«Korruption und Gigantismus» – das sagen Politiker zu Olympia in der Schweiz
Das Olympische Feuer ist in der Schweiz nicht richtig entfacht. Die Schweizer Kandidatur für die Olympischen Winterspiele 2038 erfährt aktuell mehr Gegenwind als Rückhalt.
Das zeigt eine exklusive und repräsentative Umfrage, die watson zusammen mit dem Forschungsinstitut Demoscope durchgeführt hat.
Eine Minderheit von 42 Prozent der Schweizer Bevölkerung steht hinter den Spielen. 51 Prozent lehnen sie ab, sieben Prozent sind unentschlossen.
Wie reagiert die nationale Politik auf die Umfrage, die erstmals national abbildet, wie die Schweizer Bevölkerung zu Olympia im eigenen Land steht? Und was sagt der Verein Switzerland 2038, der für die Schweizer Kandidatur weibelt?
Jon Pult (SP): «Korruption und Gigantismus»
Jon Pult, SP-Nationalrat aus dem Kanton Graubünden, ist nicht erstaunt darüber, dass Olympische Winterspiele in der Schweiz wenig Rückhalt in der Bevölkerung geniessen: «Dort, wo die Bevölkerung abstimmen konnte, hat sie in den letzten zwei Jahrzehnten immer Nein gesagt zur Austragung von Olympischen Spielen».
So lehnte die Bündner Bevölkerung im Februar 2017 eine Kandidatur des Kantons für die Winterspiele 2026 mit 60 Prozent ab. Jon Pult bekämpfte das Projekt an vorderster Front. Dem aktuellen Projekt steht er wieder skeptisch, aber nicht grundsätzlich ablehnend gegenüber.
Auch im Wallis scheiterte 2018 eine Kandidatur des Kantons an der Urne. Konkret versagten die Walliser und Walliserinnen einen Unterstützungskredit von 100 Millionen Franken – und zogen der Bewerbung damit faktisch den Stecker.
Für Pult ist klar: Die Schweizer Bevölkerung sieht Olympia hauptsächlich wegen des Olympischen Komitees (IOK) kritisch.
Das IOK habe in seiner jüngeren Geschichte wiederholt bewiesen, dass ihm die Bedürfnisse der lokalen Bevölkerung und der Umwelt weniger wichtig sind als der maximale Profit. Deswegen würden Olympische Winterspiele für die lokale Bevölkerung mehr Last denn Nutzen bedeuten, sagt Pult.
Die Schweiz hat beim IOC einen privilegierten Zugang für eine Kandidatur der Winterspiele 2038. Das heisst: Reicht die Schweiz einen Vorschlag ein, der zur Zufriedenheit des IOC ist, hat sie den Zuschlag quasi auf sicher. Verpasst die Schweiz nicht eine einmalige Gelegenheit, wenn sie darauf verzichtet?
Pult widerspricht: «Die Idee, dass die Reputation der Schweiz in der Welt daran hängt, ob man Olympische Spiele durchführt oder nicht, halte ich für unendlich naiv.»
Die Schweiz bekunde auf dem internationalen Parkett gerade Probleme, weil sie ihr Verhältnis zu Europa noch nicht geklärt und darum in der neuen Weltordnung zu wenig Verbündete habe:
Entscheidend ist für Pult, dass die Schweizer Bevölkerung darüber entscheiden kann, ob es zu Olympischen Spielen in der Schweiz kommt. «Ich finde es skandalös, dass die Befürworter schon jetzt ausschliessen wollen, dass es eine Volksabstimmung gibt.» Pult fordert, dass der Kredit dem Referendum unterstellt wird.
«Marcel Dobler (FDP): Konzept hat auf alle Bedenken eine Antwort»
Marcel Dobler, FDP-Nationalrat aus dem Kanton St.Gallen, unterstützt Olympia 2038 in der Schweiz. Die Umfrage von watson bezeichnet er als «unglücklich».
Sie fokussiere, so Dobler, einseitig darauf, wie viel Olympische Spiele in der Schweiz die Allgemeinheit kosten würden. «Es ist aber zu erwarten, dass sie auch bis zu 350 Millionen Franken an zusätzlichen Steuereinnahmen einbringen werden.»
Das Unterstützungs-Komitee habe zudem alle in der Umfrage genannten Kritikpunkte entkräftet:
Frühere Austragungen der Winterspiele liefen finanziell regelmässig aus dem Ruder, wie eine Studie der Universität Oxford aus dem Jahr 2024 zeigte. Demnach haben bis dato alle Austragungen der Olympischen Spiele, egal ob im Sommer oder im Winter, die budgetierten Kosten überschritten, im Schnitt um 132 Prozent. Die Spiele in Lillehammer 1994 überschritten das Budget um über das Dreifache, diejenigen in Peking vor vier Jahren um fast das Doppelte.
Wie will Dobler verhindern, dass das der Schweiz auch passiert? «Es ist absolut zentral, dass weder Bund noch Kantone eine Defizitgarantie übernehmen», sagt er. Heisst im Klartext: Über die knapp 400 Millionen Schweizer Franken hinaus würden auf die Allgemeinheit garantiert keine weiteren Kosten zukommen.
Dass die politischen Befürworterinnen und Befürworter von Olympia das Projekt an der Bevölkerung vorbei entscheiden wollen würden, lässt Dobler nicht gelten. Er führt aus, dass es auf nationaler Ebene um einen Betrag von 200 Millionen Franken geht.
Da es sich dabei um einen Planungsbeschluss handelt, unterliegt dieser nur einem fakultativen Referendum, wenn es sich um ausserordentlich hohe Summe handelt. Das ist für Dobler nicht der Fall:
Wenn man die 200 Millionen Franken vom Bund auf die nächsten 12 Jahre herunterrechne, entspreche das einer jährlichen Ausgabe von knapp 17 Millionen Franken pro Jahr bis zu den Spielen, sagt Dobler.
Dobler stützt deshalb die Argumentation des Bewerbungskomitees, dass nicht zwingend eine Abstimmung nötig sei.
Frédéric Favre, CEO Kandidatur-Komitee
Der Verein Switzerland 2038, der die Kandidatur für die Spiele 2038 in der Schweiz vorantreibt, gibt sich auf Anfrage von watson kämpferisch. CEO Frédéric Favre sagt, sie stünden am Anfang des Projekts und hätten noch nicht aktiv kommuniziert. Er wertet die Ergebnisse der Umfrage positiv:
Favre kann nachvollziehen, dass die Bevölkerung sich um die hohen Kosten sorgt. Wie Dobler betont auch er, dass die Steuerzahlenden keine Defizitgarantie abgeben müssen.
Um die Bevölkerung vom Projekt zu überzeugen, wollen Favre und das Kandidatur-Komitee aufzeigen, dass die Schweizer Kandidatur neue Wege beschreite:
Trotzdem: An den Geldern der öffentlichen Hand hängt viel. Das lässt auch Favre durchblicken: «Sollten die Beiträge der öffentlichen Hand reduziert werden müssen, müsste das Projekt entsprechend angepasst werden.»
Bei den Unterstützerinnen und Unterstützern der Schweizer Kandidatur ist man zuversichtlich: Schliesslich habe die Stadt München jüngst mit ihrer Olympia-Kandidatur dank einer transparenten und klaren Kommunikation Erfolg gehabt. «Davon wollen wir uns inspirieren lassen», sagt Favre.
