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7 etwas andere Erkenntnisse aus der Schweizerischen Kriminalstatistik  



Das Bundesamt für Statistik (BFS) hat heute die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) für das Jahr 2016 veröffentlicht. Seit 2009 werden gemeldete und registrierte Straftaten detailliert aufgezeichnet. Allgemein bekannt ist, dass die Vermögensdelikte eher zunehmen, die Gewaltdelikte eher zurückgehen und die Jugendgewalt komplett eingebrochen ist. 

Neben diesen erwartbaren Zahlen gibt aber jede Kriminalstatistik auch interessante Einblicke in die Schweizer Alltagskriminalität, die Polizeiarbeit und das Zustandekommen der Statistiken. 

 Häusliche Gewalt steigt wegen Formular-Änderung an

Häusliche Gewalt

Häusliche Gewalt: Hat gemäss der Statistik sprunghaft zugenommen. In der Realität wohl eher nicht.  Bild: Keystone

Weitherum wird heute die Schlagzeile zu lesen sein, dass die häusliche Gewalt, also üblicherweise die Gewalt, die Lebenspartner an ihren Lebenspartnerinnen verüben, nach einem zwischenzeitlich starken Anstieg wieder ein wenig abgenommen hat. Das ist vermutlich Humbug, da man nach gesundem Menschenverstand davon ausgehen kann, dass jedes Jahr etwa gleich viele Männer gegen ihre Frauen und Freundinnen tätlich werden und jedes Jahr etwa gleich selten der umgekehrte Fall eintrifft. 

Vielmehr ist der Anstieg bei der häuslichen Gewalt in der Schweizerischen Kriminalstatistik in den vergangenen Jahren auf eine Änderung in einem Formular für Polizeirapporte zurückzuführen, wie das Bundesamt für Statistik im Kleingedruckten schreibt: 

Anders als bei den anderen Kantonen ist die Geschädigten-Beschuldigten-Beziehung erst seit Mai 2015 im Kanton Zürich zu einem Pflichtfeld bei der Rapportierung von Straftaten gegen Leib und Leben bzw. gegen die sexuelle Integrität geworden.

PKS, Jahresbericht 2016, Seite 64.

Die Drogenkriminalität nimmt wegen Bussen ab 

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Weiter wird die Schlagzeile zu lesen sein, dass der Drogenhandel auf hohem Niveau konstant bleibt. Das stimmt natürlich, trotzdem nehmen seit 2013 die Anzeigen wegen Übertretungen oder Verstössen gegen das Betäubungsmittel-Gesetz gemäss Kriminalstatistik massiv ab. Waren es 2012 noch rund 93'000 Anzeigen, waren es 2016 nur noch rund 82'000. Der Löwenanteil dieser Abnahme liegt in der Kategorie «Besitz/Sicherstellung Übertretung» verborgen. Als «Übertretung» wird strafrechtlich die Kategorie der harmlosesten Delikte bezeichnet, es sind also vor allem diejenigen, die mit geringen Mengen Gras erwischt worden sind. 

Die Zahl der Anzeigen ist von rund 30'000 auf 24'000 Stück gesunken in dieser Kategorie, die Zahl der Anzeigen wegen Konsums ist von 46'000 auf 39'000 zurückgegangen. Die Ordnungsbussen für Konsum und Besitz von kleinen Mengen Cannabis entlastet also die Strafverfolgungsbehörden und die Kriminalstatistik, wie auch das BFS bestätigt: 

Am 1. Oktober 2013 ist eine Änderung des Betäubungsmittelgesetzes in Kraft getreten. Der Konsum eines Betäubungsmittels des Wirkungstyps Cannabis durch Erwachsene kann nun mit einer Ordnungsbusse bestraft werden, wenn die Menge des Mittels zehn Gramm nicht übersteigt. Die Anzahl Ordnungsbussen ist in den Grafiken/Tabellen nicht ersichtlich.

PKS, Jahresbericht 2016, Seite 67.

 Der urbane Velobesitzer sollte nicht in Basel leben 

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PKS, Jahresbericht 2016, Seite 19.

Die Tabelle 7 der Kriminalstatistik für das Jahr 2016 ist insbesondere für die urbanen Velo-Besitzer interessant. Sie gibt an, in welchen Städten welche Vermögensdelikte wie häufig vorkommen. Basel ist bei den Fahrraddiebstählen mit einem Wert von 15 Spitzenreiter, Schaffhausen mit einem Häufigkeitswert von 2 für Velobesitzer die bedenkenloseste Stadt. Ein Hinweis noch für alle E-Bike-Besitzer: E-Bikes sind bei Velodieben genauso beliebt, wie andere hochwertige Fahrräder. Die Zahl der E-Bike-Diebstähle hat von 2015 auf 2016 um über 50 Prozent und damit stärker als die Verkaufszahlen zugenommen. 

In GL, AI und UR ist Auto abschliessen fakultativ 

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PKS, Jahresbericht 2016, Seite 18.

In den Kantonen Glarus, Appenzell Innerrhoden und Uri wurden 2016 praktisch keine Motorfahrzeuge (MfZ) gestohlen. Das Bundesamt für Statistik führt die Fälle von MfZ-Diebstählen in diesen Kantonen in der entsprechenden Promille-Fallstatistik nicht an, will heissen, es gab in jedem dieser Kantone weniger als zehn polizeilich registrierte Motorrad- oder Autodiebstähle. 

Polizei kann nichts für die Aufklärungsquote 

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PKS, Jahresbericht 2016, Seite 42.

Eine gute Nachricht ist die sinkende Anzahl an Fällen von Exhibitionismus. 2016 wurden rund 7 Prozent weniger Straftaten in Bezug auf Exhibitionismus vermeldet. Hingegen ist die Aufklärung dieser Fälle im Vergleich zu anderen Straftaten gegen die sexuelle Integrität (Nötigung, Vergewaltigung, Pornografie) extrem niedrig. Soll heissen: Exhibitionisten werden in 47,5 Prozent der Fälle weder gefunden noch bestraft.

Das Beispiel der Exhibitionisten zeigt, dass eher die Art des Delikts für die Aufklärungsquote verantwortlich ist und nicht die polizeilichen Ressourcen oder die Polizeiarbeit auf einem bestimmten Gebiet. Tötungsdelikte oder Fälle von sexueller Gewalt haben deswegen eine viel höhere Aufklärungsquote, weil sich Täter und Opfer – nicht wie bei Exhibitionismus – oft kennen. 

Einbruch-Prävention wirkt 

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Einen neuen Tiefstand gab es bei den Einbrüchen. Zählt man die Einschleichdiebstähle hinzu, kam es 2016 pro Tag zu 127 polizeilich registrierten Einbrüchen. Am meisten Einbrüche pro Tag wurden im Jahr 2012 mit 201 notiert. In vier Jahren hat sich die Zahl der Einbrüche fast halbiert. Seit Einführung von Schengen bis noch vor wenigen Jahren waren insbesondere Gemeinden in Autobahn-Nähe (Fluchtweg-Nähe) und dabei insbesondere in Nähe der A12 von ausländischen Einbrecherbanden geplagt. Die Polizeikorps der besonders betroffenen Gemeinden und Kantone haben seither ein besonderes und teils auch softwaregestütztes Augenmerk auf Einbruchprävention gelegt. Es hat sich gelohnt. 

 

Statistiker und Gemeinden mögen keine watson-Listicles 

Bis zur Kriminalstatistik aus dem Jahr 2014 haben wir jeweils unter dem Label «Statistik absurd» die fünf «kriminellsten» Gemeinden der Schweiz herausgesucht oder gezeigt, in welchen Gemeinden welche Delikte besonders häufig sind. Diese Präsentation interessanter statistischer Ausreisser ist nicht überall gleich gut angekommen. So hatte etwa eine welsche Gemeinde die höchste Diebstahlquote, weil ein grosses Shopping-Zentrum alle Einkaufswagen-Diebstähle angezeigt hat. Und Frick (AG) war jeweils wegen des Betrugsfalles um die ASE und die Basler Kantonalbank die «kriminellste» Gemeinde, weil es in diesem einen Fall Hunderte von Geschädigten gab. 

Nun publiziert das Bundesamt für Statistik die polizeilichen Anzeigestatistiken nicht mehr auf Gemeinde-, sondern nur noch auf Bezirksebene. Bereits letztes Jahr hat das BFS die Publikation der Gemeindedaten trotz expliziter Anfrage von watson nicht publiziert. Die entsprechende Anfrage für 2016 ist hängig, es habe sich aber «an den grundsätzlichen Überlegungen nichts geändert», wie ein Sprecher sagte. 

Wir bleiben dran und bis es so weit ist, hier nochmal die entsprechenden Rankings der vergangenen Jahre: 

(thi)

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