.» Er glaube an die Auferstehung.

«Der Tod ist Teil des Lebens. Ich bin nicht beunruhigt, dass ich sterbe - und das vielleicht schon bald.»

Blocher beschäftigen Alterssorgen. Er lässt sich bei einem Arzt regelmässig auf Alzheimer untersuchen. «Mein Namensgedächtnis ist schlechter geworden», hat er bemerkt. «Doch mein Arzt sagt mir, für einen 80-Jährigen sei es blendend.» Dennoch will er Vorsichtsmassnahmen treffen. Sollte er Alzheimer bekommen, «müsste man dafür sorgen, dass ich bei der SVP nicht mehr dreinrede».

2020 hat ihm ein böser Sturz im Oberengadin zu schaffen gemacht. Blocher blieb auf dem Abstieg an einem Stein hängen, kippte vornüber auf den Kopf. Eine tiefe Platzwunde war die Folge. «Ich hatte viel Glück», sagt er. «Die Verletzung war gravierend. Noch immer habe ich ein Loch im Kopf. Doch zum Glück kam es zu keiner Hirnverletzung.» Dieser Kopf breche nicht wegen eines Sturzes, habe ihm der Arzt gesagt, erzählt Blocher lachend.

Diesen Sturz versteht er nicht als Vorbote «eines nahenden Todes». Er habe einfach nicht aufgepasst. Noch heute geht Blocher jedes Jahr im Hochgebirge auf die Hirschjagd. «Ich mache es aber sorgfältig, mit einem Stecken in der Hand.»

Doch weshalb liess er mit 80 Jahren noch ein privates Museum bauen? Blocher antwortet mit einer Analogie. «Als man Luther fragte, was er tun würde, wenn er morgen sterben würde, antwortete er: Einen Apfelbaum pflanzen.»

Bleibendes beeindruckt Blocher. Andere würden von einem Vermächtnis sprechen. (bzbasel.ch)

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Die Seven Thinking Steps von Magdalena Martullo-Blocher

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Blochers erste Begegnung mit Siri

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